> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- West-östlicher Divan Seite 146

2016-03-28

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- West-östlicher Divan Seite 146


WESTÖSTLICHER DIVAN

Wir wenden uns wieder zu Goethes Dichtung, zur lyrischen Selbstdarstellung seines Alters im Westsöstlichen Divan. Dies Werk ist eine Sammlung dichterischer „Augenblicke“ aus verschiedenen Seelenlagen und Schichten, von verschiedenen Gewichten und Ansprüchen — kein Ergebnis einer Einzelkrise oder eines vorgefaßten Plans, nicht einmal ein Zyklus gleichförmiger, durch Metrum, Widmung und Ort zusammengefaßter Gedichte wie die Römischen Elegien, die Venetianischen Epigramme oder die Sonette. Als Goethe den Titel fand konnte das Werk bereits weit gediehen sein, und als er es abschloß und veröffentlichte, gab er selbst zu daß es noch weiter ausgeführt und ausgefüllt werden könne. Wahrend sonst der Bau seiner Werke dem darin unterzubringenden Lebensstoff angemessen war, hatte er diesmal einige Fächer geplant und hergestellt die halb oder ganz leer blieben, wie das „Buch der Freunde“ oder „das Buch Timur“, und wiederum enthielt sein Nachlaß mehrere Divangedichte die er in den errichteten Fächern nicht unterbringen wollte oder konnte. Wenn auch in einzelnen Büchern des Divans, zumal im Buch Suleika, eine mehr oder minder bequeme zyklische Einheit durch die verherrlichte Person waltet, so war doch die Einheit des Gesamtwerks, welche die Zusammenfassung unter einem Titel berechtigte, nicht die der Idee, des Erlebnisses oder des Begriffs, nicht die der Form oder des Stoffs, sondern die der Atmosphäre, die denkbar unverbindlichste, die Einheit der Alterstimmung oder mit Goethes eigenem Wort: der „Patriarchenluft des reinen Ostens“. Und da diese Einheit eines Klimas, Weltteils oder Weltalters geräumiger und läßlicher ist als die einer bestimmten historischen Land- oder Stadtschaft — wie etwa die Roms oder Venedigs — so konnten im Westöstlichen Divan sich vielfachere Stoffe vertragen als in Goethes engeren Zyklen, die verschiedenen Elemente konnten luftiger, minder gedrängt beieinander wohnen.

Der Orient bedeutet, nur eben breiter und lockrer, im Westöstlichen Divan als Bildungserlebnis etwa dasselbe wie Rom in den römischen Elegien, Hafis als Form und Gesinnungsvorbild etwa dasselbe wie dort Tibull und Properz, und die westöstliche Suleika als menschliche Mitte dasselbe wie dort die römisch deutsche Geliebte. Aber mit diesen schematischen Beziehungen (zudem nur für Teile des Werks annähernd gültig) ist über Wesen und Ursprung nichts gesagt. Wir wissen was römisches Lokal als unausweichliche Gegenwart und sinnliche Luft für Goethe in Rom bedeutet hat und wie aus ihrer Durchdringung mit einer neuen Liebe und den antikischen Mustern römische Elegien entstehen konnten. Aber wie kommt Goethe dazu die Frankfurterin Marianne Willemer in Frankfurt und Heidelberg als „Suleika“ zu feiern? was soll der ferne Osten dem deutschen Dichter als Lokal, und der exotische Hafis als Vorbild? Hier liegt das Problem des Werks — denn der Orient und Hafis drängten sich nicht den Sinnen Goethes an Main oder Ilm so auf wie Rom und die römischen Elegiker am Tiber. Aber eben wo das Rätsel liegt liegt auch die Lösung: gerade als Ferne hat der Orient, und als Fremder hat Hafis Goethe angezogen, und wenn die Römischen Elegien aus der Dringlichkeit sinnlicher Gegenwart gezeugt sind, so stammt der Westöstliche Divan, so« weit er östlich ist, aus dem Fernzauber und der Flucht, wie das Eingangsgedicht Hegire ja zugleich verkündet und begründet. Aber daß Goethe durch Flucht schöpferisch werden konnte, daß er das Trauteste, die Geliebte, veröstlichte, und sein nächstes Leben in fremde Schleier hüllte, dazu bedurfte es einer allgemeinen Reife und eines besonderen Anlasses. Denn auch dies Werk ist nicht Ergebnis eines einzelnen Zufalls, sondern seines Charakters und seines Schicksals.

