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2016-03-17

Friedrich Müller- Nachlese: Auf Lessings Tod (23)



23. Auf Lessing's Tod

Klagt, ihr Musen, Klaget! schmucklos walle
Aufgelöst das Haar am Busen schwer;
Dämpft die Leyer, daß sie traurig schalle,
Lessing, ach der Edle! ist nicht mehr.

Umgestürmt so von des Eurus Flügel,
Kracht und sinkt die Tanne mit Gewalt,
Sie, die Zierd', der Schmuck vom nahen Hügel,
Sie, die Königinn vom hohen Wald.

Gleich der Pallas sizt die hehre, schöne
Melpomene an der Urn' und weint,
Von Thalias Wange rinnt die Thräne,
Schwesterlich in ihren Schmerz vereint.

Und der holde Schutzgeist des geliebten
Theuern Vaterlandes klaget laut,
An den Fels gelehnt, gleich dem betrübten
Bräutigam, am Grabe seiner Braut.

»Ach Camönen! eure Augen gießen
Schmerzen um den Edeln nicht allein,
Tausend, tausend! heiße Thränen fließen,
Seht hinunter am gehörnten Rhein,

Wo Lyäus aus der goldnen Schaale,
Unter Lauben, selig Nektar trinkt,
Und vom Mainstrom, wo zum frischen Mahle
Froh Pomona jedem Gaste winkt,

Bis zur Donau, und der Elbe breiten
Ufern, und hinauf bis an das Meer,
Wo sich Phöbus golden am beschneiten
Eisberg spiegelt, und das blaue Heer

Blasender Tritonen, mit bereiften
Bärt' und Schultern, durch die Wellen gehn,
Bis wo rechts und links die weitgeschweiften
Bögen sich des weißen Nordpols drehn,

Höret ihr die Klage weit erschallen;
Lessing, Lessing! seufzt der Nachhall schwer,
Ach, ein Edler, Theurer! ist gefallen,
Ach, ein Theurer, Edler! steht nicht mehr.«

Und er schwieg, ein langes, tiefes Stöhnen
Schloß in mir die Pforte jedem Laut,
Mich durchströmend nur ein heißres Sehnen,
Seinem Geist zu nahen mich, vertraut;

Einen Blick in seinen Blick zu senden,
Nun entfesselt ganz vom Sinnentrug,
Ihn zu flehn, voll Mitleid mir zu spenden
Einen Strahl aus höherm Sternenflug.

Ach umsonst! die Zaubermelodien
Stillten augenblicklich nur das Herz,
Bang' erwachend, sinkt bey deren Fliehen
Neu und mächtiger auf mich der Schmerz,

Qual und Jammer, ungeheuern, schweren
Felsen ähnlich, sinken sie herab:
Ach, du bist dahin! o fließt ihr Zähren! –
Doch umsonst, ihr findet nicht sein Grab.

Wo, ach wo? um Romas Mauer hallet,
Meine Klage, Theurer! fern von dir,
Fern von deines Grabes Hügel wallet,
Irrt mein Fuß in Schutt und Trümmern hier.

In die Wölbung alter Bögen schlagen
Diese Seufzer hohl; die rege Luft
Trägt mit leichtem Fittig meine Klagen
Zu den Nymphen in die Felsenkluft.

In die Tiber rinnen meine Zähren,
Hier am Ufer sitz' ich, fremd, allein;
Nacht umhüllt mich; meinen Harm zu nähren
Röthet Luna ihren Silberschein.

Hofft' ich das, als du, noch stark und munter,
Mich in deine Arme schlossest, frey
Angelobt mit mir zu leben unter
Welchem Stern und Himmel es einst sei.

O, ihr grünen Neckar-Täler! Sitze
Meiner Fürsten; mosger Mauernring,
Wolfsbrun, und du Jettas Felsenspitze,
Sahts! wie ich an seinem Halse hing,

Wie er mich, ich ihn zum Freund erkohren,
Daß ichs nicht vergessen soll, noch kann!
Ach er war so ganz für mich geboren,
War so ganz, so ganz! ein Mann, ein Mann!

