> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Alterslyrik Seite 154

2016-04-03

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Alterslyrik Seite 154


Sein Widerruf, das „Vermächtnis“ ist der lehrhafte Extrakt aus einem andren Goethischen Erlebnis, dem wir ebensooft begegnet sind: dem absoluten Wert, d. h. der sinnbildlichen Ewigkeit jedes schönen Augenblicks. Die klassischen lyrischen Formulierungen der beiden Erlebnisse die wir hier vom alten Goethe als metaphysische Lehrweisheit erfahren gab der junge in „Grenzen der Menschheit“ und „Ganymed“ . . wir fanden sie in den inneren Spannungen Fausts, ja in der Spannung zwischen Fausts Streben und Mephistos Verstand. Die metaphysische Erkenntnis der Relativität oder Vergänglichkeit des Einzelnen, und seines absoluten Werts, seiner Ewigkeit, ergibt zugleich die sittliche Forderung: das Ich aufzugeben, hinzugeben ins All oder es zu behaupten als gestaltetes, als intensiv ewiges All. Die Lehre aus beiden Erlebnissen kann gefaßt werden als Naturgesetz und als Sittengesetz, und wirklich enthält jedes der beiden Gedichte zugleich ein „du mußt“ und ein „du sollst“.

Die Selbstaufhebung der Persönlichkeit im All und die Selbstbehaupftung im All, ja als All, sind vielleicht ein logischer Widerspruch, aber so wenig ein erlebnisartiger oder dichterischer wie die „Doppelkonzeptionen »Gott und Welt« »Eins und Alles« »Dauer im Wechsel« »Ewiges Drängen und ewige Ruhe«: sie alle entstammen dem nämlichen Erlebnis und bezeichnen nur verschiedene Gesichtspunkte von denen aus die Welt angeschaut, verschiedene Formen unter denen sie dargestellt werden kann. Das All selbst ist ja in Logik nicht einzufangen, und wenn sich die Formeln, soweit sie logisch gedeutet werden, widersprechen, weil die Logik enger und starrer ist als die Wirklichkeit und für unendliche Erlebnisse nur endliche Zeichen hat, so vertragen sich die Erlebnisse und die Bilder aus denen sie abgezogen sind durchaus.

Die Orphischen „Urworte“ handeln von überpersönlichen Mächten die das Leben bestimmen, von kosmischen Gottheiten der menschlichen Seele. Nicht das Bild des Alls und nicht die Erkenntnis seiner Gesetze soll hier vermittelt werden, gesehen von der Einheit oder der Allheit, vom Menschen oder von Gott aus, sondern die Kräfte die das Bild bestimmen und woraus die Gesetze abzuleiten sind. In der Mitte zwischen der pantheistischen Lehre des Denkers und dem hellenischen Götterkult des Dichters Goethe, der abstrakten Tiefe der einen wie der anschaulichen Rundung des andren teilhaft, kommen die Urworte aus dem Zwischenreich zwischen philosophischer Spekulation und naivem Mythus woher auch die Sprüche der alten Orphiker stammen, die geschichtlich wie seelisch den Übergang bilden zwischen den Homerischen Göttern und den Platonischen Ideen, oder gar den Aristotelischen Begriffen. Aus dem gleichen Bereich zwischen Denken und Glauben ist die Goethische Idee des Dämonischen. Dämon, Tyche, Eros, Anangke, Elpis sind weder reine Ideen aus Goethes Philosophie noch reine Götter aus Goethes Phantasie, sondern es sind allegorische Dämonen. Daß er ihnen griechische Namen gab, daß er ihre Feier „orphisch“ nennt, ist die berechtigte Huldigung für den sagenhaften Begründer dieser Spruchgattung. Orpheus ist der Typus des Seher-denkers der die Weltkräfte in sinnschweren Kultsprüchen feiert, wie Homer der Typus des Seher-bildners ist der sie in lichten Gestalten verkörpert. . er ist der erste europäische Kultdichter, wie Homer der erste europäische Mythendichter, und er bezeichnnet zugleich den Übergang vom Mythus in die Spekulation: das Nachdenken über die Bedeutung des Kultus womit man die Götter ehrt.

Orphische Sprüche sind nicht mehr magisch liturgische, wesentlich durch Klang und Tonfall wirkende Zauberformeln zur Bannung und Verhaftung der Götter, nicht mehr Rituell, sondern bereits Deutung des Kults für die Begehenden. Ihr Sinn ist ebenso wichtig, wenn nicht wichtiger als ihr Rhythmus. Kultsprüche sind auch Goethes Urworte und haben, wie die der alten Orphiker, die Aufgabe den Sinn bestimmter nicht mehr angeschauter, sondern bei bildlosen Mysterien verehrter Gottheiten in klangvoll knappen Formeln zu feiern, nicht durch Kulthymnen (als welche nur die Weiterbildung der Liturgien und Gebete sind) und nicht durch Epigramme (als welche Widmungen dankender oder bittender Gläubigen sind) sondern durch feierliche Lehre, mit der ein Wissender die noch Unwissenden einweiht.

