> Gedichte und Zitate für alle: H.W.v.Gerstenberg: Tändeleien- Der Geschmack eines Kusses (5)

2016-02-26

H.W.v.Gerstenberg: Tändeleien- Der Geschmack eines Kusses (5)




Der Geschmack eines Kusses

Als ich ein Knabe war, und von meinem Vater nach Paphos geschickt wurde,
um die Liebe zu lernen: da erfuhr ich von einer Dryas – itzt, Schönen, könnt
ihr es von mir erfahren – was Küsse sind. Nie tanzten die Nymphen und die
Dryaden, ohne zu ihren Chören mich zuzulassen: denn ich war dem Gott der
Liebe geweiht, und meine ganze Bildung redte Gefühl.

Dann konnt ich Knabe mich erfreun!
Ganz Paphos schien mir Tanz zu sein.
Denn auf mir tanzten Liebesgötter,
Und unter mir die Blumenblätter.

Unter den Dryaden war eine, die mich vor allen andern immer zum Tanzen
aufforderte, und mir meine kleine Hand liebreizend drückte, und anmuthig
erröthete, wenn ich mit ihr tanzte. Auch ich drückte der Dryas freundlich die
Hand, und erröthete, wenn ich mit ihr tanzte. Noch ehe Aurora, aus dem
Oceane herauffuhr, war ich schon im Hayne, und spielte mit der holdseligen
Dryas.

Bald überrascht ich sie in Sträuchen,
Wo sie, entdeckt zu sein, sanft in das Laub gerauscht;
Bald, wenn ich mich verbarg, ward ich von ihr belauscht,
Dann floh sie, wenn sie mich belauscht,
Und ich ihr nach, sie zu erreichen.
Doch schnell verschloß sie sich in Eichen,
Und wehrte mir, sie zu erreichen.
Dann klettert ich auf manchen Baum empor,
Und hörte sie verräthrisch lachen,
Und bat, ihr Eichenhaus mir Knaben aufzumachen,
Dann sprang sie froh aus ihrer Eich hervor, –

Einst, als ich mit meiner Dryas im Hayne spielte, streichelte sie mir
freundlich die Wangen, und sprach: Drücke deine Lippen auf die meinigen, ich
drückte sie auf die ihrigen, und o Himmel! welch ein Geschmack!

So süß ist Honig nicht, der vom Hymettus fließt;
So süß ist nicht die Frucht von Surentiner Reben:
So süß der Nektar nicht, durch den unsterblich Leben
Den Göttern Ganymed in güldne Schaalen gießt.

Itzt drückte sie wieder ihre Lippen auf die meinigen. Ganz trunken von
Entzücken rief ich: o Unvergleichliche! wie nennest du diese Wollust, die von
deinen Lippen auf die meinigen strömt, so oft sie einander berühren? Sie
sprach mit einem holdseligen Lächeln: Küssen!


alle Gedichte der Sammlung                                                                                                        weiter

alle Gedichte nach Themen

Keine Kommentare: