> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Dichtung und Wahrheit Seite 142

2016-03-23

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Dichtung und Wahrheit Seite 142


Durch Goethe ist uns diese Weltbetrachtung so geläufig geworden, und durch die Milieutheorien so banalisiert, daß uns die Neuerung kaum mehr bewußt wird die Dichtung und Wahrheit als Geschichtswerk bedeutet: die Vertiefung und Ausdehnung des biographischen Gegenstandes, der Idee „Einzelleben“ über die bloßen Ereignisse, Begegnisse und Seelenregungen hinaus: die Entdeckung der mitwirkenden und mitlebenden „Umwelt“. Kein Biograph vor Goethe hat etwas anderes schildern wollen als eine Reihe von Taten oder Erfahrungen, und wo wir aus Memoiren, wie denen von Cellini oder Saint-Simon, die Wechselwirkung des Helden und der Welt, ein „Milieu“ zu sehen glauben, da deuten wir die bei Goethe empfangene Idee unwillkürlich in die frühren Werke hinein, bei Cellini besonders noch verführt durch die Noten die Goethe seiner Verdeutschung angefügt hat: aber überall sind dort die Zustände nur als Sachen, als Stoff oder als Schranke behandelt, nie als Kräfte.. von Geist und Atmosphäre der unpersönlichen Welt ist nirgends die Rede. Ein solcher Begriff war vor Goethe keinem Geschichtschreiber aufgegangen. Es ist Cellinis und seiner Mitmenschen eignes Temperament, was wir als, Renaissancegeist, Saint-Simons persönliche Stimmung und unser Wissen über seine Zeit, was wir als Siecle de Louis XIV. in seinem Buch empfinden: sie selbst sahen nur die Menschen die sie auf ihrem Weg zu Leistung, Geld, Ruhm oder Einfluß förderten und hemmten, die Mittel oder die Hindernisse zu ihren Zielen, und ihren eignen Gang auf diesem Weg, als Taten, Werke, Abenteuer, Intrigen, ohne ihres Werdens als eines geschichtlichen Vorgangs bewußt zu sein. Erst wir mit unsrer historischen Bildung wissen zugleich den Sinn und Zusammenhang, den geschichtlichen Wert, den Quellenwert ihrer naiven Erfahrung. Und was bei diesen äußere Erlebnisse sind, sind bei Rousseau innere, gebrochene: auch er sieht nur Menschen und Seelenregungen, allenfalls Landschaften aber auch die nur als sentimentale Schauplätze seiner Empfindungen, nicht als menschenbildende Weltkräfte.

Erst Goethe hat das menschliche Leben der Dinge entdeckt, und nach ihm hat sich kein Biograph von Gewicht mehr dieser neuen Sehartent schlagen können. Man vergleiche etwa Bismarcks Gedanken und Erinnerungen (die gewiß mehr ein politisches Testament an sein Volk in Form eines welthistorischen Rechenschaftsberichts über sein Wollen und Wirken sein sollten als eine beschauliche Selbstdarstellung) mit den Denkwürdigkeiten eines früheren Staatsmanns, Richelieus oder Friedrichs des Großen — um Ebenbürtige zu nennen —so erkennt man was er Goethe verdankt: die Idee des Werdens mit und an einer Atmosphäre, das Gefühl für außerpersönliche „Imponderabilien“, den Blick für den Geist der Umgebungen, den Genius loci. Seine Denkwürdigkeiten sind eben dadurch unter allen Staats-Schriften, zwar nicht die großartigsten, doch die seelisch bewegtesten und ergiebigsten, stimmungsreichsten, ja „dichterischsten“ — in dem Sinn wie Goethe das Wort Dichtung auf dem Titel seiner Biographie verwendet . . und so verschieden Zweck und Art Bismarcks von der Goethes war: als Autobiograph ist er unbewußt sein Schüler.

