> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...20.03.1793 Davit Veit an Rahel Levin (581)

2015-12-16

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...20.03.1793 Davit Veit an Rahel Levin (581)



1793

20. März

Gotha. Davit Veit an Rahel Levin

David Veit, ein angehender Student der Medizin in Jena, 22 Jahre alt, kam mit seinem Oheim Simon Veit nach Weimar. Sie hatten einen einführenden Brief von Prof. Moritz bei sich. Simon Veit war Schwiegersohn von Moses Mendelsohn, doch das beachtete Goethe nicht.

Das erste, was mir an ihm auffiel und Sie zu wissen verlangen, war seine Figur.
Er ist von weit mehr als gewöhnlicher Größe, und dieser Größe proportioniert dick, breitschulterig ... 

Die Stirn ist außerordentlich schön, schöner, als ich sie je gesehen; die Augenbraunen im Gemälde vollkommen getroffen, aber die völlig braunen Augen mehr nach unten zugeschnitten als dort. In seinen Augen ist viel Geist, aber nicht das verzehrende Feuer, wovon man soviel spricht. Unter den Augen hat er schon Falten und ziemlich beträchtliche Säcke; überhaupt sieht man ihm das Alter von 44 bis 45 recht eigentlich an, und das Gemälde ist in der Tat zu jugendlich; es müßte denn wahr sein, was man in Weimar allgemein behauptet, daß er während seinem Aufenthalt in Italien merklich gealtert habe. Die Nase ist eine recht eigentliche Habichtnase, nur daß die Krümmung in der Mitte sich recht sanft verliert ... Der Mund ist sehr schön, klein und außerordentlicher Biegungen fähig; nur entstellen ihn, wenn er lächelt, seine gelben, äußerst krummen Zähne. Wenn er schweigt, sieht er recht ernsthaft, aber wahrhaftig nicht mürrisch, und kein Gedanke, keine Spur von Aufgeblasenheit. Auch dem Dümmsten müßte Aufgeblasenheit an einem Menschen mißfallen, der in Sprache und Manier so ganz simpel wie jeder Geschäftsmann ist. 

Das Gesicht ist voll, mit ziemlich herabhängenden Backen. Im ganzen ist das Gemälde wohl getroffen; aber es macht doch einen sehr falschen Begriff von ihm. Sie würden ihn gewiß nicht erkennen. Er hat eine männliche, sehr braune Gesichtsfarbe. Die Farbe der Haare ist etwas heller. Er trägt das Vorderhaar ratzenkahl abgeschoren, an den Seiten ausgekämmt und völlig anliegend, einen langen Zopf, weiß gepudert. 

Die Binde im Porträt verstehe ich gar nicht. Lips muß ihn haben putzen wollen. Seine Binde ist eine von den unter gesetzten Männern ganz gewöhnlichen, hinten zugeschnallt, vorne glatt und dünn und wegen dem übergelegten Hemdkragen wenig zu sehen. Die Wäsche fein, mit wenig vorstehendem Jabot. Kleidung: ein blauer Überrock mit gesponnenen Knöpfen, doppeltem Kragen (der eine über die Schultern, der stehende nicht recht hoch), eine schmalgestreifte Weste von Manchester oder ähnlichem Zeuge und — vermutlich Beinkleider; der Überrock bedeckte sie; kalblederne, ordinäre Stiefel. 

Alles zusammengenommen, kann er ein Minister, ein Kriegsrat, ein Geheimrat, allenfalls ein Amtmann sein, nur kein Gelehrter und gewiß kein Virtuose. In Berlin würde ihn jeder einheimisch glauben. 

Er hat uns ungemein höflich aufgenommen. Als er auf uns zu kam, sah er uns recht freundlich an sein Blick ist gewöhnlich ernsthaft, aber ohne alle Arroganz, wie es scheint; wenn er sich nicht an einen wendet, so sieht er gesenkt zur Erde, mit den Händen auf dem Rücken, und spricht so fort... 

Er ließ sich nun noch über unsere Reise selbst, über die Kriegsoperationen mit uns ein, sprach aber von keiner Partei mit Dezision, jedoch immer überaus natürlich, als ob er nur die Sachen, nicht die Worte suchte. Man hört’s ihm noch manchmal an, daß er aus dem Reich ist, wie er uns auch selbst sagte. 

Das Zimmer, in welchem wir standen, sitzen ließ er uns nicht, war mit grünen Tapeten ganz modern geziert, Gemälde und Köpfe ringsumher, von der Größe wie das Studierzimmer der Herz, ein völliges Quadrat; zwei Mahagonitische, ein Spiegel, sechs Lehnstühle, weiß, mit grün und weiß gestreiften seidenen Polstern. 

Eine Viertelstunde (eher mehr als weniger) hielt er uns auf, machte dann eine bedeutend lächelnde Miene, und wir waren nicht dumm... Er begleitete uns aus der Antichambre und war noch beim Abschiede sehr höflich...

Mit dem Theater muß es traurig aussehen; der Geschmack des Publikums für Operetten geht so weit, daß Lust- und Trauerspiele wenig besucht und gegeben werden. Das Orchester wird gerühmt ... Der erste Sänger ... hat mit seiner Frau, die Sängerin ist, wöchentlich 16 Taler Gage. Das Theater ist sehr klein. Dittersdorf wird häufig gegeben. Wieland versäumt Operetten niemals ..., Goethe selten. Beim Theater ist Goethe just das, was Engel in Berlin, und soll zu seiner Verbesserung schon viel beigetragen haben ...Goethe ist hier unter vielen Volksklassen (ich habe in den sechs Stunden viel Leute gesprochen) als sehr freundlich, gutmütig bekannt und hat die allgemeine Achtung und Liebe. Die mittlern Stände nennen ihn den Genius des Orts...

Die Vulpius ist 26 bis 27 Jahre alt, nicht hübsch (ich selbst habe sie nicht gesehen), ihm zur Linken angetraut, kommt nie in sein Haus. Er besucht sie nicht täglich, indessen soll sie noch viel Einfluß auf ihn haben. Länger als zwei bis drei Stunden ist er nie bei ihr. Das Antrauen war die Folge des jungen Goethe, der jetzt im dritten Jahre sein soll. Er unterstützt die ganze Familie, schafft dem Bruder, der Schriftsteller ist, Verleger usw.

Zur Cour kommt Goethe freilich. Aber wenn der hohe Adel bei dem Herzog speist, kann er nicht zur Tafel gezogen werden. Diesen hohen Adel habe ich gestern bei der Herzogin in einem Saale speisen sehen, über welchem eine Galerie für die Zuschauer erbaut ist.

In den herzoglichen Park hat Goethe unter andern sehr viele ausländische Pflanzen hingesetzt, damit ihm das Studium der Botanik nicht allzu kostbar werde. 

Seine nähere Bekanntschaft erhält man sehr schwer. Die Menschen, welche ich gesprochen, wissen alle keinen, mit dem er sehr genau umgehet.

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