> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- West-östlicher Divan Seite 147

2016-03-28

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- West-östlicher Divan Seite 147


Ihre Gedichte im westöstlichen Divan gehören zu den menschlich vollsten und reinsten die es von Frauen gibt, und wenn sie dabei auch nur als Medium Goethes gesungen hat, so ist es schon Ruhm genug in solcher Weise Goethes Medium sein zu können. Wichtiger aber als ihre aktive Mitarbeit am westöstlichen Divan ist ihre passive: als „Suleika“ ist sie das letzte dichterische Frauenbild Goethes geworden (denn der Zauber Ulrikes von Levetzow hat sich nicht mehr zum Bilde verdichtet). In Suleika hat er verherrlicht und verewigt was ihm das Alter an eigentlichem Jugendglück gelassen oder erneuert hatte: sinnliche Fülle, frischsströmende Schaffenskraft, zärtliche Schnellkraft, geflügelte Lust an Spiel, Traum und Rausch, göttlichen Leichtsinn, und die eigentümliche, schlechthin poetische Schwellung, Wallung und Spannung, wie sie den Jünglingsjahren eigen zu sein pflegt, kurz „eine zweite Pubertät“. Mag die Begegnung mit Marianne die Ursache oder nur die Auslösung dieses gesteigerten Lebens gewesen sein: genug, durch sie ward er sich der zweiten Jugend bewußt und ihr hat er sie gedankt, indem er ihr Bild und ihre Wirkung in die Mitte seiner gelockerten, aufglühenden „vom Zauber angeröteten“ Welt stellte.

Aber zweite Jugend ist nicht erste, und die Erfahrungen und Zustände des Alters werden nicht aufgehoben durch den neuen Ausbruch. Aus dem Gefühl und Bewußtsein seiner Jahre heraus hat Goethe das Aufblühen doppelt genossen. Darum haftet die golden trunkene Herbstreife anseinen Divangesängen und seinem Suleikabilde, die Sattigkeit des Wissens, ja des Rückschauens, die seiner eigentlichen Jugendlyrik fehlt. Gerade Suleika hat es verstanden ihn nur das Glück, den Segen, den Überschuß dieser Mischung von Jugend und Alter empfinden zu lassen, so daß sie ihm zum Sinnbild von Gewährtem, in jedem Sinn Gereiftem, Geerntetem geworden ist. Daß in dieser Begegnung von Jugend und Alter auch der Keim zur Tragik, zur schmerzlich letzten Entsagung liegen kann, sollte er wenige Jahre später durch Ulrike von Levetzow erfahren, und wenn die Suleika-gedichte die Begrüßungs- und Bewirtungslieder der zweiten Jugend sind, so ist die Marienbader Elegie ihr erschütternder Abschieds- und Todesgesang. Und wiederum bemerken wir als ein Zusammenstimmen von Goethes Daimon und Tyche, daß die Geliebte seines Herbstfrühlings bei unverwelkter Jugendlichkeit schon eine reife und wissende und bei sinnlichem Hauch beseelte und durchgeistete Frau war, die mit seinem Alter sich ins Gleichgewicht setzen konnte, nicht eine ahnungslose Knospe, wie Ulrike, die von vornherein durch eine Welt von Goethe getrennt bleiben mußte. Suleika war kein unerreichbar Schönes, sondern eine Gegenwart, kein Anderes, sondern gleichsam die Verkörperung von Goethes eigenem Zustand jener Jahre. Sie selbst gab den Leitspruch für diese Art Liebe:

Denn das Leben ist die Liebe 
Und des Lebens Leben Geist 

und durfte seine Bestätigung in Goethes Vers finden, der die Alters- und Entsagungsfalten wegstreift:

