> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen....07.06.1790 Huber an Körner (532)

2015-12-06

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen....07.06.1790 Huber an Körner (532)



7. Juni

Mainz. Huber an Körner

Ich habe den „Faust“ gelesen. Es ist ein tolles, unbefriedigendstes Gemengsel, aber freilich voll von Schönheiten, die ganz einzig sind.

Im Lesen, und wenn man fertig ist, fallen verschiedene Stellen auf, in welchen man verborgenen Sinn ahnet und die auf eine Art von hoher philosophischer Idee des Ganzen zu deuten scheinen. Aber ich glaube, daß man sich am Ende irrt, und Goethe scheint im Gange der Geschichte und im Ganzen der plumpen Pöbelmoral, die an sich in der Tradition liegt, getreu geblieben zu sein: Faust ergibt sich dem Teufel, der ihn liederlich macht und am Ende holt.

Auf Sinnlichkeit scheint das ganze Gewicht gelegt zu sein. Das Edlere im Faust liegt abgerissen da und hängt nicht einmal mit jenem zusammen. Auch appuyiert Mephistopheles auf nichts anderes, selbst in Stellen, die beim ersten Anblick was Höheres zu bedeuten scheinen, wie z. B. die: 

Verachte nur Vernunft und Wissenschaft,
Des Menschen allerhöchste Kraft usw.

Der erste Monolog des Faust hat vielleicht für die Initiierten verborgenen Sinn, der mir entgeht. Gretchen ist allerliebst. Ihre religiöse Szene mit Faust rührend und schaudernd, wie ich weniges kenne.

Die Initiierten: Freimaurer, Illuminaten, Rosenkreuzer.

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