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2016-02-23

M. Dauthenday: Ultra Violett- Im Paradies (64)




  Im Paradies

Wie weißes Eisen glüht die Sonnenluft. Jeder Atemzug ein Schluck
qualmendes Blut.
Der stumme Mann hält seinen Hut in der Hand. Die Straße hinauf. Immer
im Schatten. Den schmalsten Schattenrand benützend, und über die Strecken,
wo sie die Trottoirs besprengt hatten, mit Behagen in die glatten dunklen
Lachen.
Er war schon vorbei. Aber die Kühle zog sich ihm in den Nacken. Da trat er
zurück in die weite hohe Türe, in die eisig nächtige Kirche.
Einen Augenblick kreiste und zersprang es in flimmernden Blasen und
splitterndem Sand über seiner Haut, seinen Augen. Bis Wärme und Kälte sich
gemischt hatten. Und auch das Licht, das er in sich trug mit dem Dunkel um
ihn.
Durch die hageren langen Fenster filtrierte nur dünnes Nebellicht. Aber das
Säulengold und das Altargold troff in dem wenigen Lichte blankschweißig.
Das Purpurgehänge am Hochaltar mit dem Staubpelz blähte sich üppig in
feisten Falten.
Unten in braunen trägen Chorstühlen hockten alte Frauen und standen graue
runzlige Männer, wie in Ställe gepfercht, und andere kamen, tauchten drei
Finger in das gelbe, steinerne Weihwasserbecken und besprengten sich.
Aber alle starrten zu den goldenen Puppen und dem Bilde eines
Hingerichteten zwischen roten Marmorsäulen.
Da kam eine schamdunkle Demütigung über den stummen Mann.
Siehe, diese sind alle deine Brüder und Schwestern. Und sie knien hier,
gläubig vor dem Golde und dem Flitter und hoffen und verlangen. Und keiner
unter ihnen ahnt, daß er vor einem tauben Loche kniet.
Das Loch gibt ihnen nichts als seinen hohlen leeren Atem. Aber sie glauben
ihm, denn es läßt die Hoffnungen auf der einen Seite ungehindert ein, auf der
andern wieder hinaus. Und weil das Loch so gutmütig ist und ihr Wünschen
nicht hemmt, haben sie Gold um seinen Schlund gebaut und Marmor und
Purpur. Halten es heilig, weil es so sehr bequem, so ungemein beruhigend ist,
dies Wunschloch.
Aber es wird eine Zeit kommen mit zurückgeworfenem Nacken und Knien
von Eisen und gehärteten Augen, vor ihnen wird das Gold und aller Flitter vor
dem Loche wie weichliche Daunen zerstäuben, und sie werden den Blick der
Leere ertragen.
Es ist traurig, wie diese hier blöde wie Tiere stieren und ihre Kraft mit dem
Brüten über einem hohlen Loche verschlemmen.
Wolltest du jetzt schon an das Loch klopfen, daß seine Hohlheit ertöne,
steinigen würden sie dich. Sie würden dich steinigen.
Siehe, das sind deine Brüder und Schwestern. –
Auf den Gesimsen standen kleine weiße Figuren aus Wachs. Ein so naives,
lallendes Weiß. Es gehörte nicht in den plumpen Wust. Es ist heilig, dieses
Weiß. Dies Weiß allein ist heilig.
Und der stumme Mann mußte an sein Kind denken.
Eine Frau mit dickem Leib, hängenden Wangen und Nase und Augen spitz
      und zänkisch, stand zum Fortgehen am Weihwassertrog. Immer wieder
kreuzten die Finger Stirn, Mund, Brust, Stirn, Mund, Brust. Ihr Rock staubig
wie Spinnweben, und so gelb hornig das Gesicht. Dazu ein Blinzeln von
tückischen Wimpern.
Der stumme Mann sehnte sich nach seinem Kinde.
Er ging wieder. Die Hitze preßte sich auf seine Schultern. Diese Straße
steil, mit den bleiernen Häusern, den sonnenblanken endlos gezerrten
Gesimslinien, die Fenstervierecke in marternder Regelmäßigkeit, ein
polternder, fauldunstiger Bierwagen, Lastkarren wie Gerippe und gedunsene
erschöpfte Menschengestalten, das steigerte die Sehnsucht nach seinem Kinde.
