> Gedichte und Zitate für alle: Stefan George- Das Neue Reich"- Das Licht (78)

2016-01-06

Stefan George- Das Neue Reich"- Das Licht (78)




DAS LICHT

Wir sind in trauer wenn · uns minder günstig
Du dich zu andren · mehr beglückten · drehst
Wenn unser geist · nach anbetungen brünstig ·
An abenden in deinem abglanz wes't.

Wir wären töricht · wollten wir dich hassen
Wenn oft dein strahl verderbendrohend sticht
Wir wären kinder · wollten wir dich fassen –
Da du für alle leuchtest · süsses Licht!

In stillste ruh
Besonnenen tags
Bricht jäh ein blick
Der unerahnten schrecks
Die sichre seele stört

    So wie auf höhn
Der feste stamm
Stolz reglos ragt
Und dann noch spät ein sturm
Ihn bis zum boden beugt:

So wie das meer
Mit gellem laut
Mit wildem prall
Noch einmal in die lang
Verlassne muschel stösst.

Du schlank und rein wie eine flamme
Du wie der morgen zart und licht
Du blühend reis vom edlen stamme
Du wie ein quell geheim und schlicht

Begleitest mich auf sonnigen matten
Umschauerst mich im abendrauch
Erleuchtest meinen weg im schatten
Du kühler wind du heisser hauch

Du bist mein wunsch und mein gedanke
Ich atme dich mit jeder luft
Ich schlürfe dich mit jedem tranke
Ich küsse dich mit jedem duft

Du blühend reis vom edlen stamme
Du wie ein quell geheim und schlicht
Du schlank und rein wie eine flamme
Du wie der morgen zart und licht.
                                             alle Gedichte "Das Neue Reich"                                  


Ende

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