Mir bleibt genugl 
Es bleibt Idee und Liebei 

Suleika (der Name des höchsten Frauenideals aus der östlichen Liebessage) ist für ihn die weibliche Form des geistig-sinnlichen Lebensglücks das dem reifen Weisen geziemt: nicht stürmisch und begehrlich, aber gewährend, nicht brennend, aber warm, und vor allem dem liebenden Weisenseelenverwandt, fähig seinen lockersten Launen wie seinen höchsten Aufschwüngen, seinen Küssen wie seinen Gebeten nicht nur entgegen, sondern selbst zuvorzukommen. Wie sehr Suleika nicht nur seinen Sinnen genügte, sondern seinem Geist, ihn nicht nur festhielt, sondern beflügelte, davon zeugt daß er außer der sinnlich süßen „Vollmondnacht“ das hehre „Wiederfinden“ ihr zueignen, die Liebe zu ihr als Schäferstündchen und als kosmisches Geschehen feiern konnte. Nur einer unter seinen Geliebten ist unmittelbar, als seiner Geliebten, gleiche Ehre widerfahren: Charlotte von Stein. (Es ist hier nicht nur vom kosmischen — überseelischen, überpersönlichen — Gehalt seiner Liebesdichtung überhaupt die Rede, sondern von seiner bewußten kosmischen Ausdeutung seiner Liebeserfahrung bei bewußter Huldigung an deren persönlichen Ursprung.) „Wiederfinden“ ist darin, als kosmische Feier einer Geliebten, ein spätes Gegenstück zu „Warum gabst du uns die tiefen Blicke“. Noch ein zweites kosmisches Gedicht enthält der Divan, das feiert aber keinen Menschen, und weniger die Liebe als den Tod, oder vielmehr beide zusammen, als die beiden „Opfer an das Lebendige in denen der Logos widerstandslos erlischt“: „Selige Sehnsucht.“ Davon noch in andrem Zusammenhang.

Die Gestalt des Dichter Weisen und die Gestalt der Spätgeliebten sind die beiden festen Zentren um die Goethe seine Welt- und Gotterfahrung dichterisch ordnete: das Buch Hafis und das Buch Suleika sind die Träger des ganzen Werks. Das Buch Hafis stellt die allgemeine Gesinnung, die Haltung und den Zustand des reifen Goethe, von einem persönlichen Gesamtsinnbild aus, in lyrischen Einzelmomenten dar, das Buch Suleika das besondre Erlebnis das diesen Gesamtzustand in Bewegung und Gefühl verwandelt hat. Hafis ist das gesteigerte Ich des Dichters, als Mitte und Maß der von ihm beschauten, genossenen oder abgewehrten Welt, Suleika ist das Du in dem er sich verliert, mit dem er sich austauscht, an das er die Welt hingibt, über dem er sie vergißt oder worin er sie findet. Alle Zeichen für die Duwerdung der Welt, welche das Wesen der leidenschaftlichen Liebe ausmachen, werden besungen: das vollkommene Genügen im Besitz, ja im Anblick der Geliebten (Laß den Weltenspiegel..) die weltausschließende Besitzfreude (Komm Liebchen, komm . .) der verliebte Größenwahn (Hätt ich irgend wohl Bedenken) die sinnliche Weltvergessenheit, die nichts als die Geliebte sieht und ersehnt (Vollmondnacht) die verzückte Vergeudung, welche alle Schätze der Welt, alle Zier der Geschichte nur als Schmuck der Geliebten zu Füßen legt, die unwillige Wegweisung der buhlerischen Vettel Welt aus dem Bann der Liebenden, welche für sich dieWelt ausmachen, die Deutung jeder Erfahrung aus Gesellschaft, Geschichte und Natur (Gingo biloba, Hochbild) zu Liebesgleichnissen und Liebeszeichen, bis hinauf zur Verballung ihres Bundes oder der Geliebten selbst (Wiederfinden, In tausend Formen . .).

Die Goethische Vergottung des schönen Augenblicks welchen die Geliebte verkörpert hat im Buch Suleika ihre lyrische Altersform gefunden. Sie konnte sich nicht mehr, wie beim jungen Goethe, vollziehen im dunklen Gefühl, durch die Einheit des leidenschaftlichen Gesamtzustands, in dessen Bewegung die Welt rhythmisch schwang, mit dem jeweils angeschauten Traum-und Wunschbild: die Allwerdung der Liebe oder der Geliebten vollzog sich jetzt im vollen Licht des Bewußtseins, und vom Bewußtsein ließ sich der mystische Vorgang nur durch zahllose Gleichnisse oder durch Lehre, als Glaubensform ausdrücken.

