> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...23.03.1792 Böttiger in seinem Tagebuch (561)

2015-12-12

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...23.03.1792 Böttiger in seinem Tagebuch (561)



23. März

Weimar. Böttiger in seinem Tagebuch

Sitzung des Gelehrten-Vereins. Vorträge von Kästner und Bertuch

Nun überraschte uns Goethe mit einem Aufsatz, dessen Ankündigung ebenso befremdend als die Ausführung hinreißend und unterhaltend war. Es ging ein auf einen Bogen gezeichneter Stammbaum herum, und zugleich kündigte uns Goethe an, er wolle uns etwas über Cagliostros Stammbaum und die Familie dieses Wundermannes vorlesen ...

Nun erzählte Goethe mit seiner unnachahmlichen Kunst, zu erzählen und Familienszenen zu malen, seinen Eintritt in die kleine Wirtschaft dieser armen Bürgerfamilie ...

Noch hat Goethe eine Summe in den Händen, die er der armen Familie, welche durch Cagliostros neueste Schicksale in Rom aller Hoffnung beraubt sein muß, noch zuschicken wird. — Einer aus der Gesellschaft glaubt, es sei das Honorar, welches Goethe von Unger in Berlin für das Manuskript des „Großkophta“ erhalten hat. Mir ist’s auch aus andern Gründen wahrscheinlich; und so wäre es in der Tat höchst sonderbar, daß eine Summe Geldes, die durch ein Schauspiel erworben wurde, das Cagliostros Betrügereien und stirnlose Frechheit geißelt, dieses nämlichen Cagliostros alter Mutter und hülfloser Schwester in Palermo zur Erquickung gereicht und daß beides ein und derselbe Deutsche tat.

Vergeblich würde ich mich übrigens bemühen, die Schilderungen und kleinen entzückenden Details wiederzugeben, die Goethe in die Erzählung dieses kleinen Reiseabenteuers zu verweben gewußt hat.

Ende März erschien ,Der Groß-Kophta' bei Unger in Berlin. Dort kamen von jetzt an (bis 1800 in 7 Bänden) Goethes Neue Schriften heraus. Der erste Band enthielt außer dem ,Groß-Kophta': ,Des Joseph Balsamo, genannt Cagliostro, Stammbaum und ,Das römische Carneval'.

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