> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Alterslyrik Seite 155

2016-04-03

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Alterslyrik Seite 155


In noch weit höherem Grad gilt dies von den „Inschriften, Denk- und Sendeblättem“. Goethe, auch als Weltdichter und Genie nicht mehr außerhalb der Gesellschaft, hat seine Dichtergabe, oder wenigstens sein dicht-handwerkliches Können, vielfach benutzt um zu schmücken, zu danken oder zu huldigen, um Gönner zu erfreuen oder Damen zu beglücken, Geschenke zu begleiten und ihren Wert zu erhöhen. In den meisten Fällen handelt es sich dabei um rein gesellschaftliche Akte, um Höflichkeitspflichten, bestenfalls um halbzärtliche Herablassungen, die sein Gemüt nichts angingen. Der alte Goethe hatte sich für solche Fälle ein allgemeines Schema herausgebildet, bei dem Spender und Empfänger auf ihre Kosten kamen, ohne daß er aus der unpersönlichen Distanz herauszutreten brauchte. Er brachte eine sinnvolle, halb allegorische halb lehrhafte Ausdeutung des jeweiligen konkreten Anlasses — Fest, Begegnung, Geschenk — in Reime: so unbeträchtlich war ja nichts, daß er es nicht unter einem höheren Zusammenhang hätte sehen und dadurch steigern können. Die allegorische Altersanlage seines Geistes, welche ja Kombination von Konkretem und Abstraktem, geistige Deutung von Gegenständlichem forderte, kam ihm dabei zustatten. Da freilich diese Gefälligkeitspoesien aus Distanz, Weisheit, Absicht und Anschauung, aber nicht aus Gefühl und Drang stammen, so sind sie fast durchgehends gereimte Amtsprosa, und stehen der Art und Gattung nach nich; höher als die Gelegenheitsverse der Barockpoeten, wenngleich die weit überwiegende Person Goethe einen größeren Vorrat von bildlichen und geistreichen Einfällen zur Verfügung hatte als jene engeren Hirne. Seine größere Seele und sein volleres Erleben sprachen dabei nicht mit, und da wir, aus Kenntnis Goethes, selbst in diesen Produktionen unwillkürlich danach suchen und sie schlechterdings nicht finden können, erscheinen sie uns hie und da bis unter ihren anspruchslosen Zweck hinab dürftig. Dichter an die wir solche Forderung nicht stellen erscheinen uns in dergleichen Sachen weit liebenswürdiger und selbst freier, ja geistvoller als Goethe, z. B. Voltaire, dem man liebenswürdige Flachheit von vornherein zubilligt, weil sie in seiner Richtung liegt.

Einige Ausnahmen in dieser Gesellschaftspoesie sind die wenigen Gedichte deren äußere Anlässe bis an Goethes Seele rührten. Aus seinem Alter sind hier die Logengedichte eine Gruppe für sich. „Symbolum“ und „Zwischengesang“ wenigstens, wenn auch bestellte Festgesänge, enthalten doch in Ton und Sinn etwas von der feierlichen Weltüberschau aus der die Orphischen Urworte stammen, obwohl sie als Ganzes trockner und Schematischer sind, weil eben nicht jener Anhauch, sondern die festliche Gelegenheit die Verse veranlaßt hat: der äußere Zweck hat zuviel Prosa mitgebracht als daß Goethe sie völlig hätte entspröden können. Dazu kommt noch daß diese Gesänge von vornherein nur als Unterlage für Musik, nicht als selbständige Sprachgebilde gedacht waren.

Auch die letzte große Ballade oder episch-lyrische Dichtung die Goethe geschrieben hat, der Paria, stammt aus dem gleichen Bereich wie die Parabeln des Divan und wie die Legende von den Siebenschläfern im Buch des Paradieses: sie ist ein irdisch Gleichnis göttlichen Geschehens, ein Mysterium, als legendäre Begebenheit offenbart, und unterscheidet sich, der Altersstufe Goethes entsprechend, von früheren Balladen Goethes, zumal von „Der Gott und die Bajadere“ dadurch daß die Lehre, nicht das Geschehen, überwiegt, daß das Mysterium nicht nur, wie dort, in einem Schlußvers ausgesprochen, sondern ausgedeutet und selbständig herausgelöst wird. Auch hier ist nicht die Anschauung, sondern das Wissen zuerst da, und die Legende wird erzählt nur als Gleichnis für dies Wissen von der Göttlichkeit selbst des Niedrigen, vom Hinabwalten der göttlichen Gnade, das heißt: des ewigen Werts (denn auch diese Legende ist wie die des Paradies- und des Parabelsbuchs vor allem eine Wertsetzung, nicht nur ein Bild) bis in die Verwirrung, von der Erlösungsfähigkeit auch des Verlassensten — nur als Gleichnis für eine Lehre gilt das Wunder, nicht als außerordentliche Begebenheit.

Um die Heiligsprechung alles Menschlichen handelt es sich in diesem Gedicht, so gut wie im Buch des Paradieses und im Vermächtnis altpersischen Glaubens. „Des Paria Gebet“ stellt die Frage nach dem Wert seines irdisch niedrigen Daseins vor Gott. Die „Legende“ gibt die gleichnishafte Antwort von der Vermischung des Göttlichen und Menschlichen, des Höchsten und des Niedrigsten im Menschen selbst, der „Dank des Paria“ zieht die Lehre und Folgerung daraus. Daß das Gleichnis indischem Mythenkreis entnommen ist, hat seinen Grund in der extremen Zuspitzung die durch das Kastenwesen die Wertfrage dort gewinnt. Nur wo es Parias mit solcher metaphysischen Entwertung gibt wird die Heiligsprechung zum Wunder, und Goethes Lehre steigert sich durch die höchstgesteigerte Spannung zwischen Gott und dem Paria zum erhabensten Nachdruck.

Als Lehre ist der „Paria“ eine Steigerung von „Der Gott und die Bajadere“, als Ballade ist es flacher behandelt, eben weil es mehr auf die Lehre als auf das Geschehen ankam. Die Lehre ist bis zur Durchbrechung des Bildnerischen hier transparent geworden. Und gerade die Gleichartigkeit der Lehre zeigt um so deutlicher wie Goethe sich seitdem vom Bildnerischen zum Lehrhaften weiter entwickelt hat: was dort aus der Legende, aus dem Vorgang sich ergibt

Unsterbliche heben verlorene Kinder 
Mit feurigen Armen zum Himmel empor 

das erzwingt hier den Vorgang, treibt ihn als Gleichnis aus sich hervor, trägt ihn und umschließt ihn: 

Aber du, du sollst uns achten, 
Denn du könntest alle schelten.

Auch wir andern, dich zu loben, 
Wollen solch ein Wunder hören.

Ihm ist keiner der geringste ...
Denn du lassest alle gelten ...
Alle hast du neu geboren ...

Dieser Sinn, dies von Goethe geistig ergriffene Mysterium verdichtet sich zum transparenten Gleichnis (wobei es gleichgültig ist ob Goethe das Gleichnis erfunden oder gefunden hat). Die Mahadöhballade ist entweder das gesteigerte Sinnbild eines persönlichen Erlebnisses oder eines visionären mythischen Vorgangs aus dem sich dem Denker eine Lehre ergibt: aber seit jener Zeit war Goethes Bildbereich mehr und mehr aus dem sinnlichen Schauen in das geistige Wissen verschoben worden.

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