> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Marienbader Elegie Seite 162

2016-04-07

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Marienbader Elegie Seite 162


MARIENBADER ELEGIE

Wir wenden uns von dem Blick auf den weltliterarischen Horizont Goethes wieder zurück zu der Mitte auch seines fernsten Betrachtens, dem lebendigen Herzen, aus dem all sein Wissen kam und von dem es seinen Wert, oder auch seinen Unwert, empfing. Zweimal haben wir im Divan die Welt seines Geistes von dem erschütterten Herzen aus bedroht und wiedergesichert gesehen. Zweimal hat er die Trauer oder das Entzücken welches ihm die Lichtwelt zu verschlingen drohte mit dem Geist in das Licht gebannt: „Selige Sehnsucht“ und „Wiederfinden“. Zweimal zog er aus der Krisis selbst die Kraft sie zu heilen. Ein drittes Mal wankte das All seines Alters unter dem Ansturm des Eros, und diesmal meinte er wenigstens einen Augenblick lang seinen Untergang zu erleben: „Mir ist das All, ich bin mir selbst verloren“ — ein schmerzliches Bekenntnis bei jedem Menschen, ein erschütterndes bei einem dessen All und dessen Selbst Goethe war. Auch diesmal ist All und Selbst gerettet worden, aber jenem Augenblick da Eros den Weltbesitzer noch einmal so überwältigte, daß er meinte zu vergehen wie der Jüngling Werther, da die unermeßlichen Reiche die er erobert und geordnet wähnte, ihm nichtig wurden durch die Verweigerung eines Mädchens, da ihm Weisheit schal wurde und Kunst vergeblich, da die brennende Abschiedsstunde ihm sechzig Jahre des fruchtbarsten Wirkens und eine Ewigkeit der Schau verzehrte wie Plunder, da er umsonst gelebt und umsonst entsagt zu haben schien, weil ihm das Eine nicht erfüllt ward, da er die Leere um so tiefer empfand, je tiefer er die Fülle seiner zurücksinkenden Welt begriffen, da ihm nichts geblieben war als das allausfüllende Gefühl des Verlustes und der Drang es zu künden — seiner Sehnsucht nach dem All, der Jugend, der Geliebten als einem überschwenglichen Besitz mitten im überschwenglichen Verlust, dem geistig hellen Bild des höchsten Gutes und dem flammend-dunklen Abgrund der Qual verdanken wir das Wunder der deutschen Lyrik, die Marienbader Elegie.

Ulrike von Levetzow selbst, die der Anlaß dieses Gedichts geworden ist, hatte Goethe zum letztenmal in seiner Altersjugend das Schöne mit menschlichem Liebreiz sehnsucht-weckend verkörpert und war unerreichbar geblieben, wie die Lotte seiner Wertherjahre. Aber während dem jungen Goethe das ganze Leben noch offen lag, die Leidenschaft das welterneuemde, welteröffnende Schicksal sein konnte und der Abschied nur einen Traum seiner Jugend, der ihm kurze Zeit die Welt verklärt und erfüllt hatte, zerstörte, wußte der greise Goethe daß Ulrike sein letzter Traum sei, und daß mit ihr zugleich alles was sie ihm noch einmal geweckt, gewesen, ersetzt, verherrlicht, gesteigert hatte, von ihm scheide: nicht nur ein begehrenswert tes Frauenbild, nein die wieder aufgeglühte, dichterisch beginnliche Welt, das Leben aus Gottes Schöpfung jenseits aller Weisheit, und diesmal endegültig, die Jugend. Die Begegnung mit Ulrike hatte ihn nochmals jung erhoben über den kühlen Kreis von Ordnungen und Sammlungen womit er sich schon notgedrungen weise abgefunden hatte. Diese seine Alterswelt hatte sie ihm zugleich ersetzt, und solange sie da war, entwertet. Nun ging sie, und in die Lücke die ihr Scheiden gerissen konnte seine „Welt“ nicht wieder gleichwertig eintreten. Aus dem Willen Ulrike und was sie ihm war festzuhalten, zurückzurufen, und dem Wissen von der Unmöglichkeit sich in seiner fertigen Welt, in seiner Weisheit wieder zurechtzufinden, aus dem herzzerreißenden Hin und her zwischen der verlorenen Geliebten und dem nicht wieder genügenden All ist die Marienbader Elegie entstanden. Sie ist, wie ihr Gattungstitel sagt, ein Klagegedicht, das von einem gegebenen Augenblick aus ringsumschaut, zurück nach der entschwundenen oder gerade Entschwindenden mit ihren Gaben, Zaubern, Bildern, und voraus zu des Dichters nun „übriger“, an sich so reicher, jetzt so armer Welt.

Der Augenblick ist der Abschied selbst, die Stunde nach dem Abschied: von ihr dringt er zurück in die letzten Segnungen, kostet erinnernd das Glück der Gemeinschaft mit tiefen Atemzügen durch, durchmißt den Weg seiner Liebe vom Empfang bis zum Abschiedskuß, und nun, bei diesem Erinnern wieder angelangt, dadurch in die Gegenwart zurückgeführt, aus der ihn lindernd das Erinnern selbst schon entrücken wollte, sinkt er wieder in die schmerzliche Öde zurück. Um aus ihr sich zu erheben, schaut er umher was ihm geblieben „Ist denn die Welt nicht übrig?“ Die Natur, in deren Freundesbrust er immer Trost und Rat gefunden, ist noch da, Felder, Berge, Matten, Flüsse, Himmel. Er wendet den Blick empor und verliert sich in der Betrachtung der Wolkenformen. Aber die Seele, erfüllt mit dem Bild der Geliebten, überwältigt den Geist des Natursehers .. was ihn sollte vergessen machen mahnt ihn erst recht an das Verlorne: im Ätherduft sieht er sie, nur immer wieder sie, und die Natur, die ihn von ihr wegführen sollte, führt ihn zurück zu ihr, das Andre wird erst recht zu ihrem Gleichnis, aus jeder Lücke drängt sie wieder ein, und so kehrt er, unentrinnbar von ihr besessen, wieder ganz vom Gleichnis, vom „Luftgebild“ zu ihr ins Innere seines ihr gewidmeten Herzens: „Ins Herz zurück, dort wirst du’s besser finden“.

Dort ist es nicht mehr ihr wechselndes, fließendes Bild, es ist ihre unvergängliche Wirkung, was er sucht, worein er sich bebend, betend ausbreitet, um darin vielleicht nicht nur zeitliche Linderung, sondern ewiges Heil zu finden. Die Geliebte ist mehr als ein berückendes Geschöpf, mehr als eine sichtbare Bezauberung, sie ist — er hat’s an sich erfahren — Botin, ja Wirkung des Göttlichen: indem er sie vergottet, sie anbetet, sich ihr in schmerzlich süßer Frommheit unterwirft, eingedenk der beseelenden, befreienden, entstarrenden, entselbstenden, lösenden, erlösenden Kräfte womit sie ihn angestrahlt, erwartet er von ihr auch die Erhebung aus der gegenwärtigen Öde. Sie hat ihn rein, dankbar, fromm, der seligen Höhe teilhaft gemacht durch ihre Gegenwart, ihr Anhauch soll ihn gläubig machen, werkfroh, lebenswillig:

Es ist als ob sie sagte, Stund um Stunde
Wird uns das Leben freundlich dargeboten.

Nicht nachtrauern, nicht voraussorgen — all die feste Goethische Lebens-Weisheit zwingt er sich bewältigt vom Schmerz heran, er will sie aus ihrem Bild erneuern, er will der alte weise Goethe wieder werden und sie soll ihn dazu machen, aus ihrem Mund soll ihm die Mahnung kommen, er selbst zu sein: „es ist als ob sie sagte“.

Doch es ist nur „als ob“: abermals versagt das Heilmittel. Wie das erste, der Rückblick, wie das zweite, die Naturschau, versinkt auch das drifte, die Erhebung hoffnungslos in dem allgegenwärtigen Schmerz des Verlustes. Dreimal will er aus dieser Qual der Gegenwart, des tödlichen Augenblicks sich erheben, entfliehen in die Zeit, in den Raum, in die Ewigkeit, sich aus dem Drang des Gefühls lindernd ausbreiten in Weite und Ferne durch Betrachtung und Weisheit und Wille, einmal durch Rückschau auf sein Glück, einmal durch Umschau in seine Natur und einmal durch Aufschau zu seinem auch von der Geliebten verwirklichten Gott, und dreimal wird er nur tiefer auf sich zurückgeführt, auf sein Ich, das verloren hat und auf sie, die er nicht gewonnen hat. Dreimal kämpft seine Weisheit mit all ihren Waffen diesen immer bewährten Waffen — der erlösenden Bildkraft seiner Erinnerung, der beruhigenden Schaukraft seiner Naturforschung und der erhebenden Glaubenskraft seines Gottwissens — gegen die Gewalt des Allerschüttrers, Allzerstörers Eros und dreimal sinken sie ihm stumpf, wehrlos und wertlos aus der Hand: dreimal ist die Leidenschaft stärker als die Weisheit, der Verlust unermeßlicher als der Besitz, der schmerzliche Augenblick wirklicher als die heilige Ewigkeit. Mit einer hemmungslosen Unterwerfung der Weisheit unter den Schmerz, mit einer bedingungslosen Anerkennung seiner Allmacht, und mit einer trostlosen Hingabe des Allbesitzers an den Allberauber endet der Kampf. Seine Weisheit dient noch und nur dazu das Trümmerfeld zu überschauen, und sich selbst hell und grausam, mitten in Tränen, Öde und Sehnen, zu bekennen was er besaß und was er verlor: den weiten Wert der eingebüßten Welt, und sein nächstes Glück.

Beraubt ist er, aber nicht gebrochen, verödet, aber nicht verbittert, und vor allem nicht erblindet. Die Welt soll es nicht entgelten daß er sie verlor, und den Freunden vermacht der Scheidende ihre volle Herrlichkeit, wie er sie begriffen. Auch der grausame Schmerz macht ihn nicht zum Hasser und Flucher, und auch der beraubte Goethe ist noch reich und noch fromm genug um zu segnen. In demselben Augenblick da er zu seinem Leben nein sagen muß sagt er zu der erlebten Welt dennoch ja, und die Leidenschaft, die er besiegen wollte und als Sieger über seine Weisheit anerkennt, verherrlicht er mitten im Untergang, durch diese Weisheit selbst. Die Größe des Opfers das er dem dunklen Gotte bringt steigert für ihn und uns diesen Gott selbst. Wenn das Opfer erschütternd und zerreißend ist, so erhebt Goethes dennoch segnender Abschiedsblick auf Opfer und Altar seine Weisheit auf die Höhe seiner Leidenschaft, und so tief das Leid ist so erhaben ist der Geist der es mit solcher Gesinnung trägt. Die Spannung die im Gedicht als unheilbar ausgesprochen wird löst sich durch das Gedicht selbst. Darum begreifen wir die zärtliche Liebe die Goethe nachher für die Marienbader Elegie empfand: sie war ihm das heilige Versöhnungszeichen daß er sich nicht verloren hatte, aber freilich ohne das Erlebnis des Welt- und Selbstverlustes hätte sie nie entstehen können.



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