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2016-03-16

Gedichte von Kurt Tucholsky: Week-End (133)



Week-End

  Erst sagt es einer.

Denn ists ne Weile still,
weil keiner will.

Dann kommen aber zu Haufen
die Organisationsorganisatoren gelaufen:
Beamte und Journalisten
und andre Juden und sogar Christen –
und ein ganzes Komitee
und Offiziere a. D.
Propaganda? Famos!
Jetzt gehts los.

Sie kleben Plakate
und Bildinserate
und sind nie alleine
und gründen Vereine;
Deutschlands ältester Soldat
hat das Ehrenprotektorat . . .
und es läßt sie nicht ruhn,
und sie haben ze tun.

Wahrheit breitet sich nicht aus,
hast die Zeitung du im Haus.

Und bald sind die Gehirne bei allen
von einem linden Wahnsinn befallen:
»Week-end!« nuckelt der Embryo;
»Week-end!« flüstert der Großpopo.
Vergessen die Wirren um Tschiang Kai-schek;
vergessen der ganze Stahlhelmdreck;
vergessen der Volksbühne tiefer Fall . . .
es braust ein Ruf wie Donnerhall:
Week-end –!

Wiek-ent-Gamaschen und Wik-end-Zigarren,
Wiehk-end-Windeln und Wigent-Knarren;
Wieghennd-Nachttöpfe (mit drei Henkeln),
Wieckänt-Stiefel mit Wiegänd-Senkeln . . .
Weegent-Häuschen und Wiekent-Bauch,
und was London kann, das können wir auch.

Bloß:
Die Gehälter der kleinen Angestellten
erhöhen sich in Deutschland selten . . .
Mit 145 Mark
fühlt sich nicht jeder week-end-stark.
Die Villa auf der einen Seite
mit dem Maybach in imposanter Breite . . .
auf der andern das Bild von dem Week-end-Haus –:
So sieht bei uns der Klassenkampf aus.

      Wenn erst . . .

   »Mein Sohn, was hör ich nur für Sachen?
Was schreibt mir Mutter da ins Feld?
Du willst die Schularbeit nicht machen,
du brauchst jetzt so viel Taschengeld?
Du sitzt jetzt manchmal schon beim Weine
(und warst doch sonst so brav und fromm!) –
Mein Sohn, ich sag dir nur das eine:
Laß Vatern bloß nach Hause komm'!«

Nachdem ich Fritzchen dies geschrieben,
hab ich mir manches überdacht.
Bei denen, die zu Hause blieben,
sind Furcht und Hoffnung aufgewacht.
Der Friede kommt auf Glücksgaloschen,
das Feuer sank, das Feuer glomm,
und einmal ist es ganz erloschen . . .
Laß Vatern bloß nach Hause komm'!

Zum Beispiel Minchen spürt ein lindes
Gefühl in ihrem zart Gemüt.
Sie steht jetzt im Jahrzehnt des Kindes
und ist auch häufig drum bemüht.
Mama hat die und jene Sorgen,
manch Fellchen ihr von dannen schwomm –
der wuchert, und der will nicht borgen . . .
Laß Vatern bloß nach Hause komm'!

Und auch mit unsrer Politike – –
da langt der Zensor nach dem Stift,
und aus ists mit der Versmusike.
Wir beten still: O Vater Swift!
Begrüßten doch nicht gar so späte
die an der Düna und der Somme
den Reichstag, die Geheimbderäte . . .
Laßt Vatern bloß nach Hause komm'!

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