Aller frohe Scherz der Lippen, Bester!
Jener Augen Blitz, dein reiner Sinn,
Jene freye Stirne und dein fester,
Wohlgebauter Körper ist nun hin!

Hin die Hoffnung, die mir so geschmeichelt,
Mit der frohsten Zukunft goldnem Schein,
Ach! es war vom Glücke nur geheuchelt,
Alles sinkt in Nacht, ich steh' allein;

Gleich dem armen Schiffer, der nach tausend
Fehlgeschlagner Müh ein Schiff erbaut;
Stark an Mast und Segel geht es, saußend
Spielt der Wind im Wimpel; fröhlich schaut

Der Erbauer, über blaue Wellen
In Gedanken eilend an den Strand,
Wo Fortunas Hörner üppig schwellen,
Goldner Plutus thront auf Perlensand,

Schon im Voraus erntend, hängt entrücket
Er im Traumgenuß am Schattenglück;
Ha, ein Blitz der schnell hernieder zücket,
Trifft das Schiff und schmettert ihn zurück,

Nackt und elend an die Klippe wieder,
Aermer als er je dem Tod entrann,
Und Verzweiflung schlägt ihn zweyfach nieder –
Ha, wie thöricht, thöricht ist der Mann

Der sich warmer Seele hin zum Guten,
Edeln, allzu nahe drängt im Feu'r;
Seht! wie mir jetzt Herz und Ader bluten –
O die Wonneblicke kauft ich theu'r.

Besser ha! dem Edeln gleich entfliehen,
Eh ein wallend Herz sich fest verstrickt,
Als sich solchen hungrigen Harpyen,
Ueberlassen, so die Seel' zerstückt!

Dreymal selig ha, zurückgezogen,
Hinters Schild der rauhsten Stoa fest,
Wie die Muschel in dem engen Bogen,
Wie die Schneck' in ihrem Felsennest.

Einsam ha! nur ruhig; sich versagend
Alles, schauend, schaudernd weg sich drehn
Vor dem Edeln, als hernach so klagend,
So entwurzelt und zerrissen stehn.

Ha, wo schwank' ich! o Vernunft, du reine,
Hohe, Götterjungfrau! stählst mein Herz,
Ja ich sänk' am Staub hinab, wenn deine
Starke Rechte mich nicht hielt im Schmerz.

Leise lispelst du und überschwänglich,
Strömet Trost, die bange Brust erbebt,
»Alles, rufst du, alles ist vergänglich,
Was vor deinen Sinnen lebt und schwebt.

Der Gestalten steter Wechsel schlinget
Neue Schönheit in der Schöpfung Kranz,
Immer neu'res Leben quillt und springet
In der Dingen vollsten Reihentanz.

Ist der Wechsel dir ein ewig Scheiden?
Weckt der Uebergang aus Klang in Klang
Bey der großen Harmonie dir Leiden?
Schauderst du beym schönsten Uebergang?

Harmonie dir alles! alles strebet
Hebet und bewegt sich nur durch sie;
Jener helle Stern dort oben, klebet
Mit dem Erdenstaub in Harmonie.

Ganz verschließet nicht des Grabeshügel,
Was ein sterblich Auge hier beweint –
Bleibst du nicht umfasst vom Allmachtsflügel,
Immer noch mit deinem Freund vereint?

Grüble nicht was eitel seyn kann, reiße
An dem Schleyer nicht, den Vorsicht wand;
Der vollendet seinen Lauf nur weise,
Der sich leiten lässt an Vaterhand.

Er der Ewige! wer mag ihn nennen?
Born der Kraft, der Weisheit er allein!
Tausend Sonnen, die dort flammend brennen,
Sind von seinem Licht nur Wiederschein.«


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