> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Dichtung und Wahrheit Seite 143

2016-03-26

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Dichtung und Wahrheit Seite 143


Auch diese hohe Bedeutung der Geliebten in Goethes allumfassendem und gewiß nicht durch Erotik ausgefülltem Dasein erklärt sich aus Goethes geheimnisvollem Wort, daß er das Ideal unter weiblicher Gestalt anschaue. Die schönen Mädchen waren ihm die sinnliche Brücke aus jeder angesammelten Geistes-, Seelen- und Sinnenwirklichkeit zum Ideal. Als solche Brücken, d. h. als faßbare Übergänge aus einem gegebenen und nach allen Seiten hin geschilderten Leben zu einem ersehnten oder geträumten, erst zu erringenden, gesteigerten, schildert er denn auch in Dichtung und Wahrheit seine Leidenschaften und deren Zentren, seine Geliebten. Hier grenzt demgemäß seine Wahrheit am nächsten an die Dichtung, nicht nur weil Liebesgeschichten an sich ein poetischer Gegenstand sind, sondern weil sie hier in Traum, in Ideal übergeht: jede seiner Geliebten ist ja nicht nur ein Erinnerungsbild sondern auch ein Wunschbild.

Wir haben etwa die Welt umschrieben durch die Goethe seine Jugend gezeichnet hat. Nur um dieser von ihm erlebten Welt willen scheint er sein Leben schildern zu wollen, und nur weil es gerade seines Lebens, in eben diesem Zeitraum und Kulturbereich, bedurfte, um diese Welt zu vergegenwärtigen und zu verewigen, scheint Dichtung und Wahrheit (wie Wilhelm Meister) einen persönlichen Helden zu haben, welcher Goethe ist. So wenig betont Goethe sich als die beherrschende Person des Ganzen, daß er sich an einer Stelle sogar gleichsam entschuldigt, weil er in seiner Autobiographie von sich selbst spreche. So sehr hat er sich hinter oder in der Welt, freilich seiner Welt, verborgen, und sein Selbst nur als Medium einer Welt, als Weltwerdung dargestellt, daß man fast irre wird ob wirklich sein Leben der Gegenstand oder nur der Vorwand des Werks sei. Wie Wilhelm Meister ist Goethe zwar die Mitte auf die alles sich bezieht, um deretwillen alles geschieht und an der alles erscheint, aber zugleich die am wenigsten umrissene, im gemeinen Verstand „uninteressanteste“ Gestalt des Werks . . auch hier gilt das Gleichnis von dem Licht das erst durch Gegenstände sich offenbart, und wie wir nach dem Worte Fausts am farbigen Abglanz erst das Leben haben, so haben wir in Dichtung und Wahrheit auch am farbigen Abglanz seiner Welt erst Goethes Leben. Dem alten Goethe selbst war diese Sehart, die das Erscheinende nur an Erscheinungen zeigt, so natürlich, daß er sich selbst kaum anders darzustellen gewußt hätte als durch Welt.

Dazu kommt daß er für sich nicht sein konnte was er uns ist: ein staunenswürdiges Wunder zu dem wir hinaufsehen. Vielmehr war er sich selbstverständlich, und seine Objektivität gegenüber dem eigenen Dasein bezog sich auf seine Art und seine Proportionen, nicht auf seine Dimensionen. Aus Dichtung und Wahrheit kann man wohl erkennen daß hier von einem reichen und tiefen Menschen die Rede ist, aber wenn man es nicht anders woher wüßte, erkannte man in diesem „Ich“ nicht den größten Geist von Jahrhunderten. Denn die Werke denen Goethe diesen Ruhm verdankt werden nur als Ausflüsse normaler Entwicklungen und Krisen erwähnt, und die Macht seiner Person, sein Genie erscheint als eine so selbstverständliche Funktion seines Wesens wie das Atmen. Dem Riesen ist das Riesenhafte normal, und nirgends hat sich Goethe vom Standpunkt der Zwerge aus geschildert, d. h. mit unsrem Staunen und Hinauf blick. Nicht sein Anderssein, nur sein Sosein vergegenwärtigt er. Auch dadurch unterscheidet er sich sehr wesentlich von fast allen andren Autobiographen daß er sich nicht als Ausnahme und um der Ausnahme willen, sondern als Norm (das heißt freilich nicht, wie man es heut meist versteht, als alltäglich Häufiges, sondern als vollkommen Gesetzliches) geschildert hat. Nicht seinen Seltenheitswert (der immerein relativer Wert ist) sondern seinen allgültigen, normalen Gehalt hielt er einer Verewigung für würdig. Augustin und Rousseau, auch Cellini und Sainte-Simon, meinten ihre außergewöhnlichen Erfahrungen oder ihre außergewöhnliche Person der Nachwelt nicht vorenthalten zu dürfen, und Rousseau zum wenigsten, ja überhaupt die meisten französischen Memoirenschreiber ziehen das Bild das von ihnen im Publikum als berühmten oder merkwürdigen Personen bereits umläuft in ihre Selbstschilderung mit herein, sie sehen sich selbst mit dem Staunen und dem Hinaufblick, wohl auch mit der indiskreten Neugier zu die man ihnen draußen entgegenbringt, und denken nicht nur an das Publikum, sondern auch wie das Publikum. Selbst ihre Objektivität ist die Objektivität der Selbstbespiegelung, nicht der Selbstgestaltung. Die großen Männer der Tat aber ziehen von vorneherein nur aus ihrer weltgeschichtlichen Wirkung das Recht, oft die Pflicht, zur Rechenschaft, und mögen Cäsar oder Napoleon sich noch so selbstverständlich sein: nicht ihre Person, sondern ihre Leistung, also gerade das „Andere“ heißt sie schreiben. Das gleiche gilt von den Abenteurern, überhaupt von allen Autobiographen deren Selbstschilderung weniger durch Bedürfnisse ihres Wesens als durch ihre Stellung zur Welt, eben weniger durch ihr Sosein als durch ihr Anderssein bestimmt wird.

