> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...Um das Ende des Jahres 1792 Helene Jacobi an Gräfin Sophie Stolberg (580)

2015-12-15

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...Um das Ende des Jahres 1792 Helene Jacobi an Gräfin Sophie Stolberg (580)



Um das Ende des Jahres

Pempelfort. Helene Jacobi an Gräfin Sophie Stolberg

Die Politik hat mir zu viel Greuel, als daß ich nur davon anfangen möchte, und Goethe zu viel Gutes und Schönes, als daß ich damit zu Ende kommen könnte. 

Er ist und bleibt der wahre Zauberer ... Was die Leute Sonderbares von ihm schwatzen und reden, ist, weil sie immer nur die linke Seite sehen. Und das ist auch das Verkehrteste an ihm, daß er so gerne das Verkehrte an sich herauswendet. Ich verglich ihn deswegen einmal gegen ihn selbst mit einer Hautelisse auf dem Gestell; wer sich nicht bückt, die untere Seite zu sehen, wird die schönen Farben darin nicht ahnden oder die Ware für sich mögen. 

Ihm ward unendlich wohl unter uns, und der Abschied kostete ihm viel. Fritz und er haben sich tiefer durchdrungen und inniger erkannt wie je. Fritzens offenes, sanftes Wesen, seine fromme und doch so freie Seele haben Goethen sehr ergriffen, und so ergriffen, daß ich fast glaube, daß die Folgen davon in eigener Sinnesänderung bei ihm spürbar sein werden. Denn Wahrheit ist ihm teuer, sobald er als Wahrheit sie erkennt; aber ihr falsches Bild ihm auch so verhaßt, daß sie eben deswegen die größte Gefahr bei ihm läuft; denn indem er jenes rastlos verfolgt, stürzt er über diese oft hin und tritt sie mit Füßen. Um nicht betrogen zu werden von dem, was er scheut, betrügt er sich selbst um das, was er liebt; und je blühender die Schöne ihm entgegenkommt, desto vorsichtiger glaubt er in ihr nur die feine Schminke der Falschen zu erblicken. Auch ist es in unserer Natur, der Brillen nicht zu mögen, weil wir Schwäche des Alters mit dieser Hilfe zu verbinden gewohnt sind; und so wird das Auge oft blind, bis man sieht, daß man nicht sehen kann! 

Goethe hat mir unendlich hohen Genuß gegeben; aber auch manchen tiefen Schmerz der Seele. Je mehr ich ihn liebte, desto ängstlicher hätte ich ihn schützen mögen, daß er sich selbst wenigstens nicht schade.

Am 16. Dezember kam Goethe wieder bei den Seinen an. In diesem Jahre war noch ein zweites Stück seiner .Beiträge zur Optik' erschienen. Ein drittes wurde angekündigt, blieb aber aus.

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