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2016-03-12

Gedichte von Kurt Tucholsky: Justitia schwoft (74)




Justitia schwoft!

   Für Berthold Jacob

Nachts im Treppenhaus des Berliner Kriminalgerichts.
Die Justitia, die tagsüber in Stein gehauen dasteht, löst sich von der Wand
und tappt, mit verbundenen Augen, einige Schritte vorwärts. Im Halbdunkel
leuchtet auf dem Boden ein weißer Strich. Sie geht darauf.
Die Justitia: Diese verdammte Binde –! Fort mit dem Zeug – jetzt siehts ja
keiner! Ratsch – da liegt die Waage – ich weiß doch, wie gewogen wird – und
– Bautsch! da das Schwert! Hol doch der Teufel diesen ganzen Betrieb! Ein
netter Aufenthalt so weit – wo ist der Spiegel? (Sie spiegelt sich in einer
Glastür. Ordnet ihr Haar. Legt Rot auf, Puder, Lippenstift.) Sie trällert leise vor
sich hin:
Von vorne – von vorne – da ist er ganz von Horne –
von hinten – von hinten . . .
Die Uhr: Bim – Bam – Bum!
Die Justitia: Hab ich mich erschrocken! Das . . . das war nur die Uhr . . . !
Na, Uhr – wie gehts denn?
Die Uhr: Bum –
Die Justitia: Wir beide werden auch nicht jünger, wie? Na, wieviel schlägts
denn jetzt bei dir, in der Republike?
Die Uhr: Bum – bim – bam – bum – bim – bam – bum – bam – baum – bim
– baum – bum – bum!
Die Justitia: Dreizehn! Allerleihand! Und ich halte mich hier mit
politischen Gesprächen auf! – Wo bleibt er denn? Ei, dort kommt er ja just –!
Der Staatsanwalt: (pfeift auf zwei Fingern)
Die Justitia: Ludwig! Wo bleibst du so lange!
Der Staatsanwalt: Meechen . . . ! (Kuß) Wo ick solange bleibe? Akten ha'ck
jeschmiert . . . Bolschewistensachen!
Die Justitia (an seiner Schulter): Du sorgst so nett für Kundschaft, Luichen!
Der Staatsanwalt: Allemal. Det du mir die Brieder bloß richtig behandelst!
Die Feinen fein – und die Kerls, na: Reichsgericht.
Die Justitia: Luichen – mach ichs vielleicht nicht richtig? Marburg?
Marloh? Frag mal in Leipzig, warum daß die Talare von meine
Reichsgerichtsräte so rot sind –
Der Staatsanwalt: Dette mir den Ledebour freijesprochen hast – det kann
ick da heute no nich vasseihn!
Die Justitia: Nich haun!
Der Staatsanwalt: Seh dir vor, Meechen! Treib ick dir dassu die Kundschaft
zu? Watt ziehste dir aus? Zieh doch die Jungens aus! Wozu hab ick dir denn
det Jeschäft lern lassn?
Die Justitia: Luichen! Wo machen wir denn heute ahmt hin?
Der Staatsanwalt: Heute nacht? Jehn wa schwofn! Ins Auditorium
Maximum von de Universität! Die janzen Rektoren sind da – lauter orntliche
Leute – Reserveoffiziere und so. Kannste was erben! Benimm dir!
Die Justitia: Ick wer dir schonst keine Schande machn! Ich will auch immer
dein braves Mädchen sein . . . Mich sieht keiner nackt, aber ich seh sie alle. Du
süßer Paragraphenlehrling!

   Der Staatsanwalt: Streiker und Revoluzzer und Demokraten und
Spartakisten und Unabhängige und Pennbrüder und Pazifisten und
Schriftsteller und Kommunisten und all das Pack – wohin?
Die Justitia: Ins Kittchen, Luis!
Der Staatsanwalt: Und die Offiziere? Und die feinen Leute? Wohin?
Die Justitia: Raus aus die Anklagebank, Luis!
Der Staatsanwalt: Und wenn sie Republik spielen – was tun wir?
Die Justitia: Wir bleiben unserm Kaiser treu!
Der Staatsanwalt: Denn was haben wir?
Die Justitia: Wir haben die Unabhängigkeit der Justiz!

(Achtunddreißig Hühner treten auf, lachen und
trippeln wieder ab.)

Der Staatsanwalt: Und die Waage?
Die Justitia: Hängt schief.
Der Staatsanwalt: Und die Binde?
Die Justitia: Hat Gucklöcher.
Der Staatsanwalt: Und das Schwert?
Die Justitia: Ist zweischneidig. Komm, Luis, gehn wir tanzen!
Der Staatsanwalt (mit Überzeugung): Du süße Sau –! (er pfeift auf zwei
Fingern)
Beide: Justitia geht schwofen! – Haste so was schon gesehn! – Sie biegt
sich und schmiegt sich – man läßt es geschehn! – So tief duckt kein Knecht
sich – wie diese Nation – Justitia, die rächt sich – für die Revolution! – Die
Deutschen, die doofen – die geben schon Ruh – Justitia geht schwofen – sie
hats ja dazu –!

(Beide keß tanzend ab)

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