> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...24.08.1792 Huber an Körner (573)

2015-12-14

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...24.08.1792 Huber an Körner (573)



24. August

Mainz. Huber an Körner

Endlich habe ich Goethe kennengelernt; er war diese Woche zwei Tage hier, und ich habe zwei Abende mit ihm zugebracht. Er war gesellschaftlich lustig, und ich bin in dieser Rücksicht sehr erbaut von ihm gewesen. Übrigens treibt er das Vermeiden aller Individualität im Umgang bis zum Lächerlichen; es war zum Beispiel zweimal, durch einen höchst natürlichen Zusammenhang, von Dir die Rede, ohne daß auch nur eine Silbe von ihm herauskam. Die ihn früher kannten, finden, daß seine Physiognomie etwas ausgezeichnet Sinnliches und Erschlafftes bekommen hat. Zugleich scheint er Politica im Kopf zu haben, wozu ich ihm denn von Herzen gratuliere.

Indessen freute mich, nachdem der erste Anfall von zurückstoßender Steifigkeit vorbei war, die milde Leichtigkeit und der Schein von Anspruchlosigkeit in seinem gesellschaftlichen Ton. Den ersten Abend wurden wir alle durch guten Wein gestimmt; er hatte Einfälle, mit Raisonnement vermischt, und war würklich lebhaft; in Augenblicken machte es mir vielen Spaß, seine Mutter ganz in ihm wiederzufinden, und das war dann, wenn er launig-kräftig etwas auseinandersetzte, worin eben ihre Originalität vorzüglich liegt. Den zweiten Abend tranken wir Bier, wobei denn für die allgemeine Konversation viel verlorenging, aber er erzählte sehr niedlich und launig manches von Italien und war durchaus leicht und gutmütig ...

An Begeisterung für ein höheres Ziel glaube ich in Goethe nicht mehr, sondern an das Studium einer gewissen weisen Sinnlichkeit, deren Ideal er vorzüglich in Italien zusammengebaut haben mag und in welche denn mannigfaltige und, gegen seinen ehemaligen Geist, oberflächliche Beschäftigungen mit wissenschaftlichen und andern vorhandnen Gegenständen mit einschlagen. Vielleicht hat er recht, vielleicht auch nicht.

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