> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Dichtung und Wahrheit Seite 141

2016-03-23

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Dichtung und Wahrheit Seite 141


Goethes eignes Lesen und Schaffen endlich, von seiner knabenhaften Bibelarbeit und Märchendichtung an bis zu Faust und Egmont, ist hier, weit entfernt von jedem literarhistorischen Erläuterungsversuch, nur als Auswirkung seiner bewegten Seele und seines Schicksals, gleichfalls als Stimmung und Geschehen behandelt, auf der gleichen Ebene wie sein Lieben und Leiden: als dichterische Wahrheit, nicht als literarhistorische Tatsache, am wenigsten als literarische Beiträge zur Milieutheorie. Wie sehr selbst Goethes eignes Talent in Dichtung und Wahrheit poetisch und als Stimmungselement, als Farbe verwertet wird, zeigt das eingelegte Märchen „der neue Paris“, welches weit weniger Goethes Jugendpoesie als seine Alterspoesie bekundet. Goethes „Talent“ spielt in Dichtung und Wahrheit eine ähnliche Rolle wie das Wilhelm Meisters in den Lehrjahren, nur mit dem Unterschied, daß in Dichtung und Wahrheit dies Talent zugleich bei den Lesern als eine selbständige weltgeschichtliche über die Selbstbiographie hinausreichende Tatsache vorausgesetzt wird.

Hatte Goethes Dichtung schon bei den an sich unpoetischen, den bildungssgeschichtlichen Massen seiner Biographie gewaltet, so dürfen wir ihre liebevolle Wirksamkeit bei der Steigerung, Spannung und Abrundung der eigentlich „poetischen“ Begebenheiten erst recht annehmen: bei den Liebesgeschichten Goethes, den „Herzensromanen“ wie man solche Erlebnisse geschmacklos, aber mit einer richtigen Ahnung ihres ursprünglich poetischen Werts nennt. Hier liegt denn auch das dichterische Gewicht des ganzen Werks, und die Gestalten Friederikens, Lottens, Lilis leben in unsrer Phantasie als selbständige Geschöpfe der Dichtung, neben Gretchen, Klärchen, Ottilie weiter. Die erste Frankfurter Liebe zu Gretchen, die Leipziger Galanterie, das Sesenheimer Idyll, sind selbständige Novellen, deren tatsächliche Richtigkeit uns fast so wenig kümmert wie die Grundlage der Liebschaften Wilhelm Meisters: sie haben ihren dichterischen Eigenwert, durch Traumschau gesehen und so sehr über die bloße Tatsächlichkeit hinausgehoben wie ein lyrisches Gedicht über seinen Anlaß. Freilich hat Goethe sich jeder künstlichen Poetisierung, jeder romantischen Aufmachung enthalten: nur hat er solche Züge in einen Zusammenhang gebracht den nicht mehr die geschichtliche Erinnerung, sondern die geistige Deutung und die sinnliche Wirkung bestimmte. Überall merkt man die zufallsfeindliche Gesinnung, deren dichtester Ausdruck „die Wahlverwandtschaften“ sind.

Begegnungen, Abschiede, Feste und Abenteuer werden, meistens diskret, manchmal mit ahnungsvollem Nachdruck, so erzählt, als hätten sie so kommen müssen und als stünden sie unter einer geheimen Notwendigkeit, in einem gesetzlichen Zusammenhang, ähnlich wie die alltäglichen Vorgänge der Wahlverwandtschaften. Wallensteins Wort: „es gibt keinen Zufall, und was uns blindes Ungefähr nur dünkt, gerade das steigt aus den tiefsten Quellen“ ist recht eigentlich der Glaube welchen die Wahlverwandtschaften bekennen, Dichtung und Wahrheit wenigstens andeutet, und dieser Glaube ist mehr dichterisch-mystischen, als geschichtlich-empirischen Ursprungs. Der junge Goethe hat jene Geschicke nicht in dem Zusammenhang und als solche geheimnisvolle Notwendigkeit erfahren und empfunden wie sie der alte Goethe darstellt, und als schon damals erlebt darstellt. Er hatte ja damals noch gar nicht die Erlebnisart womit er seine Erinnerungen aufzeichnete, die Erlebnisart der Wahlverwandtschaften. Aber dichterische Freiheit oder unwillkürliche Mystik, nicht Tatsachenbericht war es, seinen gegenwärtigen Überblick als den Lauf der vergangenen Ereignisse darzustellen. Dahin weist die zugleich als „Verzahnung“ wie als Geheimnis wirkende Weihung von Goethes Mund durch die eifersüchtige Tanzmeisterstochter und der Bezug dieses Abenteuers auf das Schicksal Friederikens.. ferner das zweite Gesicht Goethes beim Abschied von Sesenheim, schwerlich eine dichterische Erfindung, aber dichterisch gesteigert, ausgedeutet und benutzt, um dieses Idyll ahnungsvoll und versöhnlich auszuleiten. Die Spiegelung des Sesenheimer Pfarrhauses in dem von Wakefield erinnert zu sehr an Goethes künstlerische Verwendung literarischer oder malerischer Vorbilder und Vorboten für bedeutende Schicksale seiner Helden und Opfer (z. B. die lebenden Bilder in den Wahlverwandtschaften, die Flucht nach Ägypten in den Wanderjahren) als daß wir nicht wenigstens eine stilisierte Angleichung des ganzen Sesenheimer Kreises an den von Wakefield vermuten dürften. Ebenso gemahnen an die Nähe der Wahlverwandtschaften die bezeichnenden, ja schicksalsvollen Gebärden, wie das „Streichen“ Lilis. Selbst der astrologische Auftakt des ganzen Werks gehört hierhin.

Goethe selbst hat das „Dämonische“, das Gestalten und Vorgänge in Dichtung und Wahrheit umschwebt und an diesen unausgesprochen als dichterische Konzeption wahrnehmbar ist, am Schluß seines Werks als ein philosophisches, ja als ein biographisches Prinzip ausgesprochen, und uns so am Ausgang des ganzen Labyrinths gleichsam einen Ariadnefaden gegeben (in ähnlicher Weise wie am Schluß der Lehrjahre das Geheimnis von Wilhelm Meisters Irren verdeutlicht wird). Gewiß ist die Fülle des Goethischen Lebens sowenig wie die Fülle von Wilhelms Bildung erschöpft durch einen noch so vielfassenden Begriff, und ein Ariadnefaden ist nicht das Labyrinth, ein Schlüssel nicht das Gebäude das er öffnet: aber dieser Hinweis auf das Dämonische als eine der Goethischen Lebensmächte erinnere abermals wie sehr Dichtung und Wahrheit aus einer überhistorischen Konzeption stammt und bis in die Ordnung, erst recht in die Deutung der erinnerten Tatsachen hinein sich die Freiheit gegenüber dem Stoff bewahrt. Das Dämonische als solches wird kein methodischer Historiker, mag er sein Walten noch so ehrfürchtig anerkennen — Jakob Burckhardt und Ranke haben es getan — in der Weise als wirkendes und auf bauendes Prinzip einer geschichtlichen Darstellung behandeln wie es der Dichter Goethe bei seiner Lebensbeschreibung getan. Ja selbst der Geschichtsphilosoph, der nach göttlichem Plan oder leitenden Ideen in der Geschichte sucht, wird diese nicht als sinnliche Atmosphäre der Fakten offenbaren wie Goethe, sondern nur als verknüpfende Ursache, als Grund, als Ziel oder als Methode aussprechen. Das sinnliche Erlebnis des Dämonischen, über die begriffliche Anerkennung hinaus, macht Goethe zu einem Geschichtsdichter, nicht nur zu einem Geschichtsphilosophen.

Dichtung und Wahrheit zeigt, unter geschichtsphilosophischen Kategorien betrachtet, die Wechselwirkung seines Wesens und der geistigen Mächte, der sinnlichen Einflüsse, der bedeutsamen Personen: diese drei großen konzentrischen Kräftezonen (nicht streng geschieden und an den Grenzen ineinander übergehend, aber in der Hauptsache doch deutlich als eine Dreiheit gesonderter Wirkungsarten erkennbar) geben am besten den Querschnitt durch die Goethische Welt, wie er sie in Dichtung und Wahrheit geschaut und gelagert hat. Unter die geistigen Mächte gehören zunächst die Fernwirkungen denen der bildsame Mensch, oft ohne sich ihrer bewußt zu werden, unterliegt, die er selten unmittelbar fassen, manchmal auf ihren Mittelpunkt namentlich zurückführen kann, die Summe der verschiedenen Geisterströme und -lüfte welche, aus der Geschichte in die Gegenwart hereinflutend, sein Zeitalter ausmachen, seinen Zeitgeist bestimmen, oder auch gerade ihn als Einzelnen und Einzigen treffen, kraft seiner besonderen Auswahl aus der allgemeinen Atmosphäre. Solche Fernwirkungen können von großen Toten oder Lebenden ausgehen, in Helden und Weisen der Vergangenheit oder Gegenwart konzentriert sein, oder schon ins Allgemeine ausgegossen, namenlos und unpersönlich geworden sein, als Massenfluida, Zustände oder Einrichtungen: auf alle Fälle sind es geistige, d.h. menschliche Wirkungen, und sind Fernwirkungen. Dadurch unterscheiden sie sich von der zweiten und dritten Kräftegruppe: die sinnlichen Einflüsse (wie das Wort hier terminologisch, d.h. notgedrungen unzulänglich gebraucht wird) können auch von Außermenschlichem kommen, die bedeutsamen Personen müssen lebendig und nah sein. Als geistige Mächte z.B. erscheinen in Dichtung und Wahrheit: die Einrichtungen und Zustände des Heiligen Römischen Reichs, die Leipziger und Straßburger Universität, der Pietismus und Freundschaftskult des deutschen Bürgertums, die deutsche Literatur der Barock- und Rokokozeit wie sie durch Kanitz oder Günther, durch Gellert oder Gottsched, durch Klopstock, Wieland, Lessing oder Hamann vertreten wird. All diese Literatoren, auch die noch lebend oder persönlich eingeführten, sind wesentlich als „geistige Mächte“, nicht als bedeutsame Personen behandelt: nur Herder, Gellert, Oeser, allenfalls Schöpflin, d.h. solche Lehrer die zugleich durch ihre Werke die deutsche Zeitbildung überhaupt und durch persönlichen Umgang, also durch Nahwirkung Goethes Geist und Seele formten, gehören beiden Kräftezonen an, und sind auch unter beiden Gesichtspunkten behandelt, zumal der wichtigste: Herder. Als weiteste geistige Mächte in Goethes Leben erscheinen die Bibel und die Antike, unmittelbar oder in Vermittlungen durch Protestantismus und Klassizismus, als engere und dringlichere erscheinen Friedrich der Große, Shakespeare, Ossian, Spinoza, Voltaire, Rousseau, Lessing, Winckelmann, einerlei ob die Gewalt von den Gedanken, den Werken oder der Gestalt der großen Männer ausgeht. Bald wird ihr Bild gezeichnet, bald ihre Leistung beurteilt, bald ihre Macht nachgewiesen, je nachdem sie durch ihr Sein, durch ihr Tun, oder durch ihr Wollen gewirkt.

Da Goethe das Einzelne immer im Zusammenhang schaut mit dem Weltganzen worin und woran er sich entwickelt, so kommen auch die Misch- und Mittelformen, die Übergänge und Kreuzungen zu ihrem Recht, derart daß schon die „geistigen Mächte“ allein in Dichtung und Wahrheit ein gegliedertes und, beim Bezug auf den einen freilich allseitigen Empfänger, rundes Gesamtbild des Goethischen Zeitalters als eines Bildungsabschnitts der deutschen Menschheit geben.

Die Teile des Werks die in diese geschichtsphilosophische Kategorie gehören sind mehr vollkommene Kulturgeschichte des Zeitalters als Biographie Goethes, ja sie lassen sich aus dem Ganzen herauslösen und können dann als selbständige geistesgeschichtliche Monographien gelten, denen man ihren biographischen Ursprung und Zusammenhang kaum anmerken würde. Man versuche das gleiche übrigens bei irgendeiner vorgoethischen Lebensbeschreibung, etwa Augustin oder Rousseau, und man wird erkennen was Goethe in Dichtung und Wahrheit zuerst gelungen ist: ein Zeitalter am Einzelmenschen zu zeigen. Doch dies ist nur die eine Seite der biographischen Aufgabe, die andre ist es: die Ichwerdung von Zeit und Welt zu vergegenwärtigen. Dazu mußte Goethe das Bild der fernwirkenden geistigen Mächte ergänzen durch das der andern beiden Kräftegruppen, unter deren Nahwirkung der Einzelne sich formt: der sinnlichen Einflüsse und der bedeutsamen Personen. Beide gehören schon wesentlich zur Biographie als solcher (nicht bloß zur Geschichte schlechthin) und empfangen nur von dem Wert des Einzelnen an dem sie wirken ihren geschiehtlichen Wert, während die geistigen Mächte auch unabhängig von ihrer jeweiligen biographischen Funktion der Geschichte angehören.

Zu den sinnlichen Einflüssen rechnen wir alles was man gemeinhin unter dem Namen „Milieu“ zusammenfaßt, die Atmosphäre von Haus, Stadt und Landschaft, die durch die Sinne eindringend, als Gewohnheit oder Veränderung wirkend, einen Menschen formt oder bestimmt. Das Milieu entsteht aus der Wechseldurchdringung menschlichen Wesens und außermenschlichen Naturstoffs. Dabei kann entweder das Menschliche überwiegen und dem Stoff seine Form aufprägen, wie bei allem Gebauten, oder es kann sich der Natur bis zum Untertauchen anpassen, als Feld-, Berg-, Wasser- und Waldwirtschaft. Ganz selbständige Natur oder Urlandschaft kommt in dem von Goethe zu schildernden Bereich nicht vor. Auch was wir im Gegensatz zur Stadt als „Natur“, als „Landschaft“ empfinden ist schon menschlich bedingt, ohne daß sich die menschliche Tätigkeit unmittelbar darin aufdrängt, und in dem ewigen Kampf zwischen dem Menschengeist und den Elementen, zwischen Natur und Kultur rechnen wir der Natur diejenigen Gebiete zu von denen der Menschengeist sie nicht völlig verdrängen konnte oder wollte. Wenn nun der Mensch weit in die Natur hinein waltet, auch ohne sein Walten überall zu akzentuieren, so übt freilich auch die Natur eine unsichtbare Macht aus in allem Menschlichen — nicht nur durch ihre Elemente, die wir brauchen und denen wir uns also anpassen müssen, indem wir sie uns anpassen — auch durch die Menschenart selbst, durch Blut und Fleisch, Triebe und Kräfte, die ja Natur sind und aller Bildung, Zähmung und Kleidung ungeachtet sich offen oder heimlich, mittelbar oder unmittelbar, in der Kultur auswirken. So ist zwischen menschlichen und außermenschlichen Kräften kriegerische oder friedliche Ehe, deren Früchte bald dem Menschengeist, dem Vater, bald der Natur, der Mutter, gleichen und geistig-stofflich sind, zum Unterschied von den Ideen, als nur geistigen Mächten (1) und von Tieren, Pflanzen, Elementen, als nur stofflichen Geschöpfen. Niemand hat diese Wechselwirkung zwischen Kultur und Natur tiefer begriffen und reiner dargestellt als Goethe (2). Ich habe gezeigt (Seite 406ff.) daß hier die Wurzel seiner Geschichtsphilosophie und seines Geschichtsinteresses lag, und im Zusammenhang damit seinen Begriff von Milieu abgegrenzt gegen die sogenannte „Milieutheorie“, als deren Vorläufer oder Begründer man ihn wegen seiner Selbstbiographie beansprucht hat. In der Tat gibt es keine zweite Lebensbeschreibung mit so zahlreichen, so ausführlichen, so eindringlichen Stadt-und Landschaftsbildern, und nicht nur die Dichterkraft und -lust des Schilderns hat daran Teil: gerade der Geschichtsdenker Goethe erkannte sich als die Geistwerdung (nicht, wie die Milieutheoretiker wollen, als das Geschöpf oder passive Ergebnis) auch der außermenschlichen Wesenheiten, in deren sinnlichem Odem er heraufwuchs und die sich als Haus, Stadt und Land für ihn versichtbarten.

Daß er den Hauch, die Struktur, den Umriß der verschiedenen Kultur- oder Naturmilieus so einfangen und in Worte bannen konnte, das dankt er seinem Dichtertum — daß er es wollte, das entspringt aus seiner gesamten Weltansicht: für ihn war der einzelne Mensch ein empfänglicher und wählerischer Kraftkeim, nur in Wechselwirkung mit den ihn konzentrisch anstrahlenden näheren und ferneren kosmischen Kräften denkbar. Wie sein Charakter als Gestalt selbst das faßlichste Sinnbild seiner spezifischen Auswahlart bot, so boten (neben den geistigen Mächten und den bedeutsamen Personen) die Milieus die Sinnbilder für den Auswahlraum oder Auswahlstoff wodurch er gerade dieser geschichtliche Mensch ward. Auswahlart und Auswahlstoff sind durch eine gegenseitige Anziehung oder Abstoßung miteinander verknüpft, und diese Verknüpfung, die bald deutlich, bald geheimnisvoll ist, nennt man, von der Auswahlart aus gesehen: die Entwicklung, vom Auswahlraum oder -stoff aus gesehen: das Schicksal, vom geschichtlichen Ergebnis aus gesehen: die Gestalt eines Menschen. (Ob man die kosmischen Kräfte und den menschlichen Kraftkeim über- oder innerweltlich nimmt, mittelbar, unmittelbar oder gar nicht auf Gott zurückführt, oder ihr Sein und Wirken selbst göttlich nennt, ist für die geschichtsphilosophische Methode gleichgültig.)

Nun—als Sinnbilder seiner Entwicklung und seines Schicksals hat Goethe auch die Städte und Landschaften in Dichtung und Wahrheit behandelt, sein Elternhaus bis zu den Möbeln hinab, Frankfurt mit dem Taunus, Straßburg mit der Rheinebene, Wetzlar und all die Schauplätze seiner Bildung, seiner Liebschaften und seiner Werke. Und da er als Dichter, nicht als Maler schilderte, so gab er sie in Bewegung und Belebung durch ihr menschliches Drum und Dran: nicht nur die malerischen Prospekte, sondern auch die Trachten, Sitten und Beschäftigungen, die alltäglichen oder alljährlichen Gesinnungen und Bräuche woraus jene entstanden und welche durch sie entstanden, Märkte, Feste oder einmalige Ereignisse welche sie verwirrten oder verwandelten, wie ein Brand, eine Fürstenhochzeit, eine Krönung. Gleichviel ob als allgemeine Sittenschilderung, ob als Architektur- oder Landschaftsbild, ob als novellistische Einlage einer besonderen Begebenheit: stets hat Goethe die sinnlichen Einflüsse in seiner Biographie behandelt als die Menschwerdung der Elemente und der Sachen, nicht als die Sachwerdung des Menschtums, und erst indem er der Reichweite seines Lebens auch die unpersönliche Welt einbezog, was kein Biograph so bewußt und so umfassend vor ihm getan, hat er seine Geschichte naturhaltig gezeigt, wie er sie lebte und erlebte, und die Natur nicht nur vermenschlicht, sondern vergeschichtlicht. Der gefühlsmäßige dichterische Pantheismus und Pananthropismus Goethes war in Dichtung und Wahrheit zur geschichtsphilosophisehen Methode geworden die ihn befähigte auch die großen Sachkomplexe völlig zu durchseelen und zu vergeistigen, nicht nur indem er sie als tarre Mittel zu Gottes Zwecken, wie Augustin, oder als tote Ursachen für menschliche Wirkungen, wie Rousseau, mit dem Menschenleben verknüpfte, allenfalls als zufällige Umgebung, als ein Nebeneinander — sondern als Grade einer wirkenden Einheit, die vom Menschenherzen bis zum Granit, von den Gegenständen bis zu den Seelen das denkbare und sichtbare All als Natur wie als Geschichte durchwaltet.

(1) Staats-oder Bildungsinstitutionen, wie etwa die Reichsverfassung oder die deutschen Universitäten fallen daher nicht unter den hier abgegrenzten Begriff des „Milieu“: sie sind geistigen, d. h rein menschlichen Ursprungs, und müssen sich keiner außer menschlichen Stoffe bedienen, um zu wirken und zu erscheinen, wohl aber z. B. das Frankfurter Stadtbild oder die Elsässer Landschaft.

(2) Herder hat zwar vor Goethe schon als Ahnung und Einsicht diese Wechselwirkung in seinen „Ideen“ ausgesprochen, aber eine eigentliche Geschichtsdarstellung auf Grund dieser Erkenntnis, geschweige eine sinnliche Vergegenwärtigung am einzelnen Menschenbild hat es vor Dichtung und Wahrheit nicht gegeben. Johannes von Müllers Schweizergeschichte kennt das Milieu und die Kultur nur als Summe von Staatsinstitutionen und Bräuchen, die Natur nur als Gegenstand oder Grenze der Bebauung, nicht als wirkende kosmische Kraft.



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