Aber kann ich wieder zu meinem Kinde? Er stand vor einem Schaufenster,
drinnen in langen Reihen Stiefel und Schuhe, Glanzleder – und die Schuhe
oben mit zerknittertem Stanniol ausgestopft.
Er musterte sich in der Scheibe.
Etwas gebeugter ging er. Und die faltige Schneide an der Nasenwurzel war
grauer.
Dies zehrende Mohnblut, das er jetzt in sich trug! Dies stete Wimmern
lechzender Sinne!
Es war damals anders, als er täglich sein Kind besuchte.
Eine silberdünne Sehnsucht schmachtete jetzt in ihm nach diesem Damals.
Ein weiches Dehnen der Züge, die Brauen hoben, rundeten sich, und die trübe
Schicht der Augen geritzt, zerfloß.
Sein Kind! – Dieses Kind!
Es griff sich in den eigenen Blick, bis in das Herzblut tief, es rann wie
goldblauer Schnee, so rein strahlten seine Gedanken, so kühl, so durchsichtig.
Der rote Vorhang im Schaufenster zwischen zwei hohen Lackstiefeln
bewegte sich.
Er wandte sich rasch. Sein Gesicht zerknitterte wieder, aber in sich blieb er
strahlend. Und er hielt schützend die Hand über die zarten scheuen Gedanken.
Dann zu Hause.
Im Korridor quoll Seifendunst. Er ging rasch in sein Zimmer, und
zugeriegelt und gleich wieder vor den Spiegel.
Und nun mit Bekümmernis und pochendem Hoffen wieder untersucht,
Gesicht, Haltung. Würde sein Kind ihn erkennen, er war entstellt. Dann rasch
abgebrochen mit dem Zerfasern – schloß die Fenster, einen Augenblick hielt er
noch den sonnenglühenden Fenstergriff in der Hand. Unten schleppte sich eine
blaue Pferdebahn vorbei, schwer voll Menschenlast. Drüben gingen Menschen,
pfahlsteif, immer mit den Augen an den Dachfirsten entlang, und ein Knattern
und – –
Er ging ins Zimmer. Er lächelte. Immer lächelte er. Nahm die
Venusstatuetten und die Faunbüsten von den Konsolen beiseite – und die
Opiumphiole in den Spucknapf. Alles mit behaglichen gemäßigten
Bewegungen und immer noch dies Lächeln eines Feinschmeckers, dessen
Zunge im geschlossenen Munde sich zum Genusse dehnt und schwillt.
Dann noch die Etagère fortgezerrt, und die verstellte veilchenblaue Portière
war nun frei.
Er schob sie zurück. Die Ringe klirrten jäh, Staub flüchtete mehldunstig.
 Noch die Heupolsterung fortgeschleift. Störrischer Qualm, Moder wirbelten
auf, nun war sie wieder da die hohe emailleblaue Flügeltüre.
Er sah sich nochmals vorsichtig um. Horchte. Draußen nur das Glucksen
und Rieseln der Wasserleitung und oben, in der Etage über der Decke, das
Schieben eines Kinderwagens hin, her, hin, her.
Das Schloß war hartgerostet. Der Riegel brach ab.
Und dann drinnen.
Sah sich gar nicht um. Gleich an den weißen Schrank mit den silbernen
Leisten.
Erst die Wäsche. Nahm ein dünnes Nesselhemd mit zitternden Goldspitzen.
Warf die alten Kleider ab. In lange goldseidene Strümpfe bis hoch über das
Knie. Beim Ankleiden krampfte sich die Erwartung heftiger.
Wie es sich freuen wird! Ob es ihn wiedererkennen wird? – O, sein Kind!
Aber die Umgebung stocherte in sein Träumen. Der glaskühle Harzduft
vom Kleiderschrank und dann von der Toilette aus winzigen Flacons raunende
Walddüfte – Eichen und Erdbeer und Moos. Doch in ihre Kristallglätte wühlte
noch ein aufrührischer brandäugiger Dunst aus seinen alten Kleidern. Er schob
sie mit zwei Fingern zur Seite.
Dann an der Toilette. Rieb sich mit einem Kirschlederballen Gesicht und
Hände. Sprühte Maiglockenessenz über Gesicht und Hände. Das war des
Kindes Lieblingsduft.
Und immer lächelte der stumme Mann.
Dann am Schrank. Sonst war die Wahl schwer. Aber heute ohne Warten,
griff rasch hinein, und nahm alles in Scharlach.
