> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Faust II Seite 175

2016-04-20

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Faust II Seite 175


Faust am Kaiserhof geht auf dasselbe Schicksal Goethes zurück wie die Lehrjahre Wilhelm Meisters, nur sind sie eine spätere Stufe der Ausgestaltung und an einen vorher festgelegten Stoff gebunden. Zudem handelt der Faust als Mysterium von den Mächten und als Altersdichtung von den Gesetzen des Menschentums, während die Lehrjahre von seinen Formen und Äußerungsarten handeln. Aber hier wie dort tritt das eigenwillige und weitsuchende Ich als beteiligtes Glied ein in die bedingende, verpflichtende, aufgabestellende, Verantwortung-und leistung fordernde, durch Würdenträger und Stände, durch Vertreter und Gruppen gekennzeichnete, dort mehr als Sitte, hier mehr als Institution, als Staat wirkende und fordernde Gesamtheit.

Im Faust II gäbe es überhaupt keine Menschenwelt ohne den Kaiserhof. Innerhalb des Gesamt-Faust ist es die eigentliche Funktion dieser Szenen, ihr Ursprung, das Bedürfnis dem sie entstammen: nach der Naturwerdung seine Staats-, seine Gesellschaftswerdung zu zeigen (wobei Natur und Staat sowohl geistige Bereiche der gesamten Wirklichkeit als menschliche Formen ihrer Schau, Gesichtswinkel, Deutungsmethoden sind. Denn jede allgemein menschliche Art die Welt zu sehen wird selbst wieder Welt). Dabei hat Goethe, wie es seine Altersart war, den aus dramatischen oder Bekenntnisgründen, d. h. mit Rücksicht auf das Faustdrama und das Faustproblem einmal ergriffenen Motivkreis benutzt um darin selbständig seine Gedanken über die Bedingungen, Normen,Typen des staatlichen Gefüges, überhaupt des menschlichen Zusammenwirkens allegorisch zu verkleiden oder sententiös auszusprechen. An den Hof kommt Faust, um zu einem weltlich weiten Wirkungskreis zu gelangen, und die alte Faustfabel wird dabei insofern zur dramatischen Verknüpfung geschickt benutzt, als die Beschwörertätigkeit, seine Legitimation am Prunkhof, handlungsmäßig die Brücke schlägt zur Helenawelt, welche abermals ein neuer Alkbezirk des Faust und ein neuer Bekenntnisbezirk Goethes ist. Doch über den ursprünglichen Faustzweck reicht die Ausdehnung der Kaiserszenen hinaus: insbesondre der Mummenschanz ist eine unabhängige, nur lose mit dem Anlaß verknüpfte Einlage — wie denn jede Szene im Faust betrachtet werden kann biographisch als unwillkürliches Zeugnis einer Goethischen Lebensstufe, technisch als dramatisches Mittel der Fausthandlung (Förderung, Retardation, Übergang, Verknüpfung) ästhetisch als dichterische Funktion des Faustproblems, philosophisch als selbständige Goethische Lehre oder Forderung, und schließlich (was aber den Rahmen dieses Buchs überschreitet) stoffgeschichtlich als Weiterbildung der Faustfabel.