Man könnte jeder Biographie ohne weiteres ansehen ob sie vor oder nach Goethes Dichtung und Wahrheit geschrieben ist, an der Art wie die „sinnlichen Einflüsse“ darin behandelt werden: diese sind die geschichtsphilosophisch und methodisch neue Entdeckung die Goethe eingeführt hat, und als solche besonders wichtig, ohne deshalb die dichterischen Hauptstellen seines Werkes auszumachen. Als solche werten wir diejenigen Abschnitte die den bedeutsamen Personen, den auf Goethe unmittelbar wirkenden lebendigen Menschen, gewidmet sind: sie machen den innersten Kreis, den Kern von Dichtung und Wahrheit aus und sind auch rein biographisch-stofflich die merkwürdigsten. Denn nur sie gehören ganz zu Goethes Leben, existieren für ihn und durch ihn, und sein Leben wiederum, wie es uns jetzt erscheint, ist als sinnliches Ganzes allenfalls vorstellbar, wenn auch nicht erklärlich, ohne die geistigen Mächte und ohne die sinnlichen Einflüsse, aber nicht ohne die bedeutsamen Personen. Unwillkürlich sieht man Goethe, noch ehe man an die Fernwirkungen Shakespeares oder Friedrichs des Großen denkt, oder sich seine umgebenden Städte und Länder vergegenwärtigt, geleitet und umringt von Familie, Lehrern, Freunden, Geliebten. Nur dieser Kreis naher Menschen scheint sein Leben im engern Sinn auszumachen, die eigentlichen Anziehungen und Abstoßungen, die heftigen Krisen, die Leidenschaften, die Abenteuer und Erfahrungen, Not und Glück seines Herzens, welches ja nicht durch seinen Zusammenhang mit der Welt- und Sittengeschichte „Leben“ zuerst empfand, sondern durch den Umgang mit lebendigen Menschen. Zudem treten wir erst mit diesen in den Bereich der Wirkungen die Goethe persönlich ausgeübt hat, während ihn die geistigen Mächte und die sinnlichen Einflüsse nur als Empfänger zeigen (1)

Erst hier beginnt was man die Handlung der Autobiographie nennen kann, wodurch Goethe aus einem Geschöpf, ja Gewächs, zu einem Charakter wird, und das Werk einen Helden bekommt. Wenn die beiden ersten Wirkungen mehr das seelische Klima und den Boden für Goethes Leben ausmachen, so erfahren wir hier erst durch Aktion und Reaktion der menschlichen Umgebungen die seelische Struktur dieses Lebens selber. Man könnte sich also, wenn auch nicht aus Goethes Leben, so doch aus seiner Beschreibung, eher die geistigen Mächte und die sinnlichen Einflüsse wegdenken als seine Mitmenschen: sie könnte dann immer noch eine gute Biographie alten Stils sein, nur eben nicht die völlig neue Konzeption die Dichtung und Wahrheit gerade durch die Einbeziehung auch jener beiden Zonen geworden ist. Besäßen wir aber nur seine Schilderung der zeitgenössischen geistigen Mächte und sinnlichen Einflüsse, so wäre dies eine neuartige Kulturgeschichte, aber keine Biographie. Die Durchdringung beider macht Dichtung und Wahrheit nicht nur total, sondern auch universell, nicht nur in sich vollkommen, sondern auch umfassend.

