> Gedichte und Zitate für alle: F. Dingelstedt: kosmopolitischer Nachtwächter: Nachtwächters Weltgang-Station1-6 (27)

2016-01-09

F. Dingelstedt: kosmopolitischer Nachtwächter: Nachtwächters Weltgang-Station1-6 (27)




 6.

Aus kleinen Wurzeln sprossen starke Bäume,
Ein mächt'ger Strom entspringt aus dunklem Quell:
Dran mahnen diese unscheinbaren Räume,
Ehmals dein Zelt, erwähltes Israel!

Die Sonne dringt, des Mondes Leuchten nimmer
In jene Hütten voller Rauch und Schmutz,
Und nur der Sabbatslampe seltner Schimmer
Bestrahlt den innen streng versteckten Putz.

Wie dräuend-schwer die Giebel überhängen,
Von Dampf geschwärzt, von Alters Wucht gebeugt!
Wie sie zu Schutz und Trutz zusammendrängen,
Als hätte die Gewalt sie hergescheucht!

Aus niedren Pforten, wie aus Mördergruben,
Gähnt ew'ges Dunkel rätselhaft dich an,
Und schmale Stiegen klimmen auf in Stuben,
Durch deren Fenster nie ein Lichtstrahl rann.

Und stete Nässe in der engen Gasse,
Die krumm und winklicht ihres Weges schleicht,
Und vor den Türen hagre, scharfe, blasse
Gesichter, von der Leidenschaft gebleicht.

Das Judenviertel! – O Barbaren-Zeiten,
Da man ein Volk hier sklavisch eingezwängt,
     Und da des Nachts am Tor, zu beiden Seiten,
Ein unerbittlich-ehern Schloß gehängt;

Da jeder von des Reiches Kammerknechten
Sein Judenzeichen samt der Kalle trug,
Und da der Junkherr mit der kecken Rechten
Straflos in des Ebräers Antlitz schlug!

Sie sind dahin, die vielgeschmälten Tage,
Das Blättlein hat schon leise sich gewandt,
Und Juda ringt uns unter ew'ger Klage
Listig das Heft aus ungeschickter Hand.

Emanzipiert, wie Ihr es einst verrammelt,
Dies zähe Volk, die Mode wechselt ja;
Es hat schon längst zu Haufen sich gesammelt
Und steht als Macht, Euch gegenüber, da.

Den Landmann drängt es hart aus seinem Sitze,
Den Krämer scheucht es von dem Markte fort,
Und halb um Gold, und halb mit Sklavenwitze
Kauft es dem Zeitgeist ab sein Losungswort.

Wißt Ihr, wie tief sein Zauber schon gedrungen?
Schaut um, die ihr von Menschenrechten träumt;
Sie reden drein mit den metallnen Zungen,
Wo scheu der Christ verstummt und zagt und säumt.

Was kann dem Stamm Emanzipieren frommen,
Der nie vom Schacher sich emanzipiert?
Was Ihr ihm schenken wollt hat er genommen,
Dieweil Ihr um Prinzipien disputiert!

Wohin Ihr faßt, Ihr werdet Juden fassen,
Allüberall das Lieblingsvolk des HErrn!
Geht, sperrt sie wieder in die alten Gassen,
Eh' sie Euch in ein Christenviertel sperrn!

alle Gedichte des Nachtwächters                                                                                                weiter

Keine Kommentare: