> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen... Im August 1803 Fichte an Schiller (984)

2016-03-09

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen... Im August 1803 Fichte an Schiller (984)



Im August
Berlin. Fichte an Schiller

Goethes „Natürliche Tochter“ habe ich die beiden Male, da sie hier aufgeführt wurde, mit aller Aufmerksamkeit gesehen und glaube zu der möglichsten Anschauung, die man aus dieser Quelle haben kann, mich erhoben zu haben. So sehr ich Goethes „Iphigenie“, „Tasso“ und, nur in anderem Fache, seinen „Hermann und Dorothea“ stets geliebt und verehrt habe, so ziehe ich doch diese Arbeit ihnen allen vor und halte sie für das dermalige höchste Meisterstück des Meisters. Besonders scheint sie mir ein so streng geordnetes, in sich selber zusammenhängendes organisches Ganze zu sein, daß ich es kaum für möglich halte, daraus etwas wegzulassen. Was in dem ersten Teile sich noch nicht erklärt, z. B. die geheimen Andeutungen auf das Verhältnis des Herzogs zu seinem Sohne, dessen und des Herzogs verborgene Komplotte, halte ich für bedeutende Winke auf die folgenden Stücke, die schon hier einen geheimen Schauer und furchtbare Ahnung einflößen sollen.

Daß ein solches Stück von irgendeiner Schauspieltruppe nach seinem wahren Geiste ergriffen und dargestellt werden sollte, darauf ist wohl ohne Zweifel Verzicht zu tun. Dagegen scheue ich mich nicht, dem wahren Zuschauer anzumuten, durch die Beschränktheit der Darstellung das Ideal hindurch zu erblicken. Daß teils schon wegen des Mangels dieser Erhebung solche Stücke für den gewöhnlichen Beschauer hinter mittelmäßigen und flachen zurückstehen, wo Geist (oder Ungeist) und Darstellung natürlich besser zusammenfallen, teils auch wegen der Aufmerksamkeit, die organischer Zusammenhang fordert — während in gewöhnlichen Stücken man allenthalben einzelnes, nämlich Sandkörner bekommt —, und bei dem gänzlichen Mangel an Organ für das innere Leben und Handeln meistens unverstanden bleiben — daher Goethe sich die ganzen zwei letzten Akte durch die seichte Relation hätte sparen können, daß Eugenie dem Gerichtsrat ihre Hand gegeben: - dies ist ebenso unvermeidlich. Ich für meinen Teil aber komme vielleicht darum, weil ich selber fast täglich durch irgendeine Plattheit gedrückt werde, mehr in die unbarmherzige Gesinnung, daß man allerdings das Höchste und immer nur das Höchste darstellen soll, ohne Mitleid mit der Unbehaglichkeit und Langweile der Ungebildeten, deren Besserung nie beginnen wird, solange sie noch etwas ausdrücklich für ihre Gaumen Zubereitetes finden ...

Da ich in meinem letzten Briefe des Auspochens erwähnte, so muß ich nun hinzusetzen, daß es ganz notorisch ist, daß - Schadow die Auspocher bestellt und vorher angeworben. Ich schreibe Ihnen dies zu jedem Gebrauch, denn es ist stadtkundig; nur will ich es nicht Ihnen geschrieben haben. So behauptet man auch, daß der Verfasser der erwähnten Beurteilung in der Ungerschen Zeitung nicht Woltmann, sondern Herr Iffland selber sei.

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