Das Treiben um den Kaiser ist der allegorische Niederschlag von Goethes Erfahrungen aus Geschichte und Zeit über die mit den Eigenschaften der Menschen gegebenen Grundlagen des staatlichen Zusammenhalts. Wie die verschiedenen natürlichen Eigenschaften, Herrschsucht, Genußsucht, Leichtsinn, Habgier usw. sich im Gemeinschaftsleben äußern.. wie sie durch gegenseitige Einschränkung, Kompromisse, Übergriffe zu ständischer Gliederung, Institution,Tradition und Zustand gerinnen..wie Triebe und Kräfte zu Ansprüchen und Leistungen, Ansprüche zu Rechten, Leistungen zu Gütern, Güter zu Last und Gefahr werden .. welche Eigenschaften den Staat er halten und bedrohn.. wie zum Gemeinschaftsszustand erstarrte Menschlichkeiten unter der Bindung und dem Pomp sich äußern und gelegentlich vor brechen, kurz wie das Gemeinmenschliche als staatliche, ständische, höfische Norm sich äußert — das soll in den Kaiserszenen der seelisch-freie Weltsucher Faust durchleben: die Staatswerdung der Menschenatur, die Wechselwirkung zwischen Einzelwünschen die zu Gesinnungen, und Gemeinschaftsbedürfnissen die zu Zwecken werden, die Rückwirkung des geworden Sachlichen auf das immer werdend Menschliche, die Versachlichung neuer Wünsche oder Einfälle zu dauernden Zwecken und Einrichtungen. Ein besonders deutliches Beispiel für die Art wie Goethe diese Wechsel» Wirkungen sah ist die Papiergeldszene, mit den Reaktionen der verschiedenen ständischen Gesinnungen auf dies Teufelswerk. Auch diese Welt ist übrigens von drei Seiten aus gezeichnet: von Faust, der zugleich drin und drüber steht wie Goethe selbst, von Mephisto, der sie in ihrer Bedingtheit von außen beschaut, und von den ganz drin befangenen Mitgliedern, den allegorischen Vertretern, Opfern, Bekennern der verstaatlichten Menschtümer. Staat, Wirtschaft, Stände und Hof, Krieg, Handel und Piraterie: all diese sachlichen Ordnungen des Gemeinschaftsdaseins werden in dem Mysterium zurückgeführt auf ihre menschlichen Ursprünge. Das Sachliche ist Ableitung, Erstarrung oder Projektion des Menschlich-Natürlichen, und dies hat der Dichter durch alle Sachskrusten oder -hüllen hindurch wieder herauszuholen. Staat, Wirtschaft, Technik, Kultur, usw., als selbständige Systeme, d. h. Sachordnungen mit eignem Apparat und Betrieb, gibt es für die Wissenschaft und die Geschichte, nicht für den Dichter, so wenig es für den Dichter als solchen Mathematik gibt: dem Dichter gilt nur das menschliche Leben. Dies kann er freilich zurückverfolgen bis in die scheinbar entmenschlichten Sachordnungen (es sind diejenigen die man gemeinhin als „unpoetisch“ bezeichnet) er kann darin noch ein Eigenleben des natürlichen Menschtums fühlen und zeigen das dem Forscher verborgen oder gleichgültig bleibt. Das Papiergeld z. B. ist für die Wissenschaft eine sachliche Einrichtung jenseits der Menschennatur. Der Dichter Goethe zeigt selbst in ihr den seelisch-leiblichen, ja naturhaften Grund ihres Daseins und ihrer Wirkungen: die Allgegenwart des Menschtums, welches immer poetisch ist, im Sachtum, welches nie poetisch ist.

Wenn die sämtlichen Kaiserszenen die dichterische Beseelung der sachlichen Ordnungen anstreben, so ist der allegorische Mummenschanz der Einordnung der unstaatlichen und unsachlichen, nur seelisch -natürlichen Triebe und Zustände in diesen sozialen Bezirk gewidmet. Wird durch den Kaiserhof selbst gezeigt wie die Natur überall die Ordnungen durchwaltet und durchscheint, so gibt der Mummenschanz ein Spiel und ein Bildder bewußt hofmäßigen, rein spielerischen, rein bildhaften, rein dekorativen Verwendung des Natürlichen oder Dämonischen, des schlechthin Unsozialen, von den Seelenzuständen, Begierden und Geblüten bis zu den Gewachsen, Elementen und Dämonen: er ist die Verhöflichung, Anwendung, Sozialisierung der einst so gefährlichen, sprengenden Natur oder Dämonie,
das äußerste Widerspielzu der Erscheinung des Erdgeistes. Das Wachstum zu Sträußen und Beeten benutzt und verniedlicht, die Leidenschaften und Temperamente, die Dämonen der Seele (wozu außer Furcht, Hoffnung, Neid, Furien, Grazien usw. auch die Poesie, der Knabe Lenker gehört) zu allegorischen Masken mit Spruchzetteln gezähmt, lediglich als gesellige Ergötzung, die Faunen, die Elementargeister, Plutus, ja der große Pan selbst in den hellerleuchteten Festsaal gebannt, das dunkle Alkleben als eine niedliche, sinnfällige und sinnvolle „heitere“ und „bedeutende“ Abendunterhaltung verwandt, die Urmächte zu freundlichen Friesen gereiht, zu lebenden Bildern gestellt, zu bequemer Augenweide herabgewürdigt und zu leichter Belehrung genötigt — und Faust selbst als williger Mitspieler dieser weisen Maskenscherze: das bezeichnet den äußersten Sieg der Geselligkeit, der flachsten Form von Gesetzlichkeit, über den titanischen oder dämonischen Überschwang des vorsozialen Faust, seine vollkommene Bereitung zu und Geduld mit der Gesellschaft, sei es selbst die glänzend nichtige dieses Prunkhofes, dem die Geheimnisse der Schöpfung eben gut genug sind um sich die Langeweile zu vertreiben.

Goethe hat die Leere des sozialen Treibens, dem hier die Fülle der unsozialen Welt als Spaß dienen muß, nicht ohne Ironie geschildert, und gerade der Gegensatz zwischen dem Streben Fausts und seiner Verwendung als Festordner, zwischen dem Wesen der Urkräfte und ihrem höfischen Zierwert und Zierzweck, zwischen den Erlebnissen und den Sinnsprüchen, macht den dramatischen Reiz des Mummenschanzes aus und bestimmt seinen ironisch ernsthaften Stil. Will Faust auch diese gesellige Welt durchleben, so muß er mit allen Gewichten spielen, die Natur in den Festsaal und die Dämonen in Kostüme stecken können, und nicht nur den großen Werken der Gemeinschaft mit seiner Kraft, sondern auch ihren leichten Stunden mit seinemWissen dienen. Goethe selbst hatte es getan, und seine Singspiele und Maskenzüge sind nur das Vorleben zum Mummenschanz des Faust. Aber freilich, wenn auch die Teilnahme Fausts an einem geselligen Maskensspiele (gerade mit denjenigen Gewalten die ihn einst der Gesellschaft entrückt hatten) begründet ist durch die dramatische Notwendigkeit Faust und seine Urwelt zu sittigen und einzuordnen, so ist die Art wie es geschieht ein bedenkliches Zeichen wie weit in Goethe selbst der gesellige Dekorateur und Cicerone über den ursprünglichen Genius Herr werden konnte. Gewiß ist es nicht Goethes einzige Haltung: aber daß sie ihm überhaupt möglich war, daß er überhaupt so spielerisch mit den Tiefen umgehen konnte, als habe er sie nie ermessen, als sei er nicht Goethe sondern Voltaire .. daß er die Natur- und Geisterwelt derart, sei es auch nur zum Schein, der Gesellschaft preisgeben, in einen leichten Mummenschanz bemühen konnte; das ist vielleicht das schmerzlichste Zeichen seines Verzichts und berechtigt einigermaßen das Kopfschütteln der Schwerfälligen, der Grundsätzlichen und der Rigorosen. Faust als Festordner und der große Pan als weiser Fest-Hanswurst sind zwar nur relative Formen des Goethishen Strebens nach Einfügung um der Weltwerdung willen, aber sie bezeichnen doch die tiefste Demütigung von Goethes Genius vor der einst verachteten und zersprengten, vor der auch jetzt noch weit übersehenen Welt.

Genau das Umgekehrte hat Shakespeare getan: er, seinem Beruf nach angewiesen darauf eine gemischte oder vornehme Gesellschaft zu unterhalten, benutzte die Mittel und den Raum seiner äußeren Stellung, um sie zum Gleichnis des ungeheuren Lebens zu machen das seinen Geist erfüllte. Bei ihm bedeuten wirklich die Bretter die Welt, die Spiele den Ernst und das Geheimnis, und jeder Zuschauer mochte darin sehen was zu sehen er fähig war, das lockre Schaugepräng einer Stunde oder die Kunde von Schöpfung und Tod, eine Abendunterhaltung oder eine zeitlose Offenbarung: jedenfalls war bei Shakespeares höchsten Leistungen der ganze dekorative Apparat, seine gesellige Aufgabe, das „Theater“ in den Dienst seiner einsamen Seele gestellt, die reich genug war diese Aufgabe restlos zu erfüllen und noch einen unermeßlichen Überschuß, Rückhalt, Geheimschatz über sie hinaus zu behalten. Er hat den sozialerseits überlieferten und aufgenötigten Apparat umgewandelt zum Raum seines eignen Wesens. Goethe-Faust aber, als übergesellschaftlicher Genius geboren, hat beim Mummenschanz seine Welt in den Dienst des dekorativen, geselligen Apparats gestellt, sie künstlich und freiwillig spielerisch in die Formen dieses Apparates zurückgeengt, hat als Spiel behandelt was für ihn kein Spiel war, als Spiel für Andre, Geringere, schlechthin Spielerische — und dies ist der unleugbar peinliche Eindruck des Mummenschanzes trotz der darüberschwebenden Ironie, trotz sinnlich prachtvoller Stellen und durchscheinenden Goethischen Eigenwissens. Shakespeare hätte sich nicht erniedrigt, wenn er leere anmutige Masken für den Hof Elisabeths verfaßt hätte, wie seine Zeitgenossen: denn es war sein irdischer Beruf.. daß er diesen Beruf selbst zum Seheramt erhöht und seinen Apparat zum Weltraum erweitert hat, gab dem Theater eine neue Weihe. Aber daß Goethe von dem Platz den er einnahm herabstieg, um die Schau seiner Höhe den Talbewohnernblick' gerecht zu machen, ist von ihm aus gesehen Verzicht, von uns aus gesehen Entstellung.

Der ganze Kaiserhof ist ersonnen oder benutzt, um Faust in die „Menschenwelt“ einzuführen, worin es gilt für andre zu wirken, hinauf bis zur Beherrschung, hinab bis zur Belustigung. Über diese Welt des geselligen Wirkens hinaus, in die er zur Selbstbedingung eingetreten, führen den Faust zwei Wege zu seinem eigentlichen Niveau: die königliche Tat, als der eine Versuch sein Streben zu vollenden, und die klassische Schau, als der andre: Macht oder Schönheit als mögliche Endziele des unendlichen Dranges nach Welt, der sich im Wissen, im Genuß und in der Liebe nicht erfüllen konnte. Fausts Feldhermdienst beim Kaiser verschafft ihm — das ist der dramatische Sinn dieser Szenen, neben ihrem gedanklichen Eigengehalt — den Raum für seine Macht, Fausts Festordnerdienst motiviert seine Beschwörung und Eroberung Helenas. Der Kaiserhof und die Helenasbeschwörung waren schon aus der alten Faustfabel genommen und dem Goethischen Sinn zugesteigert und eingedeutet worden. Das Herrschertum Fausts, seine letzte irdische Form und der Abschluß seines Strebens, war Goethes eigener Gedanke, entwickelt aus seiner Konzeption von Fausts Wesen als dem Sinnbild seines eigenen — wie denn auch die Ausstattung der Welten durch welche Faust hindurch muß den dürftigen Boden der Vorgefundenen Fabel unendlich erweitert . . ja gerade bei Goethe erst hat die Absicht den Faust in verschiedene „Welten“ einzugeisten zu einer selbständigen Ausstattung jedes in der Faustsage angedeuteten bloßen Abenteuersmotivs, über seinen dramatischen Handlungszweck hinaus, geführt.



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