Noch nie hatte er Scharlach genommen. Aber es war Widerspruch, Macht
in dieser Farbe, das schmiegte sich an seine Stimmung. Es mußte sich selbst
trotzen, deshalb Scharlach.
Weite, gesträubte Beinkleider in schwellenden Bäuschen bis zum Knie. Mit
Watte gepolstert weiche Wülste auf den Schultern. Daran offene langflatternde
Ärmel in Feuerzungen gefranst. Dies Seide. Und das Wams Samt mit
frohlockenden Lichtern und dumpfen gesättigten Tiefen. Samt auch die engen
knappen Ärmel bis zum Handgelenk. Um die Hüften ein Gürtel, spitz zum
Schoß, starr aus gleißenden Rotgoldschuppen, die Schuhe rotes Leder mit
geschmeidigen Sohlen und Rubinspangen.
Er streichelte die Seide und rieb sie, bis sie elektrisch knisterte. Und koste
das üppige Rot mit den Augen im Spiegel.
Es wird sich freuen!
Es wird jauchzen!
Und er hörte des Kindes Lachen wie schmächtige gläserne Glocken.
Er streichelte von neuem die Seide, bis sie wie Schaumgold knisterte und
immer erregter wurde.
Ganz allmählich hielt er an. Seine Nasenflügel vibrierten. Er roch in die
Luft, ging rasch, und stieß die alten Kleider in eine Ecke.
Dieser brandige Dunst!
Sonst war es ihm nie so aufgefallen! Und er goß von neuem in die
Ärmelfalten und in den Hals von der Maiglockenessenz.
Rasch fort.
  Den weiten schwarzen spanischen Mantel über.
Ein geschlossener Wagen – – fort.
Der Kutscher kannte ihn.
Er fuhr ihn immer.
Aber schon in der dritten Straße wieder dieser Geruch. Er mußte aus seinem
Fleische kommen. Er hielt die Hände vor den Mund, hauchte hinein. Aber sein
Atem war rein. Doch – ganz deutlich, als er die Handflächen beroch – es kam
aus den Poren.
Sein Kind – nein, er durfte es so nicht küssen.
Er klopfte an die Vorderscheibe, der Kutscher bückte sich, er zog an der
Gurte, das Fenster fiel nieder.
Bei einer Parfümerie soll er halten.
Hyazinthenduft oder Jasmin. Das mußte alles andere durchwirken. Der
Kutscher brachte Jasmin.
Und er schüttete es im rüttelnden Wagen über Hände, Gesicht, goß es in die
Schuhe und in den Nacken, bis nur noch ein Stechen und Raufen um ihn war,
und er ganz wund von den keifenden Düften.
Nach einer Viertelstunde über die letzte Brücke draußen, am Ende der
Stadt. Die schwarzen Kandelaber an den Brückenköpfen eben angezündet. Wie
große gepreßte Goldklumpen hing das gelbe Licht in der scharfen Abendbläue.
An der roten Kaserne vorbei. Lärm, Gejohle in der Kantine. Schlaffe,
schmauchende Soldaten bei der Wache am Eingang.
Dann eine pfeilgerade Chaussee, weiß, spitz in die Ferne getrieben, darüber
die Ulmenwölbung, ein fortlaufender grüner Tunnel. Laubgebauschte, weiche
Berge, gelbe Felder, ein träges Tal, der Fluß, und drüben wieder Berge,
Weinberge.
Beim vierzigsten Ulmenbaume halt. Der Kutscher wußte das. Er verzählte
sich nie. Aber heute – beim zweiundvierzigsten erst.
»Es war zu lange her, seit ich Sie fuhr,« entschuldigte er, lüftete den
Wachstuchhut und wischte die Schweißfunken von der Stirn.
Der stumme Mann nickte nur und stieg vorsichtig aus. Sprang über den
Chausseegraben beim dritten Baume, gleich rechts in einen dünnen Weg
zwischen hohen Ähren. Gerade mit den Augen sah er noch über die braunen
Halmenköpfe.
Er hörte den Wagen umwenden.
Noch einen Baum weiter gefahren und man hätte ihn drüben vom Paradies
sehen müssen. Der Wagen knirschte immer ferner auf der Landstraße – dann
wurde es ganz still.
Die Grannen hingen gebeugt, nur in leisem schwachen Schwanken. Die
Hitze preßte dumpfen Korngeruch aus den Ähren, und unten zwischen den
Halmschäften war die Erde aschgrau und in Rissen geborsten.
