> Gedichte und Zitate für alle: F. Dingelstedt: kosmopolitischer Nachtwächter: Empfindsame Reisen-4 (69)

2016-01-12

F. Dingelstedt: kosmopolitischer Nachtwächter: Empfindsame Reisen-4 (69)




 4.

Es war ein Sonntag-Morgen im Mai,
Das ich am Pilatus fuhr vorbei.

Ein Freund saß neben mir im Kahn,
Wir sahen uns Wasser und Felsen an.

Der See lag glatt wie ein Spiegel da,
Kein Segel, kein Ruder fern und nah.

Um die Alpen flogen ungestalt
Nebel und Wolken, zu Klumpen geballt;

Nur wenn das Sonnenlicht sie brach,
Zerrissen die Schatten allgemach.

Auf einmal flammten Zinken und Höhn
In heller Verklärung wunderschön.

Ich jubelte: Trifft erst die Spitzen ein Strahl,
So fällt auch bald der Nebel im Tal.

Mein Freund schwieg still und nickte für sich,
Nach kurzer Weile ergriff er mich

Und wies auf die Felsen und wies ins Tal, –
Das war eine Nacht, ein Nebel zumal.

Im See und am Himmel kein bißchen Blau,
Nichts Grünes am Ufer! – Nur Grau in Grau!

Wir drückten uns stark und stumm die Hand,
Wir dachten – an unser Vaterland.

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