> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Faust II Seite 176

2016-04-20

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Faust II Seite 176


[Auffallend ist es daß Goethe neben der Helenaszauberei ein so fruchtbares Motiv der Faustfabel wie die Beschwörung Alexanders gänzlich vernachlässigt hat — wohl die einzige Anregung seiner Quelle der er nicht nachgegangen ist, es sei denn daß man einige dürftige Nachlaßssplitter auf dies Motiv beziehen darf. Wahrscheinlich hat die Notwendigkeit den Faust selbst in die heroische Laufbahn zu lenken die Vorwegnahme des großen Tätertums im Bilde untunlich erscheinen lassen: derart hätte er das Alexandermotiv ausbeuten können. Die andere Möglichkeit: die klassische Welt um Alexander zu gruppieren, war durch die unentbehrliche und Goethe gemäßere Helenasvision versperrt, so daß auch von dieser Seite her das Alexanderbild pleonastisch geworden wäre. Zuletzt mag Goethes Abneigung gegen das Geschichtliche ihn genötigt haben Fausts Machtwelt und Fausts Schönheitswelt mit seelischem und rein mythischem Material zu füllen. Da auch Goethes Schweigen vor fruchtbaren und zudringlichen Motiven aufschlußreich ist, und da er außer der Alexandersbeschwörung fast sämtliche Keime der Faustsage bis zu den Eulenspiegeleien hinunter wenigstens der Art nach benutzt hat, da er vieles erweitert und fast nichts ausgelassen hat, so mußte diese Ausnahme hier gelegentlich der „Welten“ Fausts erwähnt werden].

Es liegt eine Analogie zwischen Fausts Weg zur Helena und Goethes eignem Gang zur klassischen Schönheit. Im Dienst eines Hofes, als Hexenmeister soll Faust das unsterblich Schöne beschwören, und die Sehnsucht nach dem eignen Zauberbild vernichtet sein Spiel und entrückt ihn dem Kreis für den er es weckte. Er muß den Schein ins Leben ziehen, den lockenden Vorspuk zu dauerndem Besitz in Wirklichkeit verwandeln. So hat es den Goethe der ersten Weimarer Jahre, den Festordner der lustigen Zeit, den Singspieldichter und Bühnenleiter, nach Italien getrieben und die Schönheit die er dort fand hat ihm zunächst seine Mummenschanzwelt zerstört, das ewige Maß der klassischen Gestalten hat ihm die dekorative Spielerei ebenso entwertet, ja unleidlich gemacht wie seinen maßlosen Titanismus. Zum Mummenschanz verhält sich die Erscheinung und erst recht die Eroberung der Helena im Faust, wie zu den Singspielen und Maskenzügen der ersten Weimarer Jahre, als Goethe bewußt sein Titanentum zum Hofdienst gezwungen hatte, die Iphigenie und der Tasso, die Elegien und die Achilleis. Ob diese biographische Analogie ihm bewußt war ist gleichgültig. Daß auch im Faust die Helenawelt als ein Fortschritt über die Hofwelt hinaus, als Erfüllung des Drangs nach Helle und Weite, zugleich als Linderung des titanischen Fiebers gemeint ist (welchem das Hoftreiben nur als vorläufiges Antidot verschrieben ward) daß die Helena, genau wie Italien, durchgelebter Ernst, nicht nur ironisch und entsagend mit gemachtes Spiel wie der Mummenschanz sein sollte, das ist gewiß . . und ebenso wie das erste Weimar für Goethe nur das Sprungbrett nach Italien, in die durch Italien zu erlangende Bildungswelt, so ist der Kaiserhof im ersten Akt nur Anlaß und Weg zur Helena. Wie Früh-Weimar zugleich Goethes erste Schule war für das ernsthafte Weltwirken, so bereitet sich auch im ersten Akt am Hof die Herrschertätigkeit des fünften Akts vor, in der spielerischen Einordnung die königliche Macht. Und noch weiter: zum Helenaphantom muß Faust aus der Mummenschanzwelt durch das gefährliche Reich der Mütter, durch das gestaltenträchtige Chaos des maßlosen Bildermeers, wie Goethe selbst Grauen und Unmaß durchlaufen mußte, um das Schöne im Schein, als Wunschbild zu beschwören. Um es zu besitzen, mit ihm zu zeugen und leibhaft zu wandeln, dazu bedurfte er der Wanderung in ihre geschichtlich-mythische Heimat selbst: Hellas oder Italien. Das sehnsüchtige Wissen um das schöne Maß, um das Kalokagathon oder die sinnlich vollendete Form hatte Goethe schon vor der Fahrt nach Italien, und Faust schon vor der klassischen Walpurgisnacht.. Goethe schon durch die Sehnsucht nach Italien, Faust schon durch die Geisterszene am Hof die ihn paralysiert. Aber ihre Verkörperung, Gestaltwerdung, die Anleibung und Einleibung des bloß beschworenen und geschauten Wunschbildes verlangte von ihm das Verlassen des nordisch romantischen Bereichs, den Übergang in südlich-helle Gesinnung und Luft. Diese Analogie, ob bewußt oder nicht, ergibt sich daraus daß im Faust unwillkürlich die Goethische Lebensschichtung sich abdrückt.

