> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- West-östlicher Divan Seite 151

2016-04-01

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- West-östlicher Divan Seite 151


Das Buch des Paradieses ist mit dem gleichen Stoff gefüllt wie das Buch Hafis und das Buch Suleika, seine Gedichte sind etwa in der gleichen Tonhöhe und im gleichen Tempo verfaßt und strahlen die gleiche seelische Temperatur aus wie jene Verherrlichung irdischer Zustände. Goethes Jenseits ist nicht dem Wesen nach von seinem Diesseits unterschieden, sondern durch seine Beziehung: die Gedichte aus dem Paradies bedeuten noch etwas über die Hafis- und die Suleikagedichte hinaus und gewinnen ihren Sinn nicht aus dem Dargestellten selbst, sondern aus dem ausgesprochenen oder unausgesprochenen Wissen: dies irdisch schön und rund gelebte Sein selbst ist der ewige Wert um dessentwillen es gelebt werden durfte, diese Augenblicke bedeuten die Ewigkeit—eine Ewigkeit freilich die nicht bloß Doktrin, sondern innere Erfahrung ist, die man gehabt hat oder nicht, die begrifflich nicht lehrbar, aber aus Zeichen zu ahnen ist. „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis“ — dieselbe Lehre wie der Himmel im Faust gibt das Paradies im Westöstlichen Divan. Dieser Satz aber hat einen mehrfachen Sinn. Er besagt daß Vergängliches nur unsre sinnlich beschränkte Wahrnehmungsform für ein transzendentes Unvergängliches ist. Man kann sich mit der Wahrnehmungsform begnügen, und das Vergängliche als solches sinnlich erschöpfen, in ihm die Ewigkeit finden, ohne zu transzendieren:

Denn es ziemt des Tags Vollendung 
Mit Genießern zu genießen.

Das Herz legt die Gewohnheit nicht ab,
Es begehrt lieber des Paradieses nicht.

Das ist die Haltung der irdischen Bücher Hafis-, Suleika-, Schenkenbuch. Man kann aber seine mystisch-übersinnliche Erfahrung, die kein eignes Sinnenbild haben kann, unter dem Gleichnis jener Vergänglichkeiten kundgeben: das hat Goethe im Buch des Paradieses getan. Was in den Erdenbüchern Sinnbild seiner Vergänglichkeit ist wird im Paradiesbuch Allegorie seiner Ewigkeit, was dort Ausdruck seines sinnlichen Seins, hier Zeichen seines übersinnlichen Glaubens. In den irdischen Büchern ist ein einfaches, rein sinnliches und sinnlich ausdrückbares Erlebnis als solches Dichtung geworden, im Buch des Paradieses ist jenes sinnliche verbunden mit einem übersinnlichen, ein Sehen, Schmecken, Fühlen mit einem Glauben oder Wissen um den tiefsten Wert dieser Leiblichkeit, um ihren ewigen Sinn. Während die sinnlich schönen Augenblicke auf Erden selbstgenügsam sind, sind sie im Paradies nur Gleichnisse und Beziehungen.

Darin liegt weder eine Entwertung der Sinne noch ein bloßer Sensualismus. Nur durch die volle Sinnlichkeit, das resolute Leben im Augenblick ist dem Menschen das Erlebnis der Ewigkeit überhaupt zugänglich — darin unterscheidet sich Goethes Transzendenz von der christlichen grundsätzlich: aber — und darin erhebt er sich über den Sensualismus — der „Augenblick“ ist, wenn auch notwendige Voraussetzung der Ewigkeit, nicht ihr ganzer Inhalt: die Sinne führen zu ihr, aber erschaffen sie nicht, sind in ihr enthalten, aber umfassen sie nicht. Wie aus dem Erlebnis des Augenblicks dem alten Goethe als ein davon getrenntes eignes das Erlebnis der Ewigkeit sich entwickelte ist ein Mysterium das er niemals ausgedrückt, nur angedeutet hat: als sein Zeichen ehren wir, neben den Schlußteilen des Faust, das Buch des Paradieses. Einige der Verse die begrifflich am nächsten an jenes Mysterium rühren und als Lehre formulieren was als Sinnbild nicht darstellbar war sind folgende:

Wenn jeder Augenblick mich durchschauert,
Was soll ich fragen wie lang es gedauert!

Huri: Abwesend bist denn doch auch einmal,
Ich merk es wohl, ohne Maß und Zahl.

Ist somit dem Fünf der Sinne 
Vorgesehn im Paradiese,
Sicher ist es, ich gewinne 
Einen Sinn für alle diese.

Auf meinem Schoß, an meinem Herzen halt ich 
Das Himmelswesen, mag nichts weiter wissen;
Und glaube nun ans Paradies gewaltig,
Denn ewig möcht ich sie so treulich küssen.

Die Gedichte über die Ausstattung des Paradieses (Vorschmack, Berechtigte Männer, Auserwählte Frauen, Begünstigte Tiere) die erste Gruppe des Paradies»buches, geben nicht nur die sinnliche Schau des Jenseits, der Ewigkeit, nach dem Gleichnis des Diesseits, sondern auch die seelische Wert» Ordnung, die Ansprüche Gottes an den Menschenkreis welche erfüllt sein müssen, damit das Diesseits als Jenseits erfahren und gesteigert werden kann. Durch die immanente Wertordnung der Bilder unterscheiden sie sich allein schon von den irdischen Büchern des Divan. Die zweite Gruppe des Buches, die Wechselgespräche zwischen dem Dichter und der Huri (Einlaß, Anklang, Deine Liebe, dein Kuß mich entzückt. „Wieder einen Finger schlägst du mir ein . .) handeln vom göttlichen Wert des zentralen Erdenerlebnisses nicht nur des Erdenlebens überhaupt: vom Anspruch der Liebe auf das Paradies, vom ewigen Sinn der irdischen Liebe. Auch hier ist das Sinnlich-Vergängliche ein Gleichnis nicht nur für das unvergängliche Erlebnis, sondern auch für den ewigen Wert. Gerade als lyrisch-bewußte Wertsetzung ergänzt das Buch des Paradieses die Bücher Hafis und Suleika, und zwar die erste Gruppe das Buch Hafis, die zweite Gruppe das Buch Suleika. Das Paradies ist nicht nur ein Reich des Seins, sondern auch ein Reich der Werte.

Die drei letzten Gedichte des Buches bilden keine innere Einheit. „Höheres und Höchstes“ ist eine poetische Begründung und Deutung des ganzen Buches, ein Ausdruck des seelischen Bedürfnisses nach Ausmalung eines Paradieses und ein Hinweis auf den höheren Gedanken aller sinnlichen Bilder. Das Schlußgedicht „Gute Nacht“ ist ein Abschied des auf Erden schon Verewigten an seine noch unverewigten Erdengenossen. Die Legende von den Siebenschläfern gehört eigentlich in das Buch der Parabeln und ist wohl nur wegen ihrer Länge in das Buch des Paradieses aufgenommen: es handelt sich hier weniger um das Paradies selbst als um eine Verewigung „berechtigter“ Menschen hienieden, um die Aufhebung (noch nicht die Verewigung) der Zeit, um ein einmaliges Wunder, nicht um das ewige Gesetz der Vergottung: aber die Vereinigung von Wertung und Gleichnis rechtfertigt die Aufnahme auch