Der stumme Mann schlug den Mantel auf und ließ ihn nachschleifen. Von
dem Scharlach ging ein lauernder Schein hellrötlich an den steifen Halmen
entlang, mit jedem Schritt klirrte das Rot an andere Halme. Eine Lerche zog
sich hinauf in den Himmel, ihre Töne plätscherten nieder, aber sie rieselten nur
durch die Stille, zerstörten sie nicht.
Drüben, weit im graugelben Feld trieb dunkles, gedrängtes Grün hoch, in
       Kuppeln, in Säulen, aus dem flachen niedern Halmboden steilsteigend
zusammengepreßt, wie eine schroffe hohe Insel.
Vor dem schwarzgrünen gestauten Laub standen violette Dunstschichten, in
langen dünnen Strichen. Oben in Laubklüften zwischen runden blaudunklen
Kronen sammelten sich grüne flaumige Dämpfe, kreisten, quollen aus der
Laubtiefe und goren wieder zurück. Manchmal, blitzschnell, mitten darin,
zersprang ein Smaragdlicht und dann den Augenblick danach, schwieg alles
und lag still, – und die Laubfarbe ward röchelnder, stumpf, und die violetten
Schichten erschöpft weißgelb.
Der stumme Mann schüttelte den Kopf:
Das war sonst nie gewesen!
Er blieb öfters stehen, zog die Hutkrempe über die Augen, der scharfe
Abendstrahl blendete.
Aber auch als er näher kam, blieben die zitternden Dünste und die grünen
puffenden Dampfknäule in den Laubbrüchen.
Noch die Akazienallee.
Schweres Schilf, und blaue Lilien und schwarzgraue Lilien am Wege
entlang. Die Lilien, die blauen immer üppiger gegen das Ende der Allee und
die Blütentrauben in den Akazien schäumender.
Dann am silbernen Gitter.
Zu beiden Seiten eine blühende Lanzenwand um den Park. Grüne
Malvenzepter, Zepter bei Zepter, mit roten, und blaßgrünen, und rosigen und
weißen Blütenrosetten.
Der stumme Mann suchte an den bunten Pfeilern und wollte dem Kinde
eine ganz weiße Malve mitbringen. Aber ganz weiß keine. Die weißen alle mit
feinem roten Geäder oder einem grauen Insektenbiß.
Er ging hinein.
Seinen Mantel ab – und ins Gebüsch gelegt, behutsam, und dann mit
rauschenden Schritten leise über den blauglimmernden Rasen.
Kein Laut in dem Garten.
Rings die Bäume mit bläulichen Blättern. Eine Bläue wie aus schneidenden
Säuren.
Über den Blättern ein Vibrieren, goldgrüne Käfer und durchsichtige
Libellen in haardünnem singenden Flug.
Sonst kein Laut in dem Garten.
Kein Laut sonst.
Und mit jedem Schritte wechselten die Düfte, erst zartbitter von
Pappelblättern, dann Myrten und Duft von Reseda und Ananas. Wie opalrosige
Milchstrahlen flossen die Düfte an ihm vorbei.
Überall, wo er ging, schluckte das Laub den Scharlachschein seines
Gewandes.
Er schüttelte wieder verwundert den Kopf. Er befühlte ein Blatt, das er
gestreift, es war warm, und ein leichtes Pochen in den Adern.
Aber oben zwischen den Bäumen nichts. Durch die Kronen keine Dämpfe
mehr, – und zurück – auch draußen nichts mehr, keine Dunstschichten, – stiller
gespannter Hyazinthenhimmel, nur rötlicher, insichgekauerter als sonst.
Aber hinter ihm, durch den Rasen, in der Bläue des Grases standen seine
     Fußspuren rot, das Gras wie in Glut gefacht, und darüber zitterten dünne
Dampfringe. Wo sein Fuß einen Tulpenbecher berührt hatte, stieg vom Grunde
ein Rauchfaden, steil wie eine dünne modergraue Schlange.
Er ging schneller.
Die Stille und die Hitze, Düfte und Farben schwollen.
In einer feuchtschillernden Grotte hoben sich zwei Schwäne, zischten,
schlugen mit den Flügeln und stoben auf. Ganz weit fielen sie knatternd
nieder.
Einige Federn lagen an der warmen Stelle. Er hob sie auf. Um den Kiel lief
eine rote Windung und die Spitze war auch rot.
Er schüttelte wieder den Kopf.
Wo ist mein Weiß! Mein heiliges Weiß! –
Ein weiter blütenüberschwollener Platz. Ringsum starr stockend der violette
Laubwall. Im Blütenschaum die Häupter zweier Sphinxe, aus ernstem
Lapislazuli, tiefblau, andächtig, wie ein eherner Nachthimmel.
Über die elfenbeinblassen Blüten zuckt das Herzpochen der Sphinxe, jeder
Herzschlag ein wimmerndes Lila, ein Fluglicht aus ihren Augen, aus ihren
Brüsten über die elfenbeinblassen Blüten.
Purpurbraune Moosstufen zu einer Blütenhalle. Weiße einfache
Alabastersäulen, von Säule zu Säule rote Korallenstäbe. Die Decke des Saales
dasselbe violette Laub wie im Garten und dazwischen triefende Granatblüten
und Drachenblüten und Blutdolden, und aus allen Dolden sickert ein bläulicher
Phosphorglimmer und strählt die Säulen.
Der Phosphor schwimmt in der Halle, und die Luft ein leuchtender blauer
Nebel, alle Linien darin zart und grübelnd verschwommen.
Der stumme Mann trat tiefer hinein. Da begann in der Bläue ein Zittern, ein
fieberndes Rieseln, der Scharlach an ihm sog die Helle und es sank alles an
ihm nieder, glimmerte auf den Fäden der Seide, auf den Haarspitzen des
Samtes und zerrann.
Bald war die Luft rings kahl und klar. Die Formen in der Klarheit scharf
und unerschütterlich. Nur an den Pfeilern klopfte noch der blaue Phosphor,
aber gelähmter und dürftiger.
Der stumme Mann zitterte.
Mein Kind? – Wo bist du? –
Mein Kind? –
Es regte sich nichts. Nur der Phosphor rann nieder, und draußen pochte der
Herzschlag der Sphinxe über die Blüten. Aber sonst hing alles steif und
gläsern.
Auf den silbernen Muschelplatten des Fußbodens blauseidne Pfühle, gefüllt
mit duftigen Rosenblättern.
Der stumme Mann lag und starrte hinaus in den blauen Garten, und sein
Scharlach bräunte die blaue Seide, der Jasminduft an ihm zerfraß den scheuen
Rosenduft und alle Düfte rings.
Über dem Blütenplatz fort, drüben im matten Baumdunkel ein dünnes
Licht.
Der stumme Mann zitterte. Seine Brauen bogen sich, die Augen vorgepreßt
standen rund und steif.
    Mein Kind – mein Kind!
Wie ein blasser Eisfunke ging es fern durch die Bäume.
Kam näher.
Eine durchsichtige Gestalt.
Ein Kindergesicht.
Horchende Augen, wie blauer Marmor und Milch. Leuchtende
wachsbleiche Haare über Schulter und Nacken. Von den Schultern ein
mondblaues Gewand, in geraden Falten wie silberne senkrechte Regenstrahlen
und durch das schwache keusche Blau, der Leib in träumendem
Meerschaumweiß.
Über dem Haupte kreiste langsam ein dünner Reif aus silbernen
Blütenknospen.
Die Gestalt schwebte lautlos durch die Bäume. Die dunklen Zweige und
Äste schimmerten matt durch den hellen Leib. Der Reif schwebte immer mit
ihr.
Der stumme Mann preßte die Finger an die Schläfen. Sein Herz wurde
eisig. Seine Augen folgten stöhnend dem Gange des Kindes.
Es bückte sich oft.
Es küßte die Erde.
Und ging denselben Weg zurück, den er gekommen, und die Zweige, die er
gestreift, und die Blüten küßte es, und sein Licht zerging in der Ferne.
Der stumme Mann kroch in sich zusammen. Die Falten auf der Stirn
klemmten sich grauer und tiefer. Die Finger griffen in das Wangenfleisch. Er
kämpfte und stemmte sich gegen ein würgendes Grau, das sein Herzblut
stockte.
Über dem Garten wölbte sich die Bläue wie eine Kristallkuppel. Ganz weit
darüber flogen Wolken. Aber so fern, nur wie schwacher Rauch, und kein
Wolkenschatten fiel über die Blüten unten. Der blaue Nebel der Düfte im
Garten leuchtete aus sich selbst.
