> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Novelle Seite 170

2016-04-17

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Novelle Seite 170


NOVELLE

In den Bereich der Wanderjahre, und zwar ihrer novellistischen Einlagen, gehört dem Stil, wenn auch nicht ganz dem pädagogischen Zweck nach, die letzte Novelle Goethes, neben der früheren „Die guten Weiber“, einer dialogischen Anekdotenreihe wie die aus den Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter, die einzige welche außerhalb eines Rahmenwerks als selbständige Erzählung veröffentlicht worden ist. Die Konzeption der Novelle fällt in viel frühere Jahre als ihre Ausführung und daher hat das Werkchen mehr den pittoresken Charakter der nach-italienischen und den mystischen der Wahlverwandtschaftenzeit als den pädagogischen der Wanderjahrenovellen. Sie gehört, mehr als diese, zu den absoluten Bildungspoesien die aus der ästhetischen Freude an der gattungsmäßigen Ausfaltung eines Motivs, nicht aus einer seelischen Erschütterung oder einem Zweck stammen. Schon der abstrakte Titel, Novelle, verrät daß Goethe hier das Muster einer Gattung hat aufstellen wollen, nicht ein Erlebnis gestalten. Unter Novelle verstand er die Erzählung einer in sich abgeschlossenen wunderbaren, aber menschenmöglichen Begebenheit, und eine solche fand er, einerlei ob durch Lektüre, eine Tagesnotiz oder durch ein Bild angeregt, in dem Jahrmarktsbrand, der Raubtierjagd und der Tierbändigung. Unverkennbar ist darin die malerische Betrachtungsart, wie sie am Eingang der Wanderjahre, in der „Flucht nach Ägypten“ sich auslebt: die modernisierende geheimnisvolle Wiederkehr biblischer Bildmotive, hier des Danielmotivs, angewandt auf dieselbe innere Erfahrung die dem Wunder in den Wahlverwandtschaften Eingang verschafft hat. Auch die Technik, übermenschliches Geschehen menschlich vorzubereiten, die persönliche Motivierung des Wunders als der geheimnisvollen Folge von menschlichen Bedingtheiten, die Hereinziehung des Unbelebten in die Aktion des Wunders ist dieselbe wie in den Wahlverwandtschaften und entstammt demselben Sinn, demselben Natur-und Schicksalsgesetzeserlebnis welches dort zum Wunderhaften führt, nur daß hier das Wunder nicht, wie dort, von vornherein die allmähliche Kunstwerdung eines inneren Zustandes ist, sondern von vornherein vor Goethes Seele als Kunstmotiv steht, zu dem er die Gattung und dieTechnik sucht. Dazu kommt noch die spätere, starrere, mechanische Ausführung. Die „Novelle“ ist als Musterbeispiel, als abstraktes Schema einer Novelle gemeint, als technisch vorbildliche Behandlung eines gefundenen oder erfundenen Stoffs in einer bestimmten gattungshaft abgegrenzten Technik, und ist als solche auch gelungen, ein Meisterstück bewußten Goethischen Könnens mit allen Feinheiten der ausgespitzten Technik, mit allen Ateliergeheimnissen, und selbst mit einem nachträglichen Abglanz des Wundererlebnisses das in den Wahlverwandtschaften noch seine spontane Bildwerdung zum erstenmal erfahren hat. Als solche Probe seiner Meisterschaft im Handwerk war die Novelle dem alten Goethe besonders ans Herz gewachsen, wie ja die durch Wissen und Können überwundene Schwierigkeit von den großen Künstlern oft als eigne Leistung höher gewertet wird denn eine schwere Geburt aus innerer Not oder die glückliche Eingebung eines fruchtbaren Moments. Uns aber, denen Kunst notwendige Bildwerdung neuen Lebens, nicht willkürliche Anwendung fertigen Könnens und Wissens, nicht praktische Kunstwissenschaft ist, haben solche Musterstücke weniger zu sagen als ihrem Verfasser, und wie die Achillei's, die Episteln, die Sonette und der größere Teil der Goethischen Balladen geht uns auch die Novelle nur historisch etwas an: als letztes Muster für Goethes alexandrinische Gattungspoesie, wie sie seit seiner Rückkehr aus Italien neben seinen ursprünglichen Lebensgebilden und seiner Zweck- und Erziehungsweisheit oder -dichtung ihr Recht behält. Nicht das Technisch-lernbare, und sei es noch so meisterhaft, nur das Unbegreifliche an Goethes Werken, das jenseits unsrer wie seiner Willkür steht, führt uns weiter.

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