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2016-04-18

F. Dörmann- Neurotica: Geleitwort (1)

Felix Dörmann


 Geleitwort

Man ist so schamlos und naiv, wenn man jung ist und dichtet; das Geheimste,
Süßeste und Schmerzlichste plaudert man hinaus aus lauter Freude am
Erlebnis. – Aber man wird anders später: stolzer und verschwiegener – man
erlebt mehr für sich und weniger für »die Andern«; man leidet vielleicht mehr
als früher – aber man spricht weniger davon! Ja, es mag eine Zeit kommen, wo
man überhaupt nicht mehr spricht, selbst wenn man eigentlich Lyriker von
Beruf ist. –

Aber man lernt dafür in diesen Tagen lächeln, wieder für »die Andern«. –
Man fürchtet jetzt, sie könnten am Ende erraten – und man lächelt und ist
gemein! Und, »die Andern« sind zufrieden und sagen: Seht, er lächelt ja wie
wir und ist gemein – wie wir – er ist auch ein Mensch wie wir! Und sie
kommen näher und finden viele freundliche Worte. – –

Und der Dichter freut sich der gelungenen Täuschung! Ach diese
Neurotica! Wenn ich im Frack bin – da verdamme ich sie immer! aber
heimlich in den Abendstunden, wenn die Seele leise zu weinen beginnt, da
gleiten mir die Verse meines großen Bruders über die Lippen:

Ce livre est toute ma jeunesse,
Je l'ai fait sans presque y songer.
Il y paraît, je le confesse,
Et j'aurais pu le corriger.

Aber nein, ich will nicht! – Lieder sind wie Särge, in denen längst
verstorbene Gefühle schlafen. Ich will nicht rühren an ihnen, sie könnten
erwachen. – Und ich fürchte mich vor meinen Toten. –
– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
Mehr als zwanzig Jahre sind vergangen, seitdem ich diese Worte
geschrieben – und wieder einmal muß ich, beinah wie mein eigener
Testamentsvollstrecker, das schmächtige Heftchen mit seinem tollen
Versgestammel in die Welt schicken. – – Zum vierten Male. – – Jugend will
zur Jugend sprechen, Herz zum Herzen. – –

Mit scheuer Wehmut hab ich noch einmal die Stimmen vernommen, die mir
von mir selber erzählten und mir sagten: »Das warst Du«! Ein Leben liegt
zwischen dem Damals und dem Heut:

Lächerliche Erfolge, die das Herz kalt ließen, Enttäuschungen dort, wo man
gezittert hat – Wandlungen und Verwandlungen, Stellungen und Verstellungen
aller Art. Ich kenne mich selber kaum wieder und »die Andern« erkennen mich
erst recht nicht. – – Die Maske ist beinah ins Fleisch gewachsen und die
Unnatur zur zweiten Natur geworden. – –

Wie schön wär es, noch einmal stille Tage zu finden und bei dieser
Gelegenheit sich selbst vielleicht – – vielleicht sag ich, vielleicht aber auch
nicht. – –

Ich weiß wahrhaftig nicht, bin ich wirklich tot, oder komme ich mir nur so
vor? – – Kann ich noch Verse machen? Machen, jawohl, da liegt's. Machen, o
ja! Aber Verse erleben, reifen und werden lassen, wie die Früchte in der Sonne?

Wo sind sie meine stillen Tage, die mich entführen aus dem widerlichen
Betrieb meines täglichen, allzu alltäglichen Lebens? Süßer Müßiggang des
Herzens willst Du mir noch einmal teilhaft werden? Ich bin des fremden
Mannes so müde, in dem verbannt ich wandeln muß. Ich möcht mich suchen
gehn, selbst auf die Gefahr hin, nichts mehr zu finden – als ein Phantom, das in
leere Luft zerflattert, wenn man es endlich greifen will. – – Ich möchte wieder
ich sein – oder ehrlich tot, damit die Grabschrift, die ich mir schon lange
geschrieben, endlich ihre Geltung hat:

Und wenn Du behauptest, daß Du mich kennst,
So wirst Du getäuscht Dich haben,
Dann sprachst Du vielleicht mit meinem Gespenst
In Wien um zwölf am Graben.

Der Dichter, den wir beide geliebt,
Er starb verschollen und einsam,
Mit dem Manne, der noch durch die Menge schiebt,
Hat er nichts, als die Maske gemeinsam.

Wien, im Mai 1913.

An meinem 43. Geburtstag.

Felix Dörmann.

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