Goethe hat sich moderner Formen zur Feier seiner Dämonen bedient, der Ottave Rime, weil ihm die Antike wohl für das Epigrammatische, Elegische, Epische oder Didaktische, für das rein Plastische oder das rein Sinnhafte, genügen mochte, aber so wenig wie der antike Olymp für den transzendenten Mysteriengehalt seines Alters. Er bedurfte hier einer zugleich geistig straffen, sinnlich schweren und zeremoniösen Form, und die fand er in der ariostischen Stanze, in der er einst Die Geheimnisse geschrieben hatte: sie war zeremoniös durch ihre künstlichen Reimfiguren, sinnlich schwer durch die unantik farbigen Reime, und gedanklich straff durch ihre geschlossene Achtzeiligkeit.

Die Mächte die er kündet sind Dämonen des Schicksals und der Seele, nicht der Natur, die sonst in „Gott und Welt“ fast ausschließlich als die überseelische Form Gottes erscheint. Gott war für Goethe Natur-Gott und nicht Schicksals-Gott, ebenso wie das All für ihn Naturall, nicht Geschichtsall war. Seitdem er Natur und Schicksal zusammenschauen, als ein Gesetz verehren gelernt, hatte das Schicksal selbst die Züge der Natur annehmen müssen, nicht umgekehrt. Wohl aber fühlt er daß nicht alles Geschehen und Erleben restlos in diese ihm gemäße und faßliche Form eingehe, und seine Idee des Dämonischen, die er niemals so rund umschrieben und eindeutig formuliert hat wie seine Idee der Gott-Natur, ist seine Anerkennung des Gott-Schicksals.

Goethe hat selbst einmal bekannt, er sei so in seiner Vorstellungsart bedingt, daß er z.B. den Vulkanismus trotz der Vulkane nicht glauben könne. Ähnlich hat er dem Schicksal als einer außematürlichen Gottheit nur wider willig gehuldigt, und die Form seiner Huldigung ist seine Scheu vor dem Dämonischen. Die Orphischen Urworte sind Goethes Versuch soweit als möglich auch das Gott-Schicksal als Weltanschauung, als Weltbegriff zu formulieren, wie er in „Gott und Welt“ schon die Gott-Natur formuliert hatte, Kraft seiner aus dem Erlebnis abgezogenen Weisheit. Bis zu einer einheitlichen Grundkonzeption des Schicksals, d.h. des Dämonischen, zu einem Gottbild des Schicksals, das sich hätte umgreifen lassen wie die eine Gott-Natur in „Eins und Alles“ oder „Weltseele“, war er nicht gelangt, wohl aber hatte er verschiedene Offenbarungsarten des Schicksals im Menschenbereich, Hereinwirkungen des dämonisch Überseelischen in die Seele erfahren bis zur Bewußtheit: das Schicksalsgesetz nach dem die Entelechie west und wird (verwandt der indischen Idee des Karma, daß das Wesen eines Menschen selbst schon sein Schicksal ist und schafft) hat Goethe schlechthin Daimon genannt.. dann die Summe der nicht mit uns selbst gegebenen Begegnisse, die uns nicht binden und bedingen: Tyche .. dann die über uns selbst hinausreichende schicksalhafte Leidenschaft: Eros . . die Summe der äußeren Bindungen die unser Sein bestimmen: Anangke...die Vorwegnahme des möglichen Schicksals, die zugleich Aufhebung und Überwindung des gegenwärtigen sein kann: Elpis. Er hätte diesen fünf dämonischen Mächten noch andere anreihen können.. zu ihnen gehört „die Furcht“ aus dem Maskenzug im Faust, die grauen Schwestern Mangel, Sorge, Schuld, Not, und ihr Bruder, der Tod selbst.

