> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Marienbader Elegie Seite 163

2016-04-07

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Marienbader Elegie Seite 163


Der Kampf zwischen Leidenschaft und Weisheit, zerstörendem Augenblick und gefährdeter Ewigkeit, Sehnsucht nach der Geliebten und Besitz der Welt, der den Bau und Gang des Ganzen bestimmt, das dreimalige Hin und Her von der Geliebten weg und zu ihr zurück, bis schließlich der Schmerz um sie und durch sie siegt und bleibt, als Abschluß, aber nicht als Erfüllung — dies Hin und Her setzt sich auch in die äußere Form der Elegie fort. Eine feierlich kunstvolle, den dekorativ zeremoniösen Ottave-rime verwandte Strophe sollte auch hier die Flut von Gefühlen dämmen und binden: aber sie ist hier entspannter, gleich als wenn die spontane Macht des bewegten Gefühls sich durchgesetzt hätte gegen die strengere Fessel die Goethes gewaltsam künstliche und künstlerische Weisheit ihr anlegen wollte. Die gewaltsame äußere Beherrschtheit und eine unbezwingbare innere Wallung, der Wille des alten weisen Goethe sich zu fassen, nicht auszubrechen und zusammenzubrechen, und der brennende Drang des Liebenden halten sich in der Strophenform das Gleichgewicht. Das Übergreifen von Sätzen in die nächste Strophe ist ein Sieg des ausbrechenden Gefühles über die zusammenhaltende Weisheit, das Fluten der unendlichen Bewegung über das enge Gefäß, worin der Weise und Bildner sie fassen wollte. Selbst der Strophenbau wiederholt durch seine Reimverschlingung im kleinen was der Bau der Elegie im großen zeigt: ein Fliehen, ein Ergreifen und Wiederfliehen und Wiederergreifen und zuletzt ein endgültiges Verlieren: mehrmaliges Auf und Ab und schließliches Vorbei das beides erledigt. Wiedas Gedicht das einzige ist (vielleicht außer „Warum gabst du uns die tiefen Blicke“) das die Spannung, den Kampf, den ungelösten Widerstreit selbst ausdrückt und festhält (statt wie die andren Gedichte Goethes den Augenblick in die Ewigkeit auszudehnen oder die Ewigkeit in den Augenblick zu füllen) so ist es auch in der Sprachbehandlung einzig durch die immer wieder vorbrechende Schöpferfrische des Augenblicks, der Sprache erst erschafft, und die altfeste Meisterschaft, die wägend weise Distanz, die Sprache schon besitzt und anwendet. Auch hier ringen Gefühl und Weisheit miteinander. Dem Gefühl genügt für seine junge schöpferische Wallung keine der hohen, fernen Formeln mehr, und die Weisheit möchte sich nicht überwältigen lassen durch die andrängende Gewalt. So ist dieser rührende Stil entstanden, der die Elemente von Goethes Jugend —der alles hereinziehenden und kühn-mischenden, wahllos und unbewußt, aber instinktiv stilsicher verschmelzen, den — vereint mit der wählerischen, kargeren, vorsichtigeren, langsameren, gleichsam tastenden und prüfenden, mehr von oben als von innen kommenden Diktion seines Alters. Leidenschaftlicher Ausbruch des Alleingelassenen und erhabenes Sich zusammennehmen nach außen wechseln miteinander, inniges Ausströmen, Selbstbeschwichtigung und große Abwehr der unwürdigen Qual, schmerzlich weises, fast schmerzverzerrtes Lächeln erzwungener Heiterkeit mit Tränen in den Augen und halberstickter Stimme, süß-selbstvergessenes Weinen, Klagen, Beten, bitter-selbstbeherrschtes Erläutern, Entschuldigen, Überblicken und dann wieder das ergreifende fast verlegene Stammeln zwischen Verzweiflung und Würde, zwischen Selbstaufgabe und Selbstbewußtsein. Aus der Notwendigkeit mit den Sprachformeln, dem Tempo und der Distanz der Goethischen Altersweisheit die überwältigende Gefühlsspannung eines jugendlichen Zustandes auszudrücken ist der Stil der Marienbader Elegie entstanden: er vereinigt die quellende Bewegtheit, die aus dem inspirierten Augenblick schöpfende Spontaneität, das innere Schwingen seiner Jugendlyrik mit der erhabenen Ferne und Weite, der überwölbenden Klarheit seines Alters, die flaumig webende Morgenfrische mit der transparenten dunkel-reinen Glut und Kühle des Abends, wie kein zweites Werk der Weltliteratur, vielleicht die Abschiedsrede Prosperos ausgenommen. Aber einzig ist die menschliche Haltung die hier Sprache geworden ist, die bebend-keusche Würde und gelöste Innigkeit, die heilige Götterhöhe ganz durchtränkt mit menschlicher, ja kindlicher Süße des Gefühls.

