> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Historisch, Biographische Werke Seite 145

2016-03-28

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Historisch, Biographische Werke Seite 145


Viel weiter, dunkler, wilder war die Welt Cellinis. Sie konnte nicht durch biographische Abrisse erläutert, geschweige eingefangen werden. Zudem war ja dieses Werk selbst eine Biographie, worin die persönlichen Beziehungen mit endgültiger Frische und Bildkraft hervortraten und nicht, wie bei dem bloß anspielenden Dialog Diderots, der Erklärung bedurften. Das Fremde und Neue lag hier mehr in den Bedingungen der Kunst und des Handwerks: diese waren wiederum für Cellini selbstverständlich und haben in seiner Biographie etwa die Stelle wie die Personalia und der Geistesklatsch bei Diderot. In diese zerstreuten Erwähnungen und Erzählungen hatte also der Herausgeber einen systematischen Zusammenhang zu bringen, und darum ist der Anhang zum Cellini vor allem ein kunstgeschichtlicher und kunsttechnischer Abriß seines Zeitalters geworden: eine Zusammenstellung der beherrschenden Meister denen die Renaissancekunst, besonders die florentinische, ihre Art und Macht dankt, der kulturellen Zustände und politischen Umstände unter denen sie erwuchs, der verschiedenen Techniken worin ihr Gehalt zum Ausdruck gelangen mußte, der Gönner die sich ihrer bedienten. Dies wird „skizzenhaft, aphoristisch und fragmentarisch“ in elf Abschnitten behandelt, um die geistige Welt Cellinis zu umschreiben, denn er selbst gibt nur sein Leben d.h. die Reihe von Abenteuern und Leistungen eines ganzen Kerls der zufällig auch Künstler ist. Da Cellini aber für die Nachwelt vor allem als Künstler wichtig ist, sah sich Goethe veranlaßt in sechs weiteren Abschnitten Cellini als Künstler und im Zusammenhang mit der Kunst seines Zeitalters zu betrachten, zur Ergänzung der Autobiographie und zur Rechtfertigung seiner Einführung. Cellini sollte nicht als ein romanhaftes Kuriosum, sondern als der bedeutende Vertreter eines großen Zeitalters wirken. Dazu mußte dies Zeitalter als solches, als ein geschichtlicher, namentlich kunstgeschichtlicher Abschnitt, nicht als der bloße Lebensraum eines Abenteurers, erscheinen und Cellinis Platz innerhalb dieses Abschnitts beschrieben werden. Cellini selbst gab ja keine „Geschichte“ und empfand sich nicht als eine „geschichtliche Person“. Die geschichtliche Wertung und Deutung brachte erst Goethes Anhang durch systematische Zusammenstellung der verschiedenen Kunstkategorien, die bei Cellini nur chronologisch zufällig, willkürlich gestreift werden.

Wieder eine andere Art Kommentar erforderte der westöstliche Divan. Den Ausdruck seines eigenen Gehalts durch orientalische Formen mußte der Dichter rechtfertigen, sein eigenes fremdartiges Unternehmen einführen und dadurch erst den Sinn und die Absicht seines Werks erklären. Die „Noten und Abhandlungen zum besseren Verständnis des westöstlichen Divans“ sind ein dreifacher Kommentar: zum persönlichen Gehalt (Gesinnung, Zweck, Erlebnis) zur geschichtlichen Form (Muster und Gattungen) und zum sachlichen Stoff (Vorstellungskreis, Motive) des Werks. Das zu Erläuternde ist in den drei Fällen der Orientalismus: als subjektive Gesinnung, als geistes-geschichtliche Wirkung und als sinnlicher Vorrat. Die Frage wie ein Deutscher dazu kommt östlich zu dichten führt zu der weiteren: was dem Orient und dem Okzident durch geschichtliche Mischung oder Menschenart überhaupt, durch Schicksal oder Natur gemeinsam ist, und diese Abgrenzung beider Kulturkreise gegeneinander führt zu einer Darstellung des Trennenden, des eigentümlich und einzig Orientalischen.

