> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...04.11.1788 Herder an seine Frau (450)

2015-11-19

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...04.11.1788 Herder an seine Frau (450)



4. November

Rom. Herder an seine Frau

Karoline Herder hat nach Italien berichtet, was Goethe zu Herders mißlicher Lage in seiner Reisegesellschaft sage, z.B. Jedermann leide daran, das er seine Eigenheiten durchsetzen wolle, auch oft am unrechten Orte. Herders Eigenheit sei Zartheit und Nachgiebigkeit; er hätte zur rechten Zeit sich überwinden und sein Recht vertreten sollen.

Liebes Weib, die Regeln aus Goethes Munde schmecken mir nicht. Was sollen die Tadeleien, die Korrektionen, wo uns ja das Schicksal selbst scharf gnug korrigieret! Ist diese zärtliche Schonung meine Eigenheit, so kann ich nicht dafür; ich kann ohne sie nicht leben und will lieber untertreten werden als untertreten. Du hast überhaupt gefehlt, daß Du ihm aus meinen Briefen so viel mitgeteilt hast. Ich schrieb für Dich und gewiß für keinen Andern ... 

Wie Goethe hier gelebt hat ..., kann, mag und will ich nicht leben ... 

Goethe spricht über Rom wie ein Kind und hat auch wie ein Kind, freilich mit aller Eigenheit, hier gelebet; deshalb er’s denn auch so sehr preiset. Ich bin nicht Goethe; ich habe auf meinem Lebenswege nie nach seinen Maximen handeln können; also kann ich’s auch in Rom nicht.

8. November: ... auch von Goethes Gesellen habe ich eigentlich wenig. Es sind junge Maler, mit denen am Ende doch nicht viel zu tun ist, geschweige daß ich mit ihnen jahrelang leben sollte. Goethe wohnte unter ihnen und wußte sie zu brauchen, wie er sie auch durch Arbeiten, die er für die Herzoginmutter bestellte und machen ließ, zu belohnen wußte. Das alles kann ich nun nicht. Sie sind alle gutwillige Leute, aber von meinem Kreise zu fern abliegend ...

Nimm ja diesen Brief nicht übel. Glaube auch nicht, daß ich etwas gegen Goethe habe. Alles, was er sagt, ist wahr, und ich habe ihn lieb wie meinen Bruder.

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