> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Historisch, Biographische Werke Seite 144

2016-03-26

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Historisch, Biographische Werke Seite 144


HISTORISCH, BIOGRAPHISCHE WERKE

Als Dichtung grenzt Goethes Autobiographie an Wilhelm Meisters “ Lehrjahre: den Bildungsroman, und an die Wahlverwandtschaften: das Mysterium von Natur- und Schicksalsgesetz. Als Wahrheit grenzt sie an zwei verschiedene Gruppen kleinerer Goethischer Werke, deren Methoden sie vollkommnet, deren Ideen sie umfassender und reicher anwendet, und die als Vorübungen, Parerga und Paralipomena dieses seines größten Geschichtswerks betrachtet werden können, unbeschadet ihres Eigenwerts und ihres besonderen Stoffs: einerseits seine kunst-und kulturhistorischen Arbeiten: Winckelmann, Hackert, sowie die Noten zum Cellini, zu Rameaus Neffen und zum Westöstlichen Divan, andrerseits seine autobiographischen Denkwürdigkeiten: die italienische Reise, die Kampagne in Frankreich, die Schweizerreisen, die Rheinreise, die Annalen und die Tagebücher. Diese Werke sollen hier nur noch einmal kurz beleuchtet werden von dem Hauptwerk der Gruppe aus zu der sie gehören, weil im Grund die geschichtlichen Ideen und Methoden dieses Hauptwerks, die wir jetzt genauer kennen, auch die ihren sind und sie verdeutlichen.

Sie enthalten fast alle — die geschichtlichen wie die autobiographischen Arbeiten — an den Erlebnissen von Einzelnen entwickelte Bildungs- oder Sittengeschichte, zeigen den Einzelnen mit oder als Umwelt, oder eine Umwelt an und in Einzelnen, sind ausgesprochen unpolitisch, und geben wo es irgend angeht Zustände statt der Ereignisse, Erlebnisse statt der Taten und Werden statt des Geschehens. Dies haben sie mit Dichtung und Wahrheit gemein. Dagegen sind sie alle, zum Unterschied von Dichtung und Wahrheit, mehr oder weniger bruchstückhaft und aphoristisch, nicht aus einem Mittelpunkt allseitig entwickelt, sondern Aufreihung einzelner Gedanken, Beobachtungen, Erfahrungen, Erinnerungen zu einer willkürlich abgeschlossenen Kette. Sie sind nicht durch die Anschauung, sondern durch den Begriff zusammengehalten, mehr zusammengesetzt als erwachsen, und haben außer der begrifflichen Einheit höchstens (auch das nicht immer) die vage Einheit der jeweiligen Lebensstimmung des Verfassers, nicht eine starke Eigensatmosphäre, die sie als Werk, als Gebild, als Gewächs mit einziger Struktur nach außen abschlösse. Ja, in den Reisewerken sind untereinander fremdartige Elemente oft unvermittelt merkbar. Es ist die läßlich aufreihende (statt aufbauende oder auswirkende) Kompositionsart, die aphoristische Verknüpfung, die auch bei Goethes Dichtung im Alter zunimmt, als Maskenzug oder Bilderreihe. Sie deutet bei unverminderter, ja gesteigerter Fülle auf ein Nachlassen der tektonischen Kraft. Zudem sind diese Werke, trotz einzelner novellistischer Partien in den Reisebüchern, im Ganzen nur als Wahrheit, nicht als Dichtung gemeint.

Die Schrift über Winckelmann ist nicht rein historisch, sie hat einen polemischen Nebenzweck und richtet sich gegen die neudeutsch-religiös-patriotischen Kunstbestrebungen der alternden Romantik, als ein Teil des Gesamtfeldzugs gegen die körperfeindliche, gemüts-und seelenschwelgende, mystizistisch-dämmrige Gesinnung dem fast alle Goethischen Beiträge zu Kunst und Altertum dienten. Als Beiträge zur Kunstgeschichte, mehr noch zur Kunstgesinnung des achtzehnten Jahrhunderts, als Ausschnitte aus einem umfassenderen geistesgeschichtlichen Plan der den „Weimarischen Kunstfreunden“ vorschwebte, als Erläuterungen zu dem brieflichen Nachlaß Winckelmanns sollten an dem großen Begründer des hellenisierend humanen Klassizismus diejenigen Seiten, Eigenschaften und Einflüsse hervorgekehrt werden die der Romantik entgegengesetzt, dem Goethischen Kunstgeist verwandt waren: sein Heidentum mit dem antikisch augenhaften Leben in körperlich-sinnlicher Gegenwart bis zu dem sinnlichen Freundeskult und der Anbetung irdischer Körperschönheit. Selbst Winckelmanns Übertritt zum Katholizismus ward auf eine Weise gedeutet welche die Romantiker ärgern mußte, als die Indifferenz eines antikischen Heiden gegen die neueren Glaubensformen. Diese mehr bekenntnishaften als strenghistorischen Teile des „Winckelmann“, worin Goethe — beim Anlaß und fast unter dem Vorwand Winckelmanns Art und Gesinnung (etwa das was Nietzsche unter „Instinkten“ versteht) zu schildern — zugleich seine eigne und die antike, wie er sie verstand, in aphoristischen Glaubensartikeln niederlegte, die Abschnitte mit den Überschriften Antikes, Heidnisches, Freundschaft, Schönheit, sind ihm wohl die wichtigsten gewesen.