Auch hier kam der Orient durch sein nicht bildliches, sondern gleichnishaft beziehendes, nicht vereinendes, sondern verknüpfendes, nicht zusammenformendes, sondern auseinanderlegendes, arabeskenhaft wahlloses Sehen dem Gedanken des Dichters entgegen, ebenso wie die enkomiastisch übertreibende, jeden Schmuck wahllos auf den gefeierten Gegenstand häufende östliche Huldigungsart. Die mystische Grunderfahrung daß dem Liebenden die Geliebte zum All wird, ihm das All gibt, vernichtet oder ersetzt, (auch dem jungen Goethe selbstverständlich) bediente sich hier der östlichen Ausdrucksmittel: das All erschien jetzt nicht mehr als eine innere Einheit, als Urgrund, sondern gleichsam zerzupft in seine tausend einzelnen „Äußerungen, Veräußerungen, und was dem Dichter in den Weg kam, ein merkwürdiges Blatt, oder was ihm widerfuhr, der Verlust eines Rings bei der Flußfahrt, was ihm einfiel oder auffiel, Gewächse, Bräuche, Trachten, konnte nach orientalischer Weise willkürlich auf die allgegenwärtige Geliebte bezogen werden. Um den Dichter her lagen die Schätze der sichtbaren Welt ausgebreitet, er brauchte nur zuzugreifen, einzelne oder einen Haufen auszuwählen, um die Geliebte damit zu schmücken oder darin zu spiegeln: jeden konnte er, durch allegorisch hin- und herwebenden Ver stand, mit seinem Assoziationsreichtum ohnegleichen, in einen Repräsentanten des Alls oder der Geliebten umsehen. Er brauchte nicht mehr diese Fülle von Einzelnem in einem Gefühl umzuschmelzen zum Götterbild, nicht mehr tausend Scheiter in einer Flamme zu verbrennen, nicht mehr durch die Gestaltenmenge hindurch in die gestaltenausströmende Urmitte hinabzudringen, um von da aus das Weltbild zu verwandeln in seinem Erlebnis: er konnte die fertige Welt nehmen, und brauchte sie nur aufzudröseln und durch Beziehung, Verknüpfung, Verschlingung neu zu deuten, um aus jeder ihrer Einzelheiten sie wiederherzustellen mit dem jeweils bedurften Sinn. An Stelle des unscheidbaren Ineinander von Urgrund und Erscheinungen, das er als Jüngling erfahren, hatte er jetzt ein bewegliches Nebeneinander der Erscheinungen, die er nicht als Einheit fühlte, sang und sah, wie in seiner Jugendlyrik, sondern aus der Einheit herausdeutete, oder auf eine Einheit bezog, oder zu einer Einheit verknüpfte: auch hier allegorisches statt symbolisches Verfahren, Vertretung statt Verkörperung.

Solche Verse wie 

O du mein Phosphor, meine Kerze,
Du meine Sonne, du mein Licht — 

solche jederzeit beliebig abzubrechende oder fortzusetzende Aufzählungen wie in dem Dulbend-gedicht oder dem Schlußghasel des Buches Suleika, mit ihren launenhaften Griffen aus einer unendlichen Fülle heraus, ihrer arabeskenhaft bequemen Aufreihung beliebiger Dinge die erst durch die Aufreihung, durch die Arabeske die sie bilden ihren Sinn bekommen, sind wohl die weiteste Abkehr Goethes von der zusammenrundenden Plastik, der über-und unterordnenden Architektur und der seelischen Zentrierung seiner früheren Lyrik. Niemals hatte er in seiner Dichtung das Bunte und Vielfache geliebt, wie in diesen östlichen Gesängen, niemals das Gleichnishafte als solches, zumal die Häufung mehrerer Gleichnisse für ein Ding.

Nachahmung der orientalischen Redeweise, gewiß! Aber Goethe hat niemals etwas äußerlich nachgeahmt was nicht in seiner innern Lage gerade vorbereitet war, und wenn er jetzt die orientalische Buntheit mit ihrem spielerischen Nebeneinander, ihrer arabeskenhaft launischen Auswahl aus einem vielheitlichen All zur Feier Suleikas sich aneignete, so entsprach dem bei einer neuen sinnlichen Lockerung seiner gesamten Phantasie, einer neuen Farbenfreudigkeit, die mit der „zweiten Pubertät“ zusammenhängt, die gleichzeitige allegorische Weltauffassung des Greises, für welchen Sinn und Erscheinungen auseinandergetreten, und also durch den Geist verknüpfbar waren. Den orientalischen Stil, der aus dem Übergewicht des Vorstellungs-Vermögens über das Begriffsvermögen kommt, benutzte Goethe, um sein einheitliches Alterswissen in der neuen jugendlich quellenden (aber nicht wie einst mit dem Gedanken identischen) Bilderfülle mannigfaltig auszudrücken, und zugleich mit den hundert Gleichnissen der Einen zu danken für die Erneuerung seiner dichterischen Phantasie.



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