Aber die Wolken draußen flogen immer gereizter und Sturm stürzte hoch
über die Gartenbläue. Doch hier in die Tiefe drang es nur als ein Fächeln, sang
in den Äolsharfen, in den rosigen Muschelhörnern zwischen den Säulen der
Halle, und die Blüten draußen wiegten sich und stäubten feinen glimmernden
Puder.
Der stumme Mann krümmte sich und schauerte. Er stopfte sich die Seide in
die Ohren und kroch in die Pfühle, und sein Herz stöhnte:
Es ist nicht wahr, es ist nicht wahr! – mein Kind! Du wirst kommen – du
mußt – Wie ihr mich martert, ihr höhnischen Fratzen – es ist heilig hier, alles
heilig hier – fort – ich bin nicht euch – –
Aber der Scharlach grinste:
Du gehörst uns, ganz uns. Alles gehört uns.
Da wühlte er sich noch tiefer in die Pfühle, so tief, daß er durch das weiche
Rosenpolster den kühlen Muschelboden fühlte. Dann lag er erschöpft. Die
Muschelplatten vibrierten mit den Tönen der Äolsharfen. Er zählte ihr feines
Schwingen und dabei schlief er ein.
Im Traume sah er sein Kind im Küssen durch die Bäume gehen, und jeder
Kuß auf das Laub, das sein Scharlach erhitzt hatte, rann als Blutstrahl durch
   den durchsichtigen Körper des Kindes. Nach jedem Kuß reckte sich der Leib
und die Brüste schwollen. Der Knospenreif über seinem Haupte erhitzte sich
und die Knospen sprangen im Rubinlicht auf.
Dann kam es wieder den Weg zurück, es trat aus den Bäumen, da war das
gläserne Kleid von seinem Leibe geschmolzen. Der Boden rauchte hinter ihm,
und zehrte die Bläue von dem Laube und die Bläue aus der Luft. Über den
Baumwänden schwollen die Wetterwolken, geduckt, gelbbraun mit weißen
knisternden Augen.
Und das Kind kam über den Blütenschaum näher. Zu allen Seiten runzelten
sich die Blüten und zerkrümelten grau versengt.
Es kam näher zur Halle.
Der Herzschlag der Sphinxe loderte fiebernder, ein breiter schütternder
Schlag, – dann erstarrten sie, ihre Herzen zerfielen in Asche.
Er hatte sich bei dem Schlage umgewälzt. Ein röchelnder Branddunst von
qualmendem Fleische – knirschende Hitze gegen sein Gesicht. Das Kind stand
vor ihm.
Es preßte sich in heißen Linien gegen seine geschlossenen Augen.
Es bog sich über ihn. Die Augen gierig schwarz wie Tollkirschen. Vom
Rubinreif über ihr tropfte die Glut und rann in roten Schlangen am Haar
nieder, das wachsbleiche Haar hing purpurn in triefenden Bränden. In ihrem
Körper verschlangen sich gierige Adernetze und die Spitzen der Brüste
glühten.
Vater?!
Sie umschlang ihn.
Er wehrte ihr.
Aber sie kroch über ihn. Und ihr Leib drängte bebend und geschmeidig wie
heiße Gallerte an ihn.
Sie sprachen nicht.
Sie küßten sich die Gedanken in das Herz. Und ihre Umarmungen, ihre
Küsse waren Klagen und Tränen.
Draußen klirrte das Laub eisern, der Sturm rollte die Luft in polternden
Blöcken, prallte zur Tiefe, begrub die Stille, und die Muschelhörner kreischten
und barsten und die Äolsharfen zersprangen in Seufzern. Die Bläue erstickte,
nur die Dolden glommen an den Korallenstäben, der Phosphor rann in
Feuertränen an den Säulen nieder. Von allen Blüten der Decke tropfte warmes
Blut und zerspritzte pochend über den weißen Muschelboden.
Ich habe dich vergiftet, mein Kind! Ich selbst –!
Ich habe dich aus meinem Blute geboren und muß dich nun mit meinem
Blute töten, – mein Kind, – mein Kind! –
Es hörte nicht mehr. Es war eine Gier über das blasse Geschöpf gekommen,
es warf sich über den stummen Mann, zerschnitt mit den Zähnen seine Pulse
und sog lüstern sein Blut. Und die Brüste blähten sich und die glühenden
Spitzen fraßen den Scharlach von seinem Leibe.