Da überhaupt bei dieser Arbeit eine einheitliche Erzählung nicht beabsichtigt war, so sind die einzelnen Abschnitte mehr begleitende Glossen, allgemeine Gesinnungs- oder Erfahrungssätze zu den verschiedenen biographischen Elementen von Winckelmanns Bildung. Naturanlage, Umstände von Haus, Volk und Zeitalter, Bildungsgang und Berufswahl, Hemmnisse und Förderungen durch Vorgefundene Bildungsmittel, glückliche Ereignisse, bedeutende Begegnungen — Bücher, Länder oder Personen — all das In- und Nebeneinander von Tyche, Daimon, Anangke und Eros das Goethe in seinem eigenen Lebensbild zu einer Anschauung zusammengefaßt und herausgestellt hat, um in seinem Einmaligen ein Bild des Allgültigen zu geben, ist beim Winckelmann in ein Nacheinander aufgeteilt, und der einmalige Fall Winckelmann, mit den ganz besondem Umständen seines Schulmeistertums, seines literarischen Metiers, seiner Romreise, seiner Gönner und seines Todes, scheint hier nur der Anlaß um überhaupt Goethes Gedanken über Heidentum, Kampf zwischen Genius und Misere, Gönner, Reisen, Kunst und Altertum, frühen Tod usw. aphoristisch niederzulegen: so sehr ist hier, im Gegensatz zu Dichtung und Wahrheit, die sinnliche Einzelanschauung verdrängt durch die allgemeine Reflexion.

Dies mag eine äußere Ursache haben darin daß die sinnliche Gegenwart hier eben nicht durch Erzählung Goethes, sondern durch die Briefe Winckelmanns selbst gegeben war, als deren bloßer Einbegleiter Goethe sich empfand, mehr verpflichtet zu deuten als zu schildern. Der innere Grund war aber wohl die polemisch ästhetische Nebenabsicht, welche die darstellerisch biographische weit überwog, so daß die Reflexionen nicht erst aus den Anschauungen ausstrahlen, wie bei Dichtung und Wahrheit, sondern selbständig, sozusagen vor Winckelmanns Biographie vorhanden waren und in diese erst eingelegt oder mit ihr verknüpft werden: so könnte man im Vergleich zu Dichtung und Wahrheit, als einer symbolischen Biographie, die Winckelmanns gewissermaßen eine allegorische nennen, weil Bild und Sinn bei ihr auseinandertritt.

Weniger einem inneren Bedürfnis als einer äußeren Anregung verdankt das Werk über den Landschaftsmaler Philipp Hackert seine Entstehung. Goethen waren nach dessen Tod, als seinem guten Freund von Italien her und einem großen Schriftsteller, die Nachlaßpapiere auf Grund von Hackerts Wunsch ausgehändigt worden, zur Redaktion und Herausgabe, und Goethe erfüllte ihn, indem er dem verstorbenen Freund zugleich ein biographisches Denkmal setzte, gewissermaßen, um den etwas dürftigen und nur für die Freunde Hackerts wertvollen Materialien eine größere Reichweite und Schwere zu verschaffen. Die Aufgabe war methodisch und technisch ähnlich wie beim Winckelmann, und Goethe hat sie denn auch in derselben Weise angefaßt: als aphoristische Zusammenstellungder wichtigsten Lebensmomente des Helden. Nur war Hackert weit mehr bloße Privatperson als Winckelmann, ohne dessen geistesgeschichtliche Macht..sein Dasein konnte nicht so sinnbildlich für die Kulturgesinnung einer ganzen Epoche ausgedeutet oder zum Anlaß von Bekenntnissen und Kunstdekreten gemacht werden. Er war nur im Kreise der Kunstliebhaber bekannt, und sein Leben, reich an Erfolgen und Fahrten, aber ohne besonders gewichtige und merkwürdige Schicksale, sowie seine Person, gewandt und tüchtig, aber weder den Durchschnitt außerordentlich überragend noch ihn d. h. irgend eine Alltagswelt typisch rund vergegenwärtigend, waren für den Erzähler als Stoff nicht voll und bunt, für den Denker nicht zentral genug um ein allgemeingültiges symbolisches Geschichtswerk zu ermöglichen. Goethe gewann seinem Auftrag dennoch von drei Seiten her ein persönliches Interesse ab, welches allerdings nicht einheitlich und tief genug ist um seine Biographie Hackerts für uns zu einem notwendigen und überprivaten Werk zu machen: als Kunstliebhaber und Sammler, als Reisender, namentlich Italienreisender, und als Hofmann. So konnte er, zumal als persönlicher Bekannter Hackerts, das dürftige Gerippe seiner Lebensereignisse ausfüllen durch Gemäldebeschreibung und kunsttechnische oder kunstgeschichtliche Erörterungen, durch Reisebilder und durch Ausschnitte aus dem Kunsttreiben und Gönnerwesen verschiedener Rokokoshöfe mit Blicken auf mancherlei berühmte und obskure Potentaten der eignen Zeit.