Unter den Menschen die auf Goethe wirkten kann man die Familie als Ganzes, als Haus, auch zu den sinnlichen Einflüssen rechnen: sie bildet den Übergang zwischen der zweiten Kräftezone und der dritten, da sie, als dichte Atmosphäre, schon auf das Kind wirkt, eh es zum Bewußtsein der Person gelangt ist. Erst allmählich lösen sich die Charaktere der Eltern und Geschwister heraus aus dem dumpfen Lebenskreis der das All eines Kindes ausmacht. Vater, Mutter und Schwester sind zuerst das Selbstverständliche und werden gerade durch die Alleingewalt ihres Daseins und ihrer Wirkung kaum als ein Außerhalb erlebt. Erst durch die entfernten Familienglieder, durch Nachbarn, Bekannte und Spielgenossen erreicht die Außenwelt in Menschengestalt den Gesichtskreis des Knaben. Goethe hat einige solcher ersten Einwirkungen, zugleich als solche und als selbständige kuriose Typen, als füllende und färbende Romannebenfiguren, in Dichtung und Wahrheit festgehalten, den allmählichen Übergang von Haus zu Welt, von geschloßnem einzigem Kreis zu Wahl und Weite verdeutlicht durch Erzählung seiner frühesten Kinderstreiche, welche durch die erste Einwirkung jenes Außerhalb veranlaßt wurden. Dieser erste Umkreis seines Hauses ist zugleich das erste Neue und Fremde demgegenüber er sich zurechtfinden, aus dem er wählen, zu dem er ja oder nein sagen mußte, und darin zumal liegt der sinnbildliche Wert dieser anekdotischen Kuriositäten für Goethes weiteres Dasein. Ja und Nein, Anziehung und Abstoßung durch andre, auf der Kinderstufe noch animalisch und dumpf, wird beim erwachenden und erwachten Menschen zu Geist und Schicksal, durch die Wahl der Führer und Freunde, bei der zuerst Wissen und Fühlen, Wollen und Müssen sich zu Charakter steigern oder als Bildung äußern. Unter Goethes Führern gehören einige zu den geistigen Mächten der Zeit, wie Gellert, Herder oder Lavater, aber ihre eigentliche Wirkung auf Goethe beginnt erst durch ihre persönliche Nähe und ist unabhängig, mindestens bei den beiden letzteren, weitaus wichtigeren, von ihrer geistesgeschichtlichen Stellung, die sie entweder erst nach ihrer Bekanntschaft mit Goethe errungen haben oder eben zum Teil durch sie. Alle Grade der Führerschaft sind in Dichtung und Wahrheit an bedeutenden Typen vergegenwärtigt: der bloße Wissens-und Stoffvermittler an den Universitäten, Ernesti oder Morus in Leipzig, der Anreger und Anleiter wie Gellert oder Oeser, der negative Mentor wie Merck, der Seelenführer, wohl auch Verführer wie Lavater, und der positive Seelenbildner wie Herder. Auch in diesem Bereich fehlt es nicht an Nebenfiguren, Kuriositäten, Zwischen- und Mischformen, Pedanten wie Gottsched, Gönnern wie die Böhme, Autoritäten wie Schöpflin, Egerien wie Susanne von Klettenberg, Aposteln wie Basedow .. anziehenden, abstoßenden oder gleichgültigen Notabein aus dem ganzen Bereich der deutschen Öffentlichkeit, deren Grenze nach oben durch Klopstock, nach unten etwa durch Leuchsenring oder „den Spürhund Gottes“ Kaufmann bezeichnet wird. Diesen untereinander so verschiedenen Gestalten gemeinsam in ihrem Bezug zu Goethe ist ihre Distanz infolge des Begriffs der vor ihnen hergeht, ihr von ihm unabhängiges Dasein in der Welt und daß sie hier eher als Wirkende oder Eindrucksvolle erscheinen, denn als von Goethe bewirkte und beeindruckte.

In den Bereich der eigentlich Goethischen Wirkungen treten wir erst mit seinen Freunden: von den ersten Kameraden des Knaben an, bis zu dem Herzog von Weimar, dessen Ruf den Schluß des Werkes herbeiführt, erscheint Goethe Altersgenossen oder Jüngeren gegenüber, ohne daß er es eigens zu betonen braucht, durch den bloßen Gang des Geschehens, den Widerschein seines Wesens in der Handlung, als der Wirkende — weniger unter der Form des Führers oder Lehrers als der des Bildners und Füllers, weniger durch bewußte Autorität als durch größere Lebenswärme und unwillkürliche Kraft. Auf seinem ganzen Lebensweg begleiten ihn Schwärme von Jünglingen die, von seiner jeweiligen Glut angestrahlt, nur dazu da scheinen die Brechung Goethischen Wesens in oder wenigstens an ihrem ursprünglich ganz anders gearteten Stoff zu zeigen. Die Stärke und die Grenzen seiner Macht über Menschen, die Art und den Grad seiner Wirksamkeit — die denn doch so gut zu seinem Leben gehört wie seine Empfängnisse, Wandlungen und Leistungen — konnte Goethe nur mittelbar darstellen, eben an ihren Medien, seinen Freunden: sie sind innerhalb seiner Biographie „der Kreis den seine Wirksamkeit erfüllt“. Hier hatte Goethe als Biograph den Doppelgewinn, zugleich eine Fülle mannigfaltiger und merkwürdiger Charaktere als Bereich seiner Ausstrahlung, und die Fülle seiner eigenen Richtungen, Strahlungen, Wendungen an den vielen menschlichen Prismen zu zeigen. Denn in jedem neuen Charakter ward auch ein neues Stück Goethe als Wirkung sichtbar, und Goethe konnte, ohne sein Ich zu analysieren wie Rousseau, was seinem Wesen und seiner Aufgabe fremd war, sich vergegenständlichen, indem er die Gegenstände, die objektiven Medien seines Selbst schilderte. Ohne sich zu zerfasern trat er aus sich heraus, und je mehr Menschen seiner Welt er schilderte, desto klarer ward er selbst, wie das Wesen des Lichts auch durch die Farben und Formen sich offenbart die es trifft, ohne daß diese Farben und Formen deswegen aufhörten selbständige Gebilde zu sein. Diese Doppelaufgabe erfüllen die Bilder seiner gleichaltrigen Bekannten, von frommen oder tollen Zechgenossen wie Jung Stilling oder Goue, bis zu den literarischen Brüdern und Jüngern aus Straßburg, Wetzlar, Pempelfort, von vorübergehenden Reisebekanntschaften bis zu entscheidenden Begegnungen, vom trocknen Widerstand bis zur feurigen Hingabe an seinen Genius: in allen Stufen und Lagen ist Goethes Bekanntenkreis ein erweitertes Gegenbild zu Goethes Eigenschaftskreis, und um sein Wesen läuft seine menschliche Wirkung wie der Mondhof um den Mond, eine selbständige Erscheinung, aber nicht denkbar ohne den Mond, und wiederum zurückdeutend auf ihn.