Die eigentliche Helenawelt gehört zu Fausts Leben in der Schönheit, als einer möglichen Erfüllung seines Strebens, und ist als unumgänglicher Bereich in dem Mysterium seiner Allwerdung schon früh konzipiert. Der Kern des dritten Akts mit dem Helenaspiel selbst entstammt der streng klassizistischen Zeit, in der allein der griechische Zauber für Goethe unbedingt und ausschließlich genug war um zu einem Zentrum seiner Faustdichtung werden zu können. Nur damals war der Übergang vom nordischen Ritter- und Bürgerwesen zum südlichen Gestaltenmaß Problem und Erregung genug für ihn um sich bis zum poetischen Geschehn zu verdichten, und nur damals konnte auch die antikisierende Form der Helena entstehen, in dem Klima worin die Elegien, Hermann und Dorothea und die Pandora gediehen. Die Einordnung der eigenwüchsig klassizistischen Helena-dichtung in das Faustdrama (mit dem sie zur Zeit ihrer Konzeption, der Faustsage gemäß, zwar gedanklich, aber zur Zeit ihrer Gestaltung nicht stimmungshaft im Zusammenhang stand) veranlaßte Goethe zu Übergangs- und Ergänzungsszenen die wiederum zur eigentlichen Fausthandlung, zum Faustproblem nicht von vornherein nötig waren, die aber der Ausweitung des Helenageschehns zur Helenawelt dienten oder die Helenahandlung mit der übrigen Fausthandlung inniger verknüpften. Bei dem maskenzugartigen Charakter des zweiten Teils, bei Goethes mehr episch weilendem als dramatisch drängendem Alterstempo, bei seiner Überfülle von Einfällen und seinem Bedürfnis nach Unterbringung des unermeßlichen Bildungsschatzes verselbständigten sich die Mittel- und Brückenszenen zu eigenen Allegorien worin sein Schauen und Wissen auch unabhängig vom ursprünglichen Faustproblem sich ergeht. Der zweite Teil wird, ähnlich wie »Pandora«, nur in größerem Maßstab, eine Lade für Einlagen, ja ein Gedicht aus Einlagen — die allegorischen Einlagen überwiegen fast das dramatisch sinnbildliche Geschehen um dessentwillen das Gesamtwerk erst Dasein und Vollendung heischte.

Solch eine Einlage, aus Mittelgliedern der eigentlichen Fausthandlung entwickelt, zu selbständigen Bilderreihen ausgeweitet, war am Kaiserhof, der zum Faustgeschehen als notwendige Staffel seiner Weltwerdung gehört, der Mummenschanz. Die Helenawelt selbst mag man, so zentrifugal auch immerhin schon die Lynkeuslieder und die Euphorionszene darüber hinausdrängen, noch zum Faustanysterium notwendig rechnen. Als selbständige Einlage gedacht und ausgeführt ist dagegen der Weg zur Helena: die klassische Walpurgisnacht. Wie sich Faust in die Helenawelt mit ganzer Sehnsucht und Leidenschaft, mit dem Ernst seines Strebens einläßt, während er den Festordner am Kaiserhof nur spielte .. wie Helena ihm ein absoluter Wert erscheint, während er das Hofleben nur als relativen, als Vorstufe schätzte und mitmachte: so soll auch die klassische Walpurgisnacht, welche in die Helenawelt so eingelegt ist wie der Mummenschanz in die Kaiserwelt, kein vorwegnehmendes Weisheitsspiel mit den antiken Bildern mehr sein, sondern ihre mythisch wahre Schau. Wie Faust die Helena aus dem Schein in die Wirklichkeit zieht, so dringt er jetzt in den Kreis der Natur- und Schicksalsmächte, den er spiegelnd und spielend zu geselligen Zwecken mißbraucht hatte, mit freiem Herzen ein, atmet ihre Luft im freien, ihnen eigenen Raum und empfängt ihren Sinn und ihre Geschichte von ihnen selbst, ihres Anschauens wert, und ernst und reif genug für sie, durch ihre Belehrung und ihren Anhauch stufenweise zureifend dem Ideal, sich würdigend, kräftigend, läuternd für die Umarmung der vollkommenen Schönheit, in der dieser mythische Kreis gipfelt. Wesentlich ist daß Faust die Welt Helenas in ihrem eigenen Raume, nicht mit dem Geist und der Phantasie, sondern mit Seele und Sinnen, die Zusammenschau ihrer Geschichte mit ihrer Landschaft, ihrer Gestalten mit ihren Elementen, ihres Treibens mit ihren Bedingungen erfährt. Dieselbe Erlösung die Goethe durch Italien erhoffte einerseits von der nordisch dumpfen Natur im Anschauen einer schon maßvoll gegliederten, formhaft bildnerischen Natur, und andrerseits von dem abgezogenen, sinnenfemen, zu Wortschällen verblasenen Spintisieren oder zu Fakten verkrümelten Wissen, durch gegenständliches Denken: die Erlösung vom naturlosen Geist und von der geistlosen Natur verschafft sich Faust in der klassischen Walpurgisnacht — sie ist die Überwindung des magisch dumpfen Zauberwesens, in dem der Teufel herrscht, der widergöttlich triebhaften form-, tag- und maßfeindlichen Natur, die am Brocken ihre Orgien feiert.. aber auch die Überwindung der begrifflich maskierten, höfisch zurechtgestutzten Natur des Mummenschanzes, sie ist weder Trieb noch Spiegelung, sondern beseeltes Sinnengebild.

Der antike Mythus ist anschaubarer Geist und durchgeistigte Natur .. die Versammlung der hellenischen Sagenlegion auf den Pharsalischen Feldern ist die günstige Gelegenheit zur Heerschau über die Kräfte des antiken, d. h. für Goethe bildnerisch gegliederten und geistig geordneten Natur- und Seelenkreises der durchlaufen werden mußte, um zum Besitz der Schönheit zu gelangen. Was der antike Mythus für ihn bedeutete haben wir schon gelegentlich der Elegien und der Pandora gesehen, besonders welchen Gewinn der alternde Allegoriker aus dem plastischen Motivwert und dem Lehrwert der mythischen Überlieferung zu ziehen wußte. Erst im Faust, bei dem es sich um Ausstattung einer ganzen klassischen Schönheitswelt, nicht bloß um ein olympisches Gegenbild zu römischen Abenteuern wie bei den Elegien, nicht bloß um Allegorie der menschlichen Seelenmächte handelte wie bei der Pandora, konnte Goethe sich in sinnfälligen antiken Mythenmotiven breit und satt ausleben . . als Kunstfreund und versetzter Maler in mannigfachen Gebärden und Gruppen hellenistisch geschauter Elementargeister oder in heroisch-einfachen, monumental gegliederten Poussinischen Landschaften .. als Archäolog in der Glossierung und Ergänzung eines unermeßlichen Trümmerstoffs, der seinem Geschichts- und Naturdenken erst eine anmutige und vieldeutige Zeichensprache bot.. als Geschichts- und Naturphilosoph in der mythisch weiten oder farbig reinen Verdichtung, wohl auch Einkleidung und Verhüllung seiner Gedanken über die Gesetze des Entstehens und Vergehens, des Wachsens und Werdens. Bildnerfreude bis zum Schnörkel- und Zierbehagen der Rokokomaler, Wissen und Lektüre bis zum Polyhistoren- und Sammlergeist, bis zum Miszellen- und Glossenkult der Humanisten, und geheimnisvoller Forscher- und Denkertiefsinn bis zur systematischen Konstruktion haben hier, manchmal vereint, manchmal bloß vermischt, aus unübersehbarem mythischen Trümmerstoff der antiken, meist der spätantiken Autoren, zumal Plutarchs, ein alt-neues Sprachganze geschaffen worin Goethes jugendliches Naturgefühl und Seelenfeuer, das Urelement seines reinen Dichtertums, manchmal mühsam, manchmal freier fortglimmt unter der Masse seiner Bildung.



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