Zwar auch das war nicht ergiebig genug: die Gemäldebeschreibungen bleiben kunstgeschichtliche Miszellen und führen nirgends in eine weitere Welt, die Reisebilder ergänzen Goethes italienischen Erinnerungen, aber eben die hatten ihm eine selbständige und neue Behandlung von Hackerts Wirkungskreis vorweggenommen. Und die Höfe mußte Goethe mit einer Zurückhaltung und Trockenheit behandeln die auch diese Partien mehr zu Notizenbündeln als zu wirklichen Sitten«- oder Seelenbildern machen. Hier hätte der geschichtliche Kern und Wert des Werks liegen können, die etwaige Sinnbildlichkeit von Hackerts Leben: die Wechselwirkung zwischen Gönnern und Könnern bei einer bestimmten Gesellschaftslage und Sittenreife. Aber Goethe hat hier, offenbar durch seine Testamentsvollstreckerpflicht einerseits und durch seine höfische Diskretion andrerseits beschränkt, gegen seine sonstige Art den Blick fast gar nicht über die biographischen Tatsachen hinausgerichtet. Das Werk ist ohne Leidenschaft und inneren Drang geschrieben. Es trägt die Zeichen der Gesinnung womit Goethe seine Amts-oder Hauspflichten erledigte (im Gegensatz zu dem was ihm seine Lebensfülle oder sein Dämon eingab) genaue fast trockene Sachlichkeit, Ordnung und Folge, bei kühler Distanz und Beschränkung auf das unmittelbar vom äußeren Zweck geforderte.

Sind schon die Biographien Winckelmanns und Hackerts mehr Erläuterungsschriften als selbstgenugsame Werke, so gilt dies von den Anhängen zu Rameaus Neffen, zum Cellini, und zum westöstlichen Divan erst recht. Sie dienen der Einführung von fremden oder fernen geschichtlichen Vorstellungsbereichen, deren oft erwähnte Einzelheiten dem Leser durch Erklärung ihres Zusammenhangs, deren Zusammenhang durch allgemeine Menschenerfahrung oder den Bezug auf den heutigen Tag verständlich zu machen waren. Solch ein Bereich waren beim Rameau die Pariser Künstler- und Literatenkreise im Zeitalter Voltaires. Zu ihrer Deutung mußte man die berühmten oder berüchtigten Tagesgrößen, die geistigen Strömungen die sie vertraten und ihre Gesellschafts- (oder Boheme»)verhältnisse kennen. Der Anhang zu Goethes Verdeutschung von Diderots Dialog ist deshalb in der Hauptsache ein kurzes biographisches Wörterbuch, welches, je nachdem es die anspielende Stelle im Dialog zu ihrem Verständnis fordert, von den Lebensumständen, der geistigen Leistung oder Richtung, oder der gesellschaftlichen Stellung der erwähnten Personen Kunde gibt.

Dieser weitaus überwiegende biographische Teil wird ergänzt durch einige sachliche Aphorismen, z. B. über die Wirkung und Wertung der Musik in der damaligen Gesellschaft oder über die geläufigsten Schlagworte jenes Zeitgeists. Da alles in diesem Zirkel persönlich, gesellschaftlich und bewußt war, die dumpferen und weiteren Mächte Natur, Religion, Staat und Volk fast gar nicht hereinspielten, das ganze Milieu sich in bestimmten Personen und deren bewußten, ja pointierten Äußerungen fassen ließ, so konnte Goethe mit einem biographischen Lexikon als dem Kommentar des Werks hier mehr geben als bloße Notizen. Werk, Richtung, Stellung jeder bezeichnenden Person, von einem überblickenden Geist wie Goethe zusammengefaßt, oft schon durch Anekdoten rasch beleuchtet, schloß bei der präzisen Enge der Pariser „Welt“ ohne weiteres Ausholen das ganze Zeitalter und seine Struktur ein und auf. Die Materialien zu einem kulturgeschichtlichen Ganzen waren hier enger beisammen, schon energischer gefiltert und bewußter durch sich selbst herausgearbeitet. Wenn Goethe hier einem Dutzend Personen aphoristisch ihren Platz anwies, hatte er das Wesen eines „Zeitalters“ mitgezeichnet, mit der meisterlichen Charakteristik Voltaires fast den Zeitgeist des französischen 18. Jahrhunderts personifiziert und bewertet. Die Zuspitzung der „Welt“ in Personalien war hierbei der Reiz und die Schranke seiner Aufgabe.



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