Da Goethe hierbei mehr als bei seinen anderen geschichtlichen Exkursen auf Vermittler statt auf eigene Forschung, Anschauung oder Erinnerung angewiesen war, so war es nicht bloß eine Dankespflicht, sondern auch ein Erfordernis der historischen Kritik, daß er uns mit den Quellen bekannt macht aus denen er Kenntnis und Bild des Orients und Anregung zu seinem Orientalismus geschöpft hat: mit den Reisenden welche Land und Leute beschrieben, den Chronisten welche die Geschichte erzählt oder den Übersetzern welche die Werke des Ostens verdolmetscht haben. Die Anerkennung seiner Gewährsmänner ist eine vierte Seite seines Kommentars zum westöstlichen Divan, neben der Einführung in Absicht und Bau seines eigenen Werks, der geschichtlichen Entwicklung der vorbildlichen orientalischen Dichtkunst nach ihren Haupteinflüssen, Vertretern und Werten, und der mit Beispielen aus ältester und neuester Zeit belegten Schildderung östlicher Geistesart, Gesinnung und Gesittung überhaupt, sowohl des Einzelnen als der Gesamtheit.

Auch hier ist die Darstellung aphoristisch und bruchstückhaft, aber voller und reicher als beim Cellini und Diderot, weil aus einem weiteren Kreis schöpfend und als Anhang eines Goethischen Lebenswerks mehr gesättigt mit schlechthin menschlichen Erfahrungen — gelöster, persönlicher, wärmer. Der Orient, der ihm die Bibel und eine Weltreligion als kulturgeschichtliche Voraussetzungen seines westöstlichen Divans bot, berührte doch noch mehr Goethes eigentliche Lebensdinge, war ein weiteres und beziehungsvolleres, zugleich dehnbareres und läßlicheres Gebiet für symbolische Ausblicke als die florentinische Kunstwelt oder gar die Zirkel des Voltairischen Paris. Je bequemer Goethe sich aus dem bloß historischen Bereich in den mythisch symbolischen ausbreiten konnte, desto voller atmete er aus und ein, und ein solches breites Atmen fühlt man in den Gedanken zum west-östlichen Divan .. sie sind nirgends trocken und ungeduldig, wie manchmal die zum Cellini und Rameau, vielmehr satt und behaglich. Die Weltschau in der Goethe die östlichen Einzelerscheinungen — Werke, Personen, Ereignisse, Bräuche, Glaubensformen, Einrichtungen — als Wechselwirkungen von Natur und Schicksal, von Seelischem und Kosmischem gibt ist hier die gleiche wie in Dichtung und Wahrheit. Wir müssen also nicht hier nochmals diese Weltschau selbst darstellen, nur die besondere Aufgabe die der Historiker Goethe im Anhang zum westöstlichen Divan ihr gestellt und gelöst hat. Nicht eine neue geschichtliche Sehart, über Dichtung und Wahrheit hinaus, bedeuten die kultursgeschichtlichen wie die biographischen Beiwerke Goethes, nur neue Anwendungen und neue Beweise seiner Sehart, und zwar minder deutliche und eindrückliche. Erst von Dichtung und Wahrheit aus wird uns klar welche Weltschau in ihnen waltet, und was das Neue daran ist.

Den Noten zu Rameaus Neffen, zum Cellini und zum westöstlichen Divan ist noch das gemein innerhalb Goethes historischem Schaffen, daß er dabei größtenteils auf fremde schriftliche Überlieferungen angewiesen war — nicht nur auf seine eigenen Beobachtungen und Erinnerungen, aus welchen er die Hauptmasse seiner autobiographischen Schriften aufbauen konnte, und selbst seinen Winckelmann und seinen Hackert. Rameaus Neffen konnte er nur mit Hilfe der biographischen Handbücher, Pamphlete und Korrespondenzen der Enzyklopädistenzeit erklären, zum Cellini bedurfte er der kunsttechnischen Fachliteratur und der Künstlerbiographien, zum west-östlichen Divan außer den Reisebeschreibungen von Marco Polo bis Chardin der wissenschaftlichen Handbücher und Übersetzungen des Freiherrn von Hammer-PurgstaIl und Diez. Da Goethe nun nirgends bloßer Kompilator war, so mußte er bei der stofflichen Abhängigkeit vom Wissen anderer durch Verknüpfung und Ausdeutung den übernommenen Notizen ihre Goethische Form und Schwere geben, während sonst der Stoff durch seine eigene Erfahrung schon Goethisch war. Die Goethische Reflexion wirkt also hier nicht schon in den Fakten selbst oder als Ausstrahlung, als Hellwerdung der Fakten, sondern tritt häufiger selbständig und gesondert neben die Fakten.

