> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...10.12.1792 Friedrich Jacobi an Johanna Schlosser (579)

2015-12-15

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...10.12.1792 Friedrich Jacobi an Johanna Schlosser (579)



10. Dezember


Pempelfort. Friedrich Jacobi an Johanna Schlosser

Goethe war vom 6. November bis 4. Dezember bei Jacobi gewesen. Letzterer erklärte sich für zu kränklich und durch die Kriegsgefahren zu erregt, um ordentlich zu berichten.

Du tust Goethe gewiß unrecht, wenn Du ihn einer Verachtung gegen Schlosser beschuldigst. Ich habe ihn hierüber gleich den Morgen nach seiner Ankunft vorgenommen und ihm mit dürren Worten gesagt, was mir Schlosser vorigen Sommer geschrieben hatte, nämlich: wenn ihn Goethe verachte, sei er ein Narr, und wenn er etwas wider ihn habe und es ihm nicht sage, ein schlechter Mensch. — Es tat ihm weh, dies zu hören, das sah ich, und es war ihm gewiß Ernst mit der Versicherung, daß er zwar Vorwürfe, aber nicht diese verdiene; er ehre und liebe Schlossern, aber Schlosser habe für ihn etwas Unverträgliches, weswegen er sich vor ihm scheue. Dies war die Substanz von dem, was er vorbrachte ...

Goethe habe viele Zeichen gegeben, das er mit Schlosser wieder gut stehen möchte.

Was Du von Goethes Stolz im allgemeinen sagst, lasse ich Dir gelten. Ich habe ihn von dieser Seite jetzt noch viel näher kennengelernt, auch durch eigene Bekenntnisse, die er mir von seinem Ehrgeize und seiner Eitelkeit ablegte. Viele seiner Handlungen, die ich ehmals nicht begriff oder mir doch nicht genug auslegen konnte, begreife ich jetzt vollkommen. Auch ist Dein Verdacht in Absicht des Mangels an Glut im Mittelpunkt seines Wesens nicht ganz ohne Grund. 

Aber Du nimmst mir dieses oder jenes, überhaupt den ganzen Menschen nicht recht zusammen und vergissest, wie Du ihn ehmals gekannt hast. Zum Beispiel in Deinem gestern angekommenen Briefe steht: „Das Alkibiadische modelt sich wohl für den Moment in alle Formen und mißt sie sich selbst gern an, des Genusses wegen. Man macht nicht gern mit seiner Person die schroffe Ecke zwischen einem Kreise der unter sich harmonisch sich bindenden Figuren, oder es gehört eine Festigkeit dazu usw.“ — Dies paßt nun einmal gar nicht auf den Goethe, den Du mit eigenen Augen gesehen, so oft hin und her betrachtet und ändern dargestellt hast. Gern mager überall hervorglänzen und der Erste sein; aber durch Akkommodation zu gelten, ist ihm verhaßt. Auch übermannt ihn nicht leicht das Wohlgefallen an ändern; und wo es ihn übermannen will, da ist seine erste Bewegung, zu widerstehen. Hat es ihn überrascht, so widersteht er nachher aus Überlegung. 

So hat er es auch hier getrieben, und ich weiß von keiner Verwandlung, außer in Meinungen, welches vielleicht in der Folge doch auf ihn wirken kann. Ohne dieses wird die Stimmung, die er hier empfing, nicht lange halten. Diese aber war so, daß er bei seinem Charakter sie nicht hätte annehmen können, wenn nicht zugleich in seiner Denkungsart eine große Veränderung vorgegangen wäre. Hätte ich Dir meinen Bericht abstatten können, so hättest Du gewissermaßen selbst gesehen und würdest begreifen, was ich meine und nicht meine. 

Getäuscht hat mich Goethe diesmal gewiß in nichts.

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