Fast die gesamte Alterslyrik Goethes ist im westöstlichen Divan vorgebildet, fast jede ihrer Richtungen darin vertreten, wenn auch der Divan eine Einheit für sich ist, durch das östliche Bildungserlebnis welches ihn zur Reife gebracht und zum Sammelbuch gemacht hat. Eine solche Stimmungseinheit fehlt der Jugendlyrik Goethes, und ebenso seinen andren Altersgedichten, so daß sie unter allerlei Zufalls- und Verlegenheitstiteln untergebracht sind. Doch wie „Gott und Welt“ dem Urerlebnis nach aus der gleichen Lage stammt wie „Wiederfinden“ und als Glaubensbuch sich dem Buch des Paradieses anreiht, so wären die zahmen Xenien ohne weiteres unter die Bücher des Unmuts, der Sprüche und der Betrachtungen zu verteilen, und das Parabelbuch des Divan aus der „Parabolisch“ überschriebenen Stoppelernte von Gleichnissen zu ergänzen. Was ich über Ursprung, Absicht, Lage und Höhe jener Divanbücher gesagt, gilt fast durchgehends auch von diesen, nur mit dem negativen Unterschied daß darin der Bezug auf den Orient völlig fehlt, und dem positiven, daß die nachgelassenen zahmen Xenien persönliche Einzelinvektiven enthalten, wie sie Goethe bei Lebzeiten nicht veröffentlichen mochte. Eine neue Seite Goethischen Wesens und Wissens, Goethischer Gesinnung, über die Bücher des Unmuts, der Sprüche, der Betrachtungen und der Parabeln hinaus, offenbaren die zahmen Xenien nicht, ebensowenig die „Epigrammatisch“, „Parabolisch“ und „Kunst“ betitelten Abteilungen. Hier wie dort sind bald knappe, bald bequeme, bald väterlich mahnende, bald ironisch höhnende, mephistophelisch spottende, bald olympisch lächelnde Glossen eines unbedingt überlegenen Beobachters zu der ganzen Breite der Welt: Auseinandersetzungen mit persönlichen Widersachern, mit Zeitrichtungen oder Irrtümern, mit literarischen, künstlerischen, wissenschaftlichen, philosophischen Lehrmeinungen, mit Ereignissen der Zeit und mit dem Weltlauf, mit Menschenart und -unart schlechthin, mit Sitten, Ständen, Einzel- und Gesamtheiten bis hinauf zum göttlichen Walten in Mensch und Welt., wie Tag und Stunde sie gab, bald durch Lektüre bald durch Beobachtung angeregt, anspruchslos und mit Absicht läßlich gesagt, lockere Knittelverse, bald Gleichnisse, bald bloße Lehrsprüche, flüchtige Randbemerkungen zum Buch der Welt, vom gründlichsten Leser und tiefsten Begreifer aus dem Handgelenk hingeworfen als unverbindliche, aber nachdenkliche Winke für spätere minder fleißige Leser, ohne andere Einheit als die der überlegenen und von Freund wie Feind als überlegen anerkannten, allwissenden Person.

Die äußere Form dieser Sprüche wird vielfach bestimmt durch das deutsche Reimsprichwort, wie es sich von den mittelhochdeutschen Lehrdichtern über die Knittelverse der Hans-Sachs-zeit entwickelt hatte — auch die Tonart des Glossators Mephisto, die spöttisch unbeteiligte Distanz, ist merkbar. Der Knittelvers war die lockerste und dabei derbste, halb prosaische und durch den Reim mnemotechnisch günstigste Form für Merksprüche. Diese Xenien wollten weniger Dichtung als Weisheit bringen, aber sich zugleich gefällig und nett einprägen, wie es der prosaische Sinnspruch nicht konnte. Zwischen Prosa und Poesie in der Mitte, aber der Prosa ihrem Zweck nach näher als der Dichtung durch ihren Ton, mehr um des Lesergedächtnisses als um des Dichtergefühls willen in Versmaß und Reim gebracht, sind die Xenien, Parabeln, Epigramme auf ihrer untersten Stufe harmlose Klugheit oder heitre Bosheit, auf ihrer höchsten tiefe Weisheit und weiter Umblick. Über Glossierung freilich gehen sie nirgends hinaus, d.h. sie enthalten keine Welt, sondern setzen sie voraus und begleiten sie. Sie sind durchaus Parerga und Paralipomena eines großen Lebens und Leistens und empfangen nur durch dessen Dasein und unser Wissen davon ihren Wert, als Splitter und Abfälle eines aus dem kostbarsten Stoff hergestellten Bildwerks, das wir besitzen. Sie sind nicht denkbar ohne den Blick auf den Mann der sie sich leisten durfte, der sich in ihnen so läßlich geben durfte: selbstgenügsam sind sie nicht, d. h. sie würden uns ohne anders woher gewonnenes Wissen über Goethe als eigene Gebilde nicht befriedigen, und Goethe selbst hat sie nur im Zusammenhang mit seinem ganzen Werk und Bild lesen lassen wollen. Sie gehören insofern mehr zu seinem Lebenslauf als zu seinem Werk.



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