Goethes Reisewerke halten, was geschichtliche Aufgabe und Anlage betrifft, die Mitte zwischen seiner Autobiographie und seinen kulturgeschichtlichen Noten. Es sind eigene Erinnerungen, aber weniger daß er gesehen als was er gesehen ist ihr Gegenstand, und nicht als Elemente seiner eigenen Bildung, sondern als selbständige Erscheinungen zeichnet er sie auf, gleichsam als Historiker dessen „Quelle“ er selbst, und zwar wesentlich als Augenmensch ist. Soweit in den Reisewerken der Gedanke an sein eigenes Leben als Grund dieser Aufzeichnungen mitspricht, hat er sie als Stoff (nicht wie in Dichtung und Wahrheit als Form, als Gestalt) für etwaige künftige Biographien betrachtet. Aber das Gewicht hat er auf die Gesichte, nicht auf sein Sehen gelegt, und insbesondere ist nicht er, der Reisende, in den Reisewerken der bewußte einheitliche Mittelpunkt, wie in Dichtung und Wahrheit. Die Reisebücher geben Bilderreihen die nur äußerlich zusammengehalten sind durch einen der sie aufzeichnet, die eine unwillkürlich stimmungsmäßige, nicht bewußt tektonische Einheit haben durch den Geist des Aufzeichners, d. h. als Auswahl durch eine bestimmte Sehart. Welcher Art die Einzelbilder sind, nach welchen Kategorien Goethe als Reisender gewählt, geordnet und demgemäß aufgezeichnet hat, wurde bei seiner Italienreise bemerkt. Bei der Kampagne in Frankreich, der Schweizerreise 1797 und der Rhein- und Mainreise ist nur der Stoff dürftiger, die Beobachtung und Auswahl bewußter, die Zusammenfassung infolgedessen knapper.

Die italienische Reise bietet mehr den brieflich-frischen Rohstoff des Erlebens und ist, abgesehen von den nachträglich eingefügten verbindenden und zusammenfassenden Überblicken, nicht schon bewußte Redaktion für eine spätere Veröffentlichung. Die Briefe sind noch als Mitteilungen an die Nächsten oder als tagebuchartige Notizen für den Verfasser selbst gedacht, und ihr öffentlicher Wert ist, wie etwa beim Briefwechsel mit Schiller, die Ursache, nicht die Folge der Publikationsabsicht. Nur die novellistischen Einlagen, wie das römische Karneval oder einzelne ausgeführte kultur- und kunstgeschichtliche Betrachtungen und Beschreibungen, als Abschnitte eines „italienischen Journals“, mögen von vornherein mit Rücksicht auf Veröffentlichung geschrieben sein, und die Rückblicke sind erst durch die Veröffentlichung nötig geworden.

Dagegen sind die Briefe von der Kampagne in Frankreich, von der Schweizerreise im Jahre 1797 und der Reise am Rhein, Main und Neckar 1814 und 1815 bereits geschrieben mit der bewußten Verantwortung eines Autors (ja, die beiden letzten vielleicht sogar mit den Hintergedanken des Redakteurs, der seine Erfahrungen als willkommene Beiträge zu seinen Zeitschriften begrüßt) wie ja die Reisen selbst schon, weit bewußter als bei der Italienfahrt und fast pedantisch, mit den Augen eines Forschers, Kenners, Sammlers und mit den pädagogischen Absichten eines Bildungsführers gemacht wurden. Die Briefempfänger sind hierbei nur die Vertreter und Mandatare eines idealen Publikums. Der Bericht über die Rheinreise ist am weitesten von der Spontaneität der „italienischen Reise“ entfernt, aber er enthält eine der saftigsten und rundesten Einzelschilderungen, oder vielmehr als Anhang dieses bewußten schriftstellerischen Kunstwerks gab Goethe Briefe und Sammlernotizen mit drein: „Das Rochusfest in Bingen“ ist ein halb novellistisches, halb sittengeschichtliches Idyll von selbständigem Wert, nach Art, Gewicht und Anlage verwandt mit dem Römischen Karneval und mit der Krönungsfeier in Frankfurt aus Dichtung und Wahrheit: die malerisch geschaute, dichterisch begriffene Darstellung zugleich einer einmaligen Begebenheit und eines immer wiederkehrenden Brauches
die fruchtbare Einheit von Ereignis und Sitte.

Keine Kommentare: