> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Faust II Seite 179

2016-04-23

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Faust II Seite 179


Über dem Grab Fausts erhebt er sich dann selbständig als Satan, nicht mehr Seelengegensatz Fausts, sondern Wertgegensatz Gottes, im offenen Kampf um die vermeintliche Beute. Sein eigentlich kosmisches Wesen (im Prolog schon ausgesprochen) verdeutlicht sich hier noch einmal durch seine Reaktion auf die alldurchdringende himmlische Liebe. Er ist nicht das Radikal-Böse (welches Goethes Glaube nicht kennt) nicht eine absolute dem Guten entgegengesetzte Potenz, sondern nur die Negation, das Aufhören, das Nachlassen, der dumpfe Widerstand, die Kritik, das Ende des absoluten Guten. Es beginnt mit ihm kein neues Reich nach eigenen Gesetzen in dem er herrschte: nur wo Gottes Gesetze, die allein positiven und gültigen, schweigen, da ist Mephisto. Gottes Werte gelten überall, und auch Mephisto untersteht ihnen, aber nicht überall wirken sie. Ihre Nichtwirkung ist das Teufelsreich: die Finsternis als das Nichtwirken des Lichts, die Lüge als das Nichtwirken der Wahrheit, der Unglaube als das Nichtsehen der Gottheit, der Tod als das Aufhören des Lebens . . überall ist Mephisto die Schranke welche die unendliche Kraft sich setzt, eine Funktion der Gottheit selbst, wie sogar das Nichts bereits das All voraussetzt, wie jede Negation logisch und metaphysisch nur durch ihre Position west. Erst durch Gott ist der Teufel möglich.

Diese Abhängigkeit des Teufels von Gottes ewigem Ja und gültigem Wert, die der Prolog im Himmel ausspricht, wird eben in seinem Kampf mit den Engeln dramatisch gezeigt: der AlMiebe setzt er nicht einen positiven Haß entgegen, wie etwa Satan bei Dante, Milton, Byron, die ein Radikal-Böses kennen, sondern nur seine Ohnmacht..ja er erfährt sie selbst auf seine Weise, als stofflichen Reiz, d. h. durch Umkehrung ihres eigentlichen Wesens, der geistigen Kraft. Und Faust entgeht ihm, weil oder vielmehr dadurch daß sein Drängen der positiven Unendlichkeit Gottes angehört, sein Irren nur Gottes selbst gesetzte Grenzung war, wie das Teufelsreich überhaupt.. und das Irren endet von selbst, wenn das ewige Drängen durch den Tod wieder ewige Ruh in Gott dem Herrn wird. Das Irren Fausts, das für Mephisto wirklich erscheint (denn der Negation muß das Negative wirklich erscheinen) und seinen Anspruch an Fausts Seele laut Pakt begründet, west für Gott und in Gott überhaupt nicht mehr . . und ist an Faust nur etwas Positives gewesen, wie sein „Streben“ es ja war, so gehört er gerade dadurch Gott und hebt die Grenzung auf. Ja der Pakt selbst gilt nur für Faust und den Teufel, nicht für Gott: denn er bezieht sich auf „den schönen Augenblick“ welcher in Gott, d.h. mit dem Tod erlischt. Für Gott gilt nur die Wette, nicht der Pakt.

Mit dieser Schlußszene, da Mephisto betrogen wird, ist also der unmittelbare Zusammenhang mit dem ersten Teil und dem Prolog im Himmel, der durch die Kaiserhof-, Walpurgisnachts- und Helenaszenen unterbrochen war, wieder hergestellt, das eigentliche Faustproblem, der seelische, mehr noch der kosmische Sinn Fausts und Mephistos in der Handlung und in ihren Charakteren wieder wach geworden. Hier und nur hier wird nicht bloß Goethes Lebensweisheit in das Faustmysterium eingefüllt, sondern das ursprüngliche Faustdrama selbst im Sinn und fast wieder im Stil des ersten Teils abgeschlossen. Der fünfte Akt des zweiten Teils könnte ohne weiteres (vom Faustdrama, nicht von der Lebensdichtung aus betrachtet) an den ersten Teil angeschlossen, der erste bis vierte Akt beinah erzählt werden, ohne daß man die Lösung des Faustproblems als solche unvollständiger empfände. Nur hier sind die Menschen und Schicksale noch wirksam aus denen der Urfaust konzipiert wurde. Denn Wagner ist im zweiten Teil nur Hilfskonstruktion, um dem Homunkuluseinfall in das Faustdrama zu verhelfen, und die Schülerszene ist nur eine Einlage mit Benützung des gelegenen früheren Motivs, um Goethes Stellung zu typischen Altersgegensätzen zu bezeugen. Alle Gestalten des zweiten Teils außer Faust und Mephisto sind bloße Allegorien, um Weltarten, unabhängig vom Faustproblem, aus Goethes Bildung zu verkörpern, auszustatten, auszusprechen.