Goethe hat von vornherein sein Leben als ein gesetzmäßiges Werden als und durch Welt, nicht als ein außerordentliches Tun oder Geschehen in und gegenüber der Welt konzipiert, und darum allein schon ist er in Dichtung und Wahrheit kein „aktiver Held“, sowenig wie Wilhelm Meister in den Lehrjahren. Denn nichts ist dem Werden fremder als das Tun, als die eigentliche Aktivität, während Schaffen und Wirken als Funktionen eines Werdens gelten können, zumal Goethe sein Schaffen als einen Reifeprozeß, sein Wirker als Ausstrahlung behandelt. Blühen und Fruchten, Atmen und Leuchten steht jedem Werdenden, jedem Gewächs frei, die Tat nicht, und es ist Goethes wiederholt betonter Unterschied in der Menschenschau von Shakespeare oder Schiller, daß er den Menschen wesentlich unter dem Bild des organischen Wachstums erfuhr. Die Pflanze ist für ihn das Sinnbild jedes, auch des seelisch geistigen Werdens. In Dichtung und Wahrheit hat er sein Leben denn auch wie das Wachstum einer geistigen, leidenschaftlichen Pflanze geschildert, die Selektion die ein wachsender Keim aus Klima und Boden trifft und wiederum die Stamm-Blüte- Frucht- Duft-und Farbwerdung dieses vom Keim anverwandelten Klimas und Bodens.

Schließt so schon die Konzeption des Werdens eine eigentliche Aktivität aus, so tut dies die Konzeption der Gesetzlichkeit erst recht. Sie ist in Dichtung und Wahrheit dieselbe wie in den Wahlverwandtschaften gemäß der zeitlichen Nähe beider Werke: aus demselben Grunde warum die Wahlverwandtschaften keinen aktiven Helden haben, kann auch Goethes Autobiographie keinen haben. Auch hier waltet bis in das Individuellste und Persönlichste hinein die Einheit von Natur-und Schicksalsgesetz die wir als eine Grundidee der Wahlverwandtschaften kennen, und deshalb finden wir auch in Dichtung und Wahrheit einige Hauptsymptome dafür wieder, technische Eigenheiten, die doch nur Kunstäußerungen eines Weltgefühls sind: die ahnungsvollen Vorbereitungen und Verzahnungen und die zarte Allgegenwart des Geheimnisses: das Buch beginnt mit einem Horoskop und schließt mit einer Evokation des Dämonischen. Beides sind dichterische Mittel, wie das Schluß wunder der Wahlverwandtschaften, und zugleich nicht zu isolierende Zeichen der gesamten Goethischen Weltschau. Auch sein Leben hat er nicht nur als persönliche Beichte und als geschiehtliche Welterscheinung, sondern als ein Mysterium (in demselben Sinn wie die Wahlverwandtschaften und der Faust) dargestellt: als das Walten überpersönlicher Mächte im persönlichen Leben. Will man aber das Mysterium um das es sich hier handelt näher bezeichnen, so erinnere man sich an das Wort Mommsens „Das Geheimnis der Natur, in ihren vollendetsten Offenbarungen Normalität und Individualität [d. h. ewige Gesetzlichkeit und unwiederbringliche Einmaligkeit des Wesens und Schicksals] zu verschmelzen, ist unaussprechlich.“ Nun, dies Geheimnis gerade hat Goethe in Dichtung und Wahrheit dargestellt, wie keiner vor und nach ihm.

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