Der Gesamtzustand — das Goethische Charakterklima — worin der Divan gedieh ist der gleiche wie aus dem die Wahlverwandtschaften und Dichtung und Wahrheit stammen. Wir kennen ihn an drei Hauptzeichen: als Lust und Wunsch möglichst unbedingter Welt- und Selbstbeschauung, als Entsagung, als ordnende Distanz von sich selbst, von den Gegenständen und vom Augenblick. Das Getöse der Befreiungskriege drohte ihm diese Distanz zu zerstören, die Beschauung zu verwirren, und er rettete sich vor dem lauten Zeit-Nächsten, indem er das Auge fest auf das unverändert Ewige und Gesetzliche richtete als Naturforscher, oder ein räumlich und zeitlich Fernes aufsuchte, bei dem er verweilen konnte, bis der Sturm sich gelegt hatte. Wenn ihn die Gegenwart an seiner Weisheit hinderte, so rettete er sie zur Ewigkeit oder zur Vergangenheit. Als solch eine Zuflucht erschien ihm der Orient, durch gleichzeitige Forscher, durch zufällige Lektüre ihm gerade damals entgegengebracht: hier war die eigentlich patriarchalische Weltzone bis in die neueste Zeit hinein, einer kontemplativen Altersstimmung angemessener als die klassische Welt mit ihrer aktiven und politisch-heroischen Plastik, oder die romantisch schweifende Ekstase und Traumluft des Mittelalters. Hier war Exotik und fremde Fülle genug um einen Flüchtling anzuziehen, hier menschliche Urform und allgültige Gesinnung genug um ihn nicht abzustoßen: denn Goethe war kein Allerweltsschnüffler, dem das Fremde und Ferne als solches genügt hätte. Er bedurfte einen ihm zugänglichen und seinem europäischen Menschtum faßlich verwandten Bereich, der nur der beklemmenden Aktualität entrückt war, und der zugleich neu genug war um ihn zu erfrischen, und woran er noch als an Unausgeschöpftem lernen konnte. Die Bibelwelt und die Homerwelt kannte er, sie waren ihm fast geistige Heimat.. den europäischen Länder- und Zeitenkreis hatte er geistig durchmessen, das Menschlich-Nahrhafte aufgenommen, das bloß Zeitliche, Konventionelle, Historische daran aus» geschieden. So geriet er nun an den neueren und mittleren Orient, an die Welt aus Tausendundeine Nacht und die persische Blütezeit des Islam, um auch hier zu erfahren was ihm Besitz, Geist und Form und was ihm nur Stoff und Staunen werden könne. Die bloß orientalischen Bräuche und Kostüme wollte er im Vorbeigehn als Sammler und Kenner, der er auch als Flüchtling und gerade als Flüchtling blieb, betrachten und einordnen, die orientalischen Gesinnungen und Weisheiten soweit sie ihn als Menschen überhaupt angingen, sich zueignen, und ihr Fernes mit seinem Nahen, ihr Ewiges mit seinem Zeitlichen, ihr Neues mit seinem Alten durchdringen. Daß Goethe sich nicht zu tief im fremden Wundergarten verlor, dafür sorgten die europäischen Führer auf die er, bei Unkenntnis der Orientalin sehen Sprachen, angewiesen war, namentlich Hammer-Purgstall.