Eltern, Lehrer, Freunde bezeichnen, so gut wie die geistigen Mächte und die sinnlichen Einflüsse, im Großen und Ganzen, allmähliche, stetige, oft sogar unmerkbare Wirkungen. Der Wandel den sie hervorbringen äußert sich als leises Werden, als Entwicklung, nicht als jähe Krisis oder ruckweise Erschütterung — als geistiges Reifen, als seelischer Druck oder Fortschritt, als Gesetz oder Gesinnung, nicht als Pathos. All dies, Krisis, Erschütterung, Leidenschaft, jähe Gefährdung des inneren Baus, jähe Steigerung aller Kräfte, erfuhr Goethe mit Bewußtsein durch die Liebe zu Frauen. Hier ward sein stetes Streben zur Begier, sein Strom zum Wirbel gestaut, seine ruhige Glut zur Flamme, und wo er während seiner Entwicklung Krisen, während seines Werdens Erschütterungen unterscheiden konnte da geschah dies fast immer durch die Begegnung mit einem Weib um welches seine Kräfte als um seine jeweilige Idee des Schönen sich drängten. Auch in Dichtung und Wahrheit erscheinen seine Geliebten vor allem als die verschiedenen Ursachen und Verkörperungen seiner Krisen, durch welche der ruhige Gang seines Werdens schicksalhaft unterbrochen, gefährdet oder gesteigert wurde, und jede Geliebte, so vollständig dichterisch und geschiehtlich als Menschenbild sie behandelt wird, bezeichnet zugleich mit einer neuen Krise eine neue Gefahr oder Steigerung, eine neue Stufe seines Lebens, gemäß den neuen geistigen Mächten und sinnlichen Einflüssen dieser Stufe. Ich habe selbst versucht zu zeigen daß die verschiedenen Leidenschaften Goethes nicht zufällige Wiederholungen seiner Sinnlichkeit sind, sondern seiner jeweiligen Reife entsprechen, daß jede seiner Geliebten einem jeweils verwandelten oder verwandlungsbereiten Weltgefühl und einer gesetzmäßig erneuerten Idee der Schönheit entgegenkommt. Dies so zu sehen hat uns Dichtung und Wahrheit erst gelehrt. Das Frankfurter Gretchen, Käthchen Schönkopf, Friederike, Lotte, Lili sind nicht nur immer andre Menschenbilder, andre Verwicklungen — also neue Charakter-und Handlungsmotive für den Dichter — sondern auch andre Seinsstufen und „Ideale“. Wie zu dem Frankfurter Gretchen die halbdunkle Frankfurter Altstadt des mittleren und unteren Bürgertums als Milieu, und der unruhig erwachende, begierig ahnende, dumpf ausgreifende Knabensinn als Träger des Abenteuers gehört, so ist die Leipziger Liebschaft kritischer Brennpunkt der Rokoko-Schöngeisterei und -galanterie, so gehört zu Friederike das Elsaß als Spielraum des durchgebrochenen Gemüts, zu Lotte Wertherstimmung und Wertherlokal, zu Lili die damalige Frankfurter Spannung zwischen guter Gesellschaft und dämonischem Beruf. Man kann den Charakter der Geliebten kaum von Goethes jeweiliger Reife und von ihrer Umwelt trennen: in dem Verhältnis und durch das Verhältnis zu jeder steigert sich Zustand und Entwicklung zur Krise, und alle Spannungen Goethes innerhalb der geistigen, dinglichen und menschlichen Umwelt entladen sich durch die Liebe zu einer Schönen.

(1) Die sinnlichen Einflüsse, die „Milieus“ sind in Dichtung und Wahrheit allerdings als Wechselwirkungen geschildert, aber als solche zwischen Natur und Menschentum überhaupt, nicht als solche zwischen Goethe und ihnen.



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