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2016-03-18

Friedrich Müller- Nachlese: Zehn Lieder von der Liebe Rhins und Luitberta's Königs- Viertes Lied (27)



Die Entdeckung von Rhins und Luitberta's Liebesverständniß und des Königs
Verzweiflung darüber.

Viertes Lied

Die ersten Wochen flogen ihr leicht dahin,
Als schwebt ihr Herz in Wölkchen über der Sonne,
»Ach, reicher Gott! rief oft sie in frohem Sinn,
Dank ewig dir für Paradieses Wonne!
O gute Anne, welch ein sel'ges Band –
Wer spräch's ganz aus? – Der heil'ge Ehestand,
Dies Glück hat, glaube mir, all mein Hoffen,
Mein Denken und Wünschen übertroffen.
Mit jedem Tage wird theurer mir, fürwahr!
Des holden Gemahls herzinniges Thun und Streben,
Ihn zu schützen acht' ich keine Gefahr,
Zu erhalten ihn, opf're ich willig mein Leben.
Die Pflicht verwandelt mein Bangen in Muth,
Seine Gemahlin zu seyn ist mein höchstes Gut;
Möchte ich als Herrn der Erde ihn vor mir schauen!
Ja einen Sternenthron möcht' ich ihm bauen! –
Zwey Dinge nur drücken das Herz mir schwer,
Die mir alle Lust gar schmerzlich verbittern,
Das eine, daß den Viellieben ich nicht nach Herzensbegehr
Darf grüßen; dann macht auch der Gedanke mich zittern,
Was erfolgte, käm' meinem Vater zu Gehör
Die Vermählung! – Ach erst vor wenigen Nächten
Hat geträumt mir, als eilten Boten über das Meer,
Die Nachricht von Arthur's Ankunft dem Könige brächten,
Und während mein Vater zu mir ins Zimmer kam,
Die frohe Zeitung mir, als Braut, wissen zu lassen,
Ward entbunden von einem Sohn ich – vor Angst und Schaam
Vermeinte ich in solcher Not zu erblassen.«
O ihr Heil'gen! rief die Alte, nur keinen Gram!
Das Hänschen komme nur; du wirst sehen,
Du bildest dir Alles nur schlimmer ein.
Vater Hubert – verstehst du? – soll Mittler seyn,
Der dem König die Heirath eröffnen wird gehen.
Sey ruhig, du Liebchen, ich bringe, in der Nacht, zu dir,
Zu dir den Geliebten, da könnt ihr sie stillen
Der getrennten Herzen Sehnsucht-Begier. –
Leicht folgt auf zu reiche Freude Verdruß. –

So geschah auch hier: es dauerte der frohe Genuß
Dem liebenden Pärchen nur wenige Wochen;
Zu hastig hob der Jüngling seinen Blick zum Thron –
Bin ich nicht, sprach er bey sich, des Königs Schwiegersohn? –
Wer darf am Hofe gleich mir auf Ansehn pochen? –
Die Großen sah trotzig er über die Achsel an,
Aus dem Wege ging er keinem in seinem Wahn.
Hui! riefen die Höflinge grollend, was soll das bedeuten?
Welch Uebermuth bey diesem gemeinen Knecht?
Worauf baut dieser Knabe so kühn sein Recht? –
Frühe sollte dieß den Liebenden Unheil bereiten;
Tausend Augen bald auf den Jüngling gerichtet stehn,
Die wachsam ihn tief bis in die Nacht begleiten;
Man bemerkt bald sein heimliches Kommen und Gehen,
Mit Vermuthung fing man schon an weiter zu schreiten,
Als im Löwenmond im selben Jahr,
Durch Uebermuth Rhin sich thörigt ließ verleiten,
Und machte, was bis daher immer verborgen war,
Vor Aller Augen jezt kund. Luitberta sollte sich leihen
Beym Erntefest, als der Jungfrauen Chorführerin,
Wie gebräuchlich war immer – da unterjagt es ihr Rhin,
Ihr befehlend, zu treten in der Tänzerin Reihen,
Damit unvermerkt er dann in der Jünglings-Schaar
Ihr begegne, und sie wechseln möchten zusammen
Liebeszeichen, ganz öffentlich, doch ohne Gefahr,
Den Zoll der brennenden Liebesflammen.

Dem Fräulein mangelt Erfahrung und Kraft,
Zu widerstehn des lüsternen Jünglings Verlangen.
Berauscht, mehr von Stolz, als von Wein – was erschafft
Nicht Thorheit für Unheil! – drückt auf des Fräuleins Wangen
Die Lippen Rhin beym Tanz, sehr unbedacht,
Und wähnt, er hab' es ungesehen vollbracht. –
Viele Stimmen, gleich dem Rauschen um Mitternacht,
Wenn Lüfte im Baumeswipfel sich streiten,
Vernahm man sogleich; viele Blicke gaben scharf acht,
Ausspähend Rhin's Schritte von allen Seiten,
Verkünd'gend im Voraus der Liebenden Fall,
Und höhnend die willkomm'ne Mähre verbreiten.
Vor den König trat am Morgen der Kronmareschall:
Majestät, sagte er neigend, mit ernstlichem Tone,
Ward nicht zum Eidam und Erben Eurer Krone
Erwählt der schottische Arthur? wie waget nun ein Vasall
Mit dessen Verlobten bei offnem Ball
Zu buhlen, Euch und dem Prinzen zum Hohne?
Die Ungebühr ersah', o Herr! nicht mein Auge allein,
Mehr wie hundert Zeugen, ich schwör' es, waren zugegen,
Als Rhin, Euer Waffenknecht, vielleicht erhizt vom Wein,
Beym Festtanz Eure Tochter verwegen
Umfangen hat, öffentlich, geherzt so vertraut,
Als wären sie lange schon Bräut'gam und Braut. –
Bald wär' dem König bey dieser Mähre das Zepter entsunken,
Zornglühend entbrannte sein fürstlich Gesicht;
»Wer ist's, rief er knirschend (dem Aug' entsprühen Funken),
Der so frech von Luitberta's Ehre spricht?
Du Basiliske! das duld' ich nicht!« –
Auf sprang er vom Stuhle in Zornesmuth trunken:
»O besser den Odem gleich mit dem Leben verhaucht,
Bevor er zur Schmach des Herrn ihn braucht.
Ha! bist du nicht selbst der verruchte Verräther?« –
Herr, Ihr verkennt mich. Schaut mich nur an!
Ich bin pflichtgetreu Euch, kein Missethäter,
Ist's strafwerth, was ich Euch kund gethan?
Ich hielt es für Pflicht. So muß ich denn weichen –
Wohl! Redlichkeit fahr' nun eine andere Bahn!
Schlechte Gefährtin des Throns, den nur Wahn,
Nur Verstellung und Trug umschleichen.
Doch zerstäubt Ihr mich auch im gewalt'gen Zorn,
Kein Haar breit wird die Wahrheit drum weichen ....
Er wollte noch sprechen, allein ihm winkte der König zu schweigen.
Als gelegt sich Geltars stürmischer Sinn,
Wusste er vor Schaam – wobey er auf Rhin
Voll Galle schnaubte, sich doch nicht zu bezähmen;
»Verdammt sey der Frevler, der Ungebühr sich erlaubt,
Rief er, hinrollen soll sein Haupt,
Sogleich zu meinen Füßen bestaubt,
Wo man ihn faht, soll sein Blut von Henkershänden verströmen.«


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