> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen... 12.10.1803 Knebel an Karoline Herder (988)

2016-03-11

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen... 12.10.1803 Knebel an Karoline Herder (988)



12. Oktober

Ilmenau. Knebel an Karoline Herder

Endlich habe ich doch auch Goethes „Eugenie“ gelesen; aber, ich darf es wohl sagen, nicht mit sonderlicher Erbauung. Es ist das raffinierteste Werk von Kunst, Talent und - darf ich das Wort recht aussprechen? — von Seelenbüberei, das jemals aus Goethes Feder geflossen. Also sind das die herrlichen Gestalten, die uns das hochheilige Genie zur Erbauung und zum Muster darstellt! Sind das die hohen Wirkungen der Kunst und des Genies, uns das Leben und die Menschheit durchaus zu vergiften und zu verekeln? 

O wie muß man im Herzen verdorben sein, ein solches Werk hervorzubringen! Vermutlich weil es schwer sein möchte, nicht bei irgendeinem Individuum eine selbständige freie Seele zu finden, so nahm Goethe die Stände, und diese sind alle par etat und de par le roi Schurken. Sie mögen es mitnehmen, da ihre Häupter Narren und Schwächlinge sind. So sieht es also in der moralischen Welt aus! Und da ist weiter kein Mittel, wenn man doch fortleben will, als daß man auch ein Bube werde. Hier ist der Sieg des Verstandes, der Kunst und des Genies!! — Welch ein drohender Genius wacht über Deutschlands Literatur? Kann Kunst und Genie vor Infamie schützen??

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