> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 10.08.1803 (28)

2016-04-30

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 10.08.1803 (28)



28. An Goethe 10.08.1803

Berlin, den 10. August 1803. 

Die Fortsetzung Ihrer Gedanken über den Chor erhielt ich noch kurz vor dem Abgange meines letztem Briefes. Ich fange an, gute Aufschlüsse über den Chor einzunehmen, welches ich der klaren Auseinandersetzung Ihrer Briefe verdanke. Ich bin nun auf mich selbst begierig, wie es mir mit Schillers »Braut« gelingen wird, wo freilich manches anders ist. Die Schwierigkeit ist hier, daß nichts anderes herauskomme, als was dem Stücke gehört.

Die Abdrücke des Siegels sind mit vieler Zufriedenheit aufgenommen worden, und ich bitte, mir solches von unserem Künstler nebst dem Preise senden zu lassen. Könnte das kleinere auch dabei sein, so wäre es noch besser, wenn ich beide zusammen erhielte; sie sollen dann mit umgehender Post bezahlt werden.

Sie fragen, wie es um die Musik des zweiten Teils der »Zauberflöte« stehe. Ich denke, Sie meinen damit unsere neue Repräsentation der Winter’schen Musik. Das Stück wird hier mit ganz außerordentlichem Pomp und Theateraufwand gegeben. Eine unzählbare Menge neuer Dekorationen, Luft- und Erderscheinungen, die fast von Minute zu Minute aufeinander folgen, sodaß kaum die Menschen mit ihren Arien dazwischen Platz haben, beschäftigen das Stück und die Maschinisten, die man zwischenein sieht und hört, ehe man sie sehn und hören soll. Die Musik paßt zum Stück ungefähr so, wie der zweite Teil der »Zauberflöte« auf den ersten. Sie ist sehr reich gearbeitet und voll von Effekten, die das Ohr und den Sinn betäuben und überrennen. Das Haus ist jede Vorstellung voll, indessen bemerke ich keine eigentliche Zufriedenheit bei dem Teil des Publikums, für den das Stück gemacht zu sein scheint. Es wird aber wohl noch kommen.

Der Nutzen, den ich mir von solchen Stücken verspreche, besteht in der Hoffnung, den Geschmack unsers Theaterpublikums durch Überfüllung und Mangel gesunder Geistesnahrung zuletzt an Wassersucht oder Auszehrung ersterben zu sehn, und je früher es dahin kommt, je besser für die Kunst.

Nun kann ich mir wohl erklären, warum die alten Kunstmeister mit ihren Kenntnissen und Erfahrungen über Ökonomie und Effekt so geheim und halblaut gegen ihre Schüler und Nachkommen gewesen sind.

Die Effekte sind bald gelernt, aber es bleibt ewig schwer, sie so anzuwenden, daß es wahre Effekte sind. Dieses undankbare Geschlecht sieht mit leerem Stolz auf die Helden zurück, die ihnen die kostbaren Kunstmittel so vor die Tür geliefert haben, daß sie jetzt nur zugreifen dürfen, wo jene den Olymp stürmen mußten, um einen Funken Geistes zu erobern. Sie erscheinen gegen diese Alten wie reiche junge Prasser, die das von ihren ehrwürdigen Vätern übernommene Erbgut in Braten und Kuchen verfressen und alles zu allem gebrauchen.

Die kostbaren und vielen Dekorationen dieser Oper zusamt dem lärmenden und störenden Maschinenwesen sind so faselhaft und pfuscherhaft zusammengesetzt und so schlecht gemalt, daß man das Gesicht mit Verdruß wegwendet, wenn es in dem nämlichen Augenblicke angelockt und hergerissen war. Auf eine ängstlich-gefährliche Weise schweben die Figuren dreier schönen Mädchen länger als eine halbe Stunde, an dünnen Seilen gehalten, über 20 Fuß hoch in der Luft und singen mit Angst und Schrecken, daß einem das Herz wehe tut. Das Ende dieses 4 Stunden langen Kinderspiels, welches durch 3 lange eingeschobene musikalische Szenen so in die Länge gezerrt wird, besteht in dem Untergang des Reiches der Königin der Nacht: Ein König von Paphos namens Typheus, an dem die Königin der Nacht ihre Tochter Pamina verkuppeln wollen, wird endlich vom Tamino erlegt und in den Schlund eines feuerspeinden Berges geworfen, aus welchem nun die Flamme hoch in die Höhe schlägt, sich mit einem von oben fallenden Feuerregen vereinigt, und mit entsetzlichen Krachen und Knallen, unter welchem sich die starke und mühvolle Musik ganz verliert, wird die Königin der Nacht, welche oben steht, herab[ge]schleudert.

Eine Stelle des Gedichts ist nicht ohne komischen Reiz: Papageno, der abermals seiner erst gefundenen Papagena beraubt ist, sucht diese unter ändern in einer ländlichen Gegend, wo er zufällig seinen Vater, seine Mutter und ein unzähliges Heer kleiner und größerer Geschwister von 2 bis 20 Jahren, die alle Kinder seines Vaters sind, antrifft, welches zu unendlich vielen Possen und komischen Dingen Gelegenheit gibt. Außer dem ist das Gedicht von der unbegreiflichsten Schlechtheit.

Professor Fichte, dem ich den innegewesenen Brief des jenaischen Advokaten abgegeben, dankt doppelt dafür, weil er etwas Angenehmes enthält und gerade hinreicht, etwas Unangenehmes zu verhüten. Fichte ist im Begriff, darüber an den Herrn Geheimen Rat Voigt zu schreiben.

Fichte ist mit einer Abkürzung der »Natürlichen Tochter« nicht einverstanden; er glaubt, das Stück sei ganz, rund und könne durch Abkürzung nur leiden. Er ist gesonnen, etwas darüber, besonders aber über die beiden Berliner Vorstellungen, welchen er mit besonderer Sammlung beigewohnt, an Schillern zu schreiben. Er ist sogar mit der hiesigen Repräsentation mehr zufrieden als ich, der ich das Stück vorher zweimal gelesen hatte und nun ganz unbekannte Personen fand, die ich hinterher natürlich finden soll.

Ich bin nun mit der Komposition des Chors mit mir selbst über etwas Bestimmtes einig worden. Es muß nämlich alles gesungen werden, was der Chor produziert. Ein Unglück ist es mir, daß ich gerade jetzt Ihre Nähe entbehren muß. Sowie ich das Gedicht durchschweife, fallen mir tausend Gedanken ein, und es ist die Frage, ob ich nicht am Ende die Rolle der Braut durch eine Sängerin besetzen muß. Nicht als ob sie alles singen sollte, allein hin und wider wird sie singen müssen. Lassen Sie mich Ihre Gedanken darüber wissen. Außerdem schwebt mir vor, daß mit dem Gedichte selbst etwas Vorgehen müsse, worüber ich mich noch nicht deutlich erklären kann, da ich die ganze Arbeit so fragmentarisch handhaben muß. An eine Veränderung wird Schiller nicht heranwollen, allein gegen das Ende zieht sich das Gedicht nach meinem Gefühl auseinander, statt sich zu komprimieren, und deswegen würde ich vorschlagen, statt dessen, was im Manuskript der 4. Akt ist, eine Art von Epilog stattfinden zu lassen, worin der Chorus in seiner ganzen ungebundenen Hoheit als Hauptperson erschiene und sich in den höchsten Regionen, die der Musikmeister erreichen kann, gleichsam zu Hause befände. Könnte ich doch auch hierüber Ihre Gedanken wissen.

Die Komedienzettel dieser Woche und das neue Repertorium für die künftige Woche erfolgen anbei. Ich weiß nicht, ob ich es recht mache, Ihnen solche mit der Post zu senden, indem ich keine andere Gelegenheit weiß.

Madame Mara soll heut oder morgen, den 14. August, hier ankommen. Sie soll in Lauchstädt sich manchen Verdruß zugezogen haben, jedoch soll ihr Konzert durch Reichardts Hülfe wohl vonstatten gegangen sein. In Dresden hatte sie erklärt, daß sie wünsche, den Kurfürsten mit ihrem Talent bewirten zu können; da man ihr aber gesagt habe, daß Se. Durchlaucht bei der Musik zu speisen geruhten, so müsse sie gestehn, daß es ihr unmöglich sei, beim Essen zu singen. Über diese Erklärung ist sie denn um hundert Dukaten und der Kurfürst um eine Arie ärmer geblieben.

Die Acquisition mit der neuen Preisaufgabe ist mir sehr erfreulich. Das Gute wird schon hervorkommen, wenn darnach gefragt wird und wenn man es will. Über diesen Mangel ist bis daher manches ehrenwerte Talent hingestorben, weil es keinen Vereinigungspunkt gab, festen Fuß zu fassen. Das Glück schweift frei umher, und der gefesselte Mensch kann’s nicht erreichen und halten. Bei uns ist die Bescheidenheit das Höchste, was von einem Künstler gefordert wird; als wenn eine solche Forderung nicht an sich selbst die höchste Arroganz wäre! Was daraus folgt, liegt am Tage, und vor der Hand läßt es sich nicht ändern, und darüber vergeht die schöne Zeit.

Ich muß schließen, sonst kömmt der Brief nicht fort.

Zelter.

N.S. Ich halte die Komedienzettel mit Fleiß zurück, weil es besser ist, solche monatlich zu senden, der Übersicht wegen.

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