Hölle und Himmel sind nicht, wie die romantische oder klassische Landschaft, wie Kaiserhof oder Arkadien, Elemente der Weltwerdung Fausts sondern (schon im Prolog) das Urteil über den Wert dieser Laufbahn, die Anerkennung oder Verwerfung der Welt die er geworden ist und des Lebens wodurch er es geworden ist. Die eigentliche Fausthandlung schließt mit dem Tod des Faust, und die Szenen in der Hölle und im Himmel handeln nicht mehr von seinem Streben, sondern vom Sinn dieses Strebens. Sie sind nur zu allegorischen Bildern ausgeweitet das Gericht, das Nein und Ja das der erste Teil in die zwei Schlußsätze preßt sie ist gerichtet, sie ist gerettet«. Wollte Goethe den Faust als Mysterium beschließen, wie er angelegt war, so mußte er wohl oder übel einen Raum oberhalb der Erden-Wirklichkeit, außerhalb des Lebens schaffen von dem aus der kosmische oder metaphysische Blick auf Faust geworfen werden konnte: einfache Stimmen aus der Höhe oder Tiefe wie bei dem ersten Teil konnten für den zweiten nicht mehr genügen, weder der Idee des Werks nach, welches sich um Welt, nicht mehr um Ich drehte, noch dem Altersbedürfnis Goethes nach, welches Raum heischte. Denn im ersten Teil vollzieht sich auch das Ja und das Nein als Seelenzustand Fausts, und die Stimmen am Schluß sind Stimmen seines Innern, sind Ich, nicht Welt, so gut wie Gretchens böser Geist. Der alte Goethe verlangt selbst von den Werturteilen die Verräumlichung, und der zweite Teil, der ganz auf die objektive Weltwerdung, nicht nur auf das Allstreben, sondern auf die Verwirklichung Fausts den Nachdruck legte, konnte weder mit einem Gemütszustand noch mit einer epilogartigen „Moral“ schließen, ganz abgesehen davon daß das Urteil über den toten Faust nicht in seine Seele hinein, auch nicht aus seiner Seele herausprojiziert werden konnte. Die urteilsprechende Instanz mußte versichtbart werden, d. h. in und mit ihrem über- oder außerweltlichen Raum, ihrem moralischen Bereich, ihrem Reich der Werte dargestellt werden. Schon als Schauspiel forderte das Mysterium daß auch das geistige Geschehen seine Szene habe, sich abspiele, und das Urteil über Faust ist geistiges Geschehen.

Die christliche Mythologie hatte das Reich der Werte bis ins Kleinste als sinnlichen Schauplatz, als Raum ausgestattet. Himmel und Hölle, wie sie vom Christentum überliefert, von dem größten christlichen Dichter unausweichlich vergegenwärtigt waren, in den alten Mysterien als zwei feindliche Mächte gegeben waren, boten also für Goethe ohne weiteres den Schauplatz für das Reich der Werte den er brauchte. Goethes Himmel, zu dem ihm Dantes Bildkraft die Umrisse bot, zeigt die stufenweise gesteigerten Wirkungen der göttlichen Liebe, an Medien in denen sie ihr eines unteilbares Licht bricht, von den Teufeln bis zu den Engeln, von den dumpfen Kindern bis zu den eingeweihten Heiligen, von den sinnlichen Sündern bis zu den geistigen Suchern. Das Urteil über die Menschen, also auch über Faust, wird gesprochen von der Gottheit, die hier nicht als All-Weisheit oder Allmacht sondern als All-Liebe erscheint, und es vollzieht sich in verschiedenen Graden der Durchdringung, der Anziehung. Diese Durchdringung hat sich schon im irdischen Dasein als größerer oder geringerer Drang ins Höhere, Weitere, Hellere bekundet. Fausts Streben nach dem Unbedingten, nach dem Göttlichen (einerlei wie er ihm genugzutun glaubte) und Gretchens Hingabe an Faust sind beides schon Wirkungen, Formen und Zeichen dieser alldurchdringenden, von Materie getrübten, aber nicht erstickten Liebeskraft (wie das Gebet, das Betenkönnen selbst schon Zeichen der Gnade) vergängliche und unzulängliche Gleichnisse des Sinns der erst jenseits der Erdentrübung, im Himmel rein ausgesprochen wird, als ihr Urteil. Fausts Streben und Gretchens Hingabe sind schon auf Erden Gewähr und Zeugnisse der Erlösung, nämlich ihrer Füllung mit göttlicher Liebe, und nach Goethes Glaube ist ja Streben und Hingabe — wie sehr immer irdisch getrübt, bedingt, beschwert — schon göttlicher Art, nicht nur Weg zur Gnade, auch Weg der Gnade. Bloß die dichterische Allegorie legt das zeitliche Erdenleben und das ewige Urteil darüber räumlich und zeitlich auseinander, da sie das übersinnliche Mysterium nur in sinnlichen Gleichnissen aussprechen kann, sich der Formen von Raum und Zeit bedienen muß, als Nacheinander und Nebeneinander dem Menschen zeigen muß was in Gott raum- und zeitloses Ineinander wirkender Kraft ist. Wir haben schon beim Westöstlichen Divan gezeigt was die Mythen der transzendenten Religionen für den alten Goethe bedeuteten und wie er dahin gelangte sie zu benutzen.