Daß Gott ihm zu sagen gab was er in dem Kampf zwischen Leben und Tod gelitten hat, mag Goethe auch diesmal wieder geheilt haben, aber nach der Heilung konnte er nur mit Schauder auf diesen Zustand zurücksehen, wenn auch mit tiefer Zärtlichkeit auf seine Frucht. Freilich, sein letztes Wort durfte dies liebste Wort nicht bleiben, und er wollte nicht zu diesem Gipfel der Weisheit gelangt sein, um mit einem Wertherischen Bekenntnis zu schließen: „Mir ist das All, ich bin mir selbst verloren“. Auch nicht in der Dichtung sollte der grausamste Augenblick als der endgültige dastehn, nachdem er im Leben durch Natur oder Wunder überstanden war. Goethe ertrug keine Tragödien mehr, und die Elegie, für sich betrachtet, umschloß eine Tragödie. Das Bedürfnis nach einem versöhnenden Abschluß, der in jenem Augenblick ihm unmöglich schien, drängte sich ihm auf, als er nach der Genesung, die er kaum erhofft, das tragische Gedicht las, und die Genesung selbst schien ihm recht zu geben. Das poetische Motiv zu dem versöhnenden Ausklang fand er in der Linderung die ihm das Klavierspiel der Madame Szymanowska während der Krise gebracht, als sein ganzes Wesen durch die Erschütterung gelockert und für zerstörende wie für heilende Einflüsse empfänglich war. Aus der linden Rührung in die sich die wogende Leidenschaft unter der Musik und dem weiblichen Atem der schönen Polin allmählich, fast unmerklich auf löste, aus dem Übergang von düstrer Glut zu sanfter Wärme, von Spannung zu Milde, von Qual zu Schwäche, und von furchtbarer Einsicht zu weicher Weisheit, sind die beiden Genesungs-Strophen entstanden die als Ausklang der Elegie angehängt sind. Man mag sie als Versöhnung seelisch begreifen und begrüßen, wenngleich sie künstlerisch nach der Elegie, die aus tieferer und höherer Welt kommt, eine Abschwächung sind.

Noch einen Grad ferner von dem Erlebnis der Elegie, und nicht nur Genesender, sondern schon völlig Wiederhergestellter, wieder ganz Herr seiner kühlen Weisheit und fähig selbst diese Krise von weitem zu beschauen wie die ferne Wertherkrise (diese blieb ihm immer noch das Sinnbild des „pathologischen Zustandes“, der zerrüttenden Liebesleidenschaft schlecht» hin) war Goethe, als das Jubiläum seines Werther ihm durch einen sinnigen Zufall die ein Halbjahrhundert getrennten unglücklichen Lieben, die einzigen in denen Tod und Leben um ihn kämpften, vor seinem Geiste zusammenrückte. Das Gedicht das er zur Feier dieses Jubiläums, und mehr noch dieses Zufalls, verfaßt und dann als Einleitung vor die Elegie und ihren Ausklang gestellt hat, ist nicht mehr aus der Leidenschaft, sondern aus der Weisheit geboren, eine poetische Betrachtung des Geretteten über das Wesen und die Zeichen der Leidenschaft von sicherer Ferne aus, wie sie freilich nur dem möglich war der tief in ihr gelebt hat und an ihr fast zugrunde gegangen wäre. Das Gedicht an Werthers Schatten ist der erklärende, kühl deutende Prologus zu der Tragödie die in der Elegie sich abspielt und in der „Aussöhnung“ verklärt nachzittert. Der Prologus selbst setzt die Tragödie als ein Außerhalb voraus, er gehört nicht zu ihr, und gewiß ist das Gedicht an Werthers Schatten so weise wie die Elegie tragisch, die Aussöhnung empfindsam ist: dieser Gegensatz der drei Tonarten, die Umlagerung der Elegie mit blässeren und dünnern Vor- und Nachklängen steigert ihre Gewalt womöglich noch, wie die Folie den Glanz des Geschmeides. Indem Goethe die Elegie zur Mitte einer Trilogie machte, deren Nebenteile ihr als Folie dienen, hat er künstlerisch ihre Wirkung erhöht und dabei doch sein seelisches Bedürfnis nach Aufhebung der ausschliessenden Tragik befriedigt: der tragische Augenblick sollte mit aller Kraft wirken aber er sollte nicht allein und nicht das letzte Wort sein.

Freilich, auch die beschauliche Einleitung verrät nicht nur den Beobachter, sondern das Opfer der tragischen Leidenschaft, und es ist ein Vers darin der — so unscheinbar und fast ironisch heiter er hingesetzt wirkt — in Goethes Mund ein fast erschreckendes Zeugnis für die gegenwärtige Tiefe seines Leidens am Leben ist, unmittelbarer als die noch so durchempfundene Symptomatik vergangener Leiden.

Zum Bleiben ich, zum Scheiden du erkoren,
Gingst du voran — und hast nicht viel verloren.

Wenn der unbedingte Verherrlicher des Lebens seinem Werther diesen Trost nachruft, so läßt es ermessen bis zu welcher Unerträglichkeit seine Tragik gestiegen war, um zu solchem — nicht Ausbruch, sondern Urteil zu kommen. Doch sein letztes Wort war weder die Tragik der Elegie selbst, noch die tragische Ironie des Prologs über die Leidenschaft, wenngleich es vielleicht dieser letzten Tragik bedurfte, um ihm den ganzen Wert seines gefährdeten Daseins noch einmal ins Gefühl zu rufen. Auch die Tiefe dieses Schmerzes gehörte zu den Gütern seines Daseins und ihr dankte Er, nicht nur wir, seinen letzten und höchsten lyrischen Ertrag.

Beinah alles was noch folgt ist stille, fast starre, weil gesicherte Betrachtung und Nutzanwendung, oder derb-kräftiges Zu- und Abwinken aus der Höhe. Nur die Spätsommertage in Dornburg 1828 gönnten Goethe noch eine lyrische Nachlese, gediehn aus stiller Gartenruh, herbstlicher Einsamkeit, gerührtem Rückblick über das Ganze seines bald endgültig abgeschlossenen Lebens und feierlichem Vorblick auf den Heimgang ins Unerforschte doch Willkommene. Auch hier dringt Stimmung und Rührung sprachlich nicht mehr ganz durch die Formeln der Betrachtung: Gedachtes und Gefühltes, Gesagtes und Gesungenes mischen sich darin ohne zu verschmelzen. Das bedeutendste darunter ist das visionäre Gedicht Der Bräutigam, aus milder Sehnsucht nach der Geliebten und seliger Entrücktheit geboren: es ist nicht mehr leidenschaftlich, aber auch nicht rein beschaulich, sondern läßt die Wallung des Herzens und die weise Überschau in eine sanft bewegte Feier der Seele einklingen. Der Schlußvers erhebt sich, beinah unvermittelt, über den Anlaß des Gedichtes und über das persönliche Bekenntnis zu dem Weihe wort womit Goethe wohl alle seine Bekenntnisse ausläuten durfte: „Wie es auch sei, das Leben es ist gut.“ Das ist einer der Goethischen Verse in denen die Essenz weiter Lebensräume zusammengedrängt ist und die, aus einem vielleicht gleichgültigen Anlaß und Zusammenhang herausbrechend, uns als Symbola des Goethischen Gesamtdaseins ergreifen — Zaubersprüche die den Wunderberg mit all seinen Schätzen plötzlich öffnen.

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