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2016-02-27

H.W.v.Gerstenberg: Tändeleien- Lob der Treue (8)




Lob der Treue

Amor scherzte mit seiner Psyche im Myrthengebüsche. Doris, mein Mädchen,
wies mir die beiden Tändler, und wir überraschten sie, und sahen sie küssen,
und sie wurden uns nicht gewahr. O Doris, zischelte ich ihr zu:

Siehst du, wie viel aus Psychens Blicken,
Aus den verschämten Wangen spricht?
O liebe Doris! welch Entzücken! –
Ein Sterblicher begreift es nicht!

Der frohe Gott hatte seinen Köcher auf Rosen geworfen, und neben
demselben lag der ungespannte Bogen. Doris ergriff den Köcher und den
Bogen, und eilte damit ins Gebüsch. Da hörte der Gott das Rauschen der
Blätter, sprang hervor, vermißte seine Waffen, und sah verwundrungsvoll und
mit verlängertem Halse um sich her, den Räuber zu finden; aber Doris lachte
im Busch, und Amor entdeckte die Lose, und verfolgte sie durch das Gebüsch.
– Er wird sie ergreifen, rief die nahe Psyche mir zu, und dir sie wiederbringen:
setze dich hier nieder im Schatten, lieber Jüngling! Wie roth ist dein Mund!
wie gefühlvoll deine Blicke! Amor selbst ist so artig nicht, als du. – Ach ja,
Göttinn, sprach ich, er ist artiger. Itzt ist er im Busche mit meiner Doris – ach!
laß uns sie belauschen, und sehen, ob Amor dir treu ist. – Reizende Einfalt!
sprach Psyche lachend, und ging mit mir. Da hörten wir Amorn sagen:

»Willst du die Königin der Schönen,
Unsterblich, wie Cythere seyn,
Gebeut! ein dienstbar Chor von Schönen
Soll dir im Tempel Weihrauch streun,
Soll dir in Lydischweichen Tönen
Manch ehrerbietig Loblied weihn.
Dich soll die Harmonie der Sphären,
Dich des Parnasses Hymnen ehren;
Dein Trank soll edler Götterwein,
Ambrosia soll deine Speise seyn.«

Ohne dem Gott zu antworten, flog sie in meine Arme, und küßte mich. O
wie drückte ich sie an mein Herz. – Laß uns nicht ferner die Glückseligkeit der
Götter beneiden! rief ich; und mit stolzer Verachtung verließen wir Glückliche
den Amor und seine Psyche: denn was sind selbst Götterküsse ohne Treue!


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