Im persischen Orient fand er (außer den ehrfurchtgebietenden Riesenbauten von Firdusis unnahbar mythischer Phantasie, die ihm nur Staunen, aber keine Neigung erweckte, außer der mystischen Gotttrunkenheit des Dschelaleddin Rumi, die den Gestaltsucher und Gestaltanbeter nur durch ihre Fülle und Süße, nicht durch Geistesart und Richtung ansprach, außer der blumigen und wallenden Weltversunkenheit Saadis, der ebenfalls als Mystiker Ieibauflösend war) einen wirklichen Seelenverwandten, einen sinnlich freudigen und hellen, glühenden und wachen, genießenden und entsagenden Anbeter des gestaltenreichen Lebens und seines unerforschlich dunklen Urgrundes, Gott: dieser östliche Bruder, der ihm zum persönlichen Mittelpunkt des ihm anzueignenden Orients wurde, ist Hafis . . vermittelt freilich durch Übersetzer. Doch selbst durch die versüßlichende und verflachende Vermittlung hindurch sah Goethe, in einem einfacheren, minder „verklausulierten und zersplitterten Zustand“, und darum nackter und deutlicher, an Hafis folgende ihm tief verwandte Züge: die geistige Freiheit gegenüber offiziellen Lehrmeinungen, Einrichtungen und aktuellen Ereignissen, die Selbständigkeit der Person gegenüber Staat, Glaube, Menge und Zeitgeist.. sodann: die aufgeschlossene Sinnenfreude an den irdischen Erscheinungen, an allem Sichtbaren, Fühlbaren, die heidnische Lust am schönen Leib, unbeirrt durch moralische, außer- oder übernatürliche Gebote, die Lust am süßen Rausch, der die Kräfte nicht trübt, sondern steigert . . und drittens, bei heiteren Sinnen für die Erscheinungen den tieferen tragischen Sinn für ihre Gleichnishaftigkeit: den echt Goethischen Sinn für den dunklen Grund des hellen Bogens. Das Goethische Grunderlebnis von dem „schönen Augenblick“, seiner absoluten Unersetzlichkeit, und seiner Relativität hat auch Hafis gekannt, und den Bezug zwischen Erdenlust und Gottgrund ausgesprochen in den Gleichnissen die islamische Dogmatik ihm anbot. Von einem Dschelaleddin oder Saadi, von deutscher wie von Sufismystik unterscheidet ihn, daß die Erscheinungen, wie sehr immer Gleichnisse, für ihn nicht entwertet und aufgehoben waren — und eben diese Ehrfurcht vor dem Erscheinenden bei gleichzeitiger Anerkennung seiner Relativität, dies gestaltenhungrige Auge, dieser reizdurstige Gaumen bei ahnungsvollem Allgefühl, dieser freie, selbst freche Geist bei frommer Seele, und dieser wache Kopf bei trunkenem Herzen heimelte Goethe an: die Einheit von Genuß und Weisheit, von Spiel und Pathos, von Helle und Tiefe, von Weltsinn und Frömmigkeit. Indem er dort eine so verwandte Gesinnung möglich sah, ward ihm die ganze dazu gehörige Umwelt vertrauter, ja vielleicht erst durch die Begegnung mit Hafis, einem „Vorbild“, konnte er einen „west-östlichen“ Divan konzipieren. Gestalt und Stellung des reif genießenden und beschauenden Dichter* Weisen in einer Welt sinnlicher Freuden und Leiden, menschlich-allzumenschlicher Umgebungen, Schranken, Schwächen, und göttlichen Sinns und Grunds fand Goethe in Hafis vorgeformt, und damit eine Hauptidee seines eignen Alters und den einen Umriß für sein werdendes Buch. Hafis, als Verkörperung des ihm möglichen Orients, ist einer der Keime des westöstlichen Divan.

Der andre ist seine neue westliche Liebe, Marianne von Willemer. Als Frau eines tüchtigen Geschäfts- und Lebemannes, der sie, die ehemalige Tänzerin, aus bedenklichen Verhältnissen an seine Seite gezogen, hatte Goethe sie bei seiner Rhein- und Mainreise in Frankfurt kennen lernen, und war rasch von ihrer sinnlich geistigen Anmut bezaubert worden. Sie war körperlich keine Schönheit (den Bildern nach vom Typus Christianes) und geistig kein Genie, wie z. B. Bettina, aber von zierlich runder Gestalt, hellen, beweglichen und kräftigfeinen Wesens, durch Schicksal gereift, ohne verhärtet oder verdüstert zu sein, leicht und warm, von raschem Mutterwitz und darüber hinaus von wirklicher Seelentiefe ohne Empfindsamkeit, von unbefangen gebildetem Geist und sicherem Geschmack ohne Blaustrümpfigkeit und von weiblicher Empfänglichkeit bei Ehrfurcht und Distanzgefühl. Die sinnliche Freiheit und Regsamkeit ihres Bühnenvorlebens verschmolz sie mit der Würde und Bildung die ihr Damentum von ihr forderte, so daß sie dem Dichter zugleich lockend und bedeutend erschienen sein muß, wie in dieser Vereinigung vielleicht seit Charlotte von Stein keine seiner Freundinnen.



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