Bloß endliches, annäherndes, unzulängliches Gleichnis ist es auch, wenn Goethe die allanziehende alldurchdringende göttlich-geistige Liebeskraft das Ewig-Weibliche nennt. Er hat damit das empfangende, aufnehmende, lösende, erlösende Weltprinzip gemeint welches dem bindenden, zeugenden, plastischen, schaffenden als der andere Pol alles Seins entgegengesetzt ist, und sich für den Mann überhaupt (und für den Plastiker Goethe insbesondre) am eindringlichsten kundgibt in der Sehnsucht und Liebe zum Weib: diese ist nur menschliches Zeichen für ein kosmisches Prinzip. Der Gegenpol dieses Ewig-Weiblichen als der anziehenden, erlösenden Weltkraft ist als schaffende ebenfalls im Faust gepriesen: Eros,der alles begonnen. Aber Eros ist nicht der Erlöser sondern der Schöpfer, als solcher Bändiger, Gestalter, Grenzer.. Eros herrscht im Reich der Leib-Wirklichkeit und hat daher im Himmel nichts zu suchen, welcher das Reich der Werte ist. Im leiblos reinen Seelenreich das Goethe am Schluß über der Welt des Faust wölbt wird das Urteil über den Fausts Wirklichkeit immanenten Wert gesprochen von der ewig-weiblichen Liebe, von der Caritas, von der Madonna.

Das „Hinanziehen“ ist die Form des Urteils über Faust. Fausts ganze Wirklichkeit, der Vorgang des ganzen Faustdramas war aber bisher schon nur die Darstellung dieses Hinangezogenwerdens, also das vergängliche Gleichnis des unvergänglichen d. h. ewig zeitlosen Zustands den uns die Schlußszene im Himmel vorführt: die Erlösung Fausts. Sein Leben war als Irren, Suchen, Allstreben und Weltwerdung selbst der Erlösungsprozeß der im Himmel als Erlösungsergebnis gezeigt wird. Sein Leben war die Wirklichkeit die im Himmel als ein Wert offenbart wird .. wie im Divan die Wirklichkeit der Hafis- und Suleikabücher als Wert im Buch des Paradieses abermals erscheint.

Daß die Erlösung Fausts durch das Ewig Weibliche, durch die All-Liebe erfolgt, ist in der Fausthandlung, ja im Faustproblem selbst nicht angelegt, widerspricht der Haltung und Gesinnung des titanischen und prometheischen Menschen, ist keine immanente Lösung des Strebens und Werdens, und biegt sogar den Sinn des Prologs im Himmel um. Man hätte erwartet daß Gott Vater, der Weltschöpfer und Weltrichter, das Urteil über die schöpferische Seele fällen würde. Das Ewig Weibliche, mag es in Goethes Gesamtleben eine der großen Potenzen sein, kommt im Faust einigermaßen ex machina. Zwar theologisch läßt sich begründen daß nicht Gott Vater selbst Faust im Himmel empfängt: Fausts Aufnahme im Himmel sollte ja eine Erlösung darstellen, und Erlösung ist nicht mehr Gott Vaters Amt, sondern das der Göttlichen Liebe, welche in seinem Sohn und dessen Kreis verwirklicht wird.



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