Er sträubte sich, rang dagegen, aber sie ließ ihn nicht, bis sie satt und
erschöpft.
Er hob sich zitternd, mit den letzten schluchzenden Kräften und legte sie
behutsam in die Pfühle.
  Gelbe Wetterwolken krochen wie Hyänen durch die Säulen.
Er betrachtete immer sein Kind. Er mochte, er konnte es nicht verlassen.
Wenn er erwachte, würde es ihm neue Marter bringen, und endlich den Tod,
aber er wich nicht.
Die gelben hohlen Wolken krochen näher.
Er wollte das Kind wecken, daß es ihn töte mit seinen Küssen.
Aber es blieb reglos. Er horchte. Das Herz war still. Der Körper erstarrt.
Langsam hob er den steifen toten Leib auf.
Draußen bissen sich weiße Feuer am Himmel. Ein Brüllen aus
Wolkenschlünden, der Boden schütterte.
Er schleppte sein Kind über die rauchenden Blütenaschen zur Gartenpforte.
Die silbernen Gitter waren geschmolzen. Die Malven taumelten geknickt
und zerrauft.
An der Schwelle zerrann ihm die Tote unter den Händen. Er trat zurück.
Immer wieder entglitt sie ihm. Er konnte sie nicht über die Schwelle zwingen.
Dann legte er sein Kind in die warmen Aschen und küßte es auf das
schweigende Herz und flüsterte in das tote Ohr:
»Ich werde dich wiedergebären. Auf Wiedersehen! Ich werde dich
wiedergebären.«
Dann ging er.
Hinter ihm fraßen die Blitze sein Paradies.
– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
Ein Vernichtungskampf begann gegen das Lasterblut, das er eingesogen.
Er raste gegen die Welt, gegen sich, gegen sein Fleisch.
Er preßte Tropfen um Tropfen des wollüstigen Giftes aus seinem Körper,
und wenn die Nägel nicht mehr pressen wollten, dachte er an das Verlorene
und wühlte mit neuem Willen in seinen Adern.
So gingen Jahre.
– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
An einem Nachmittag im Spätherbst lag der stumme Mann zu Hause.
Er hatte Schnupfen.
Auf dem Sofa vier, fünf Taschentücher. Den Rauchtisch neben sich
gerückt, darauf einige Bücher. Auf dem Stuhl daneben wieder Taschentücher.
Und die Polster mit Karbol besprengt.
Der Gaumen schmerzte und spannte, der Hals kratzte und die Nase stach.
Es wurde dunkel, und er setzte sich an das Fenster. Er blätterte in einem
neuen Buche. Er wollte die Seiten nicht erst aufschneiden. Damit das Licht auf
jede Seite fiel, stand er bald abwechselnd links, bald rechts am Fenster.
Aber bald schmerzten die Augen. Die Buchstaben zitterten, das Buch
schwankte in seiner Hand, und er legte es auf das Fensterkissen.
Es war fast ganz dunkel.
Er stand an einem Sessel, hielt die Lehne in den Händen und starrte immer
auf seine Gedanken.
Je dunkler es wurde, desto deutlicher sah er sich – die feinste Runzel und
die fernste pochende Ader, und all die dunklen kreisenden Wünsche bekamen
     Farbe und leuchteten.
Aber alle Äste trafen sich in einem Kern, und von dem Kern bröckelten
lockere Schlacken ... und im Innern durch matte Häute und Ritzen schnitten
schon zage blaue Strahlen und das Licht preßte sich immer steifer, genährter
gegen die Schale. Bald mußte sie fallen. –
An der Türe klopfte es.
Das Mädchen.
Den Brief bringe ein Dienstmann und warte auf Antwort.
Der stumme Mann nickte. Machte Licht.
Von Freunden eine Einladung.
Er setzte sich an den Schreibtisch.
Ihr verzeiht. Ich kann mit dem besten Willen nicht kommen. Ihr müßt mir
schon einige Wochen Einsamkeit gönnen. Ich muß mich schonen, da ich bald
gebären werde.
Das Mädchen nahm die Antwort und ging. –
Der stumme Mann blies das Licht aus. Setzte sich ganz leise an das Klavier.
Und spielte stumm, ohne einen Ton anzuschlagen. Dabei sah er im Dunkeln
ganz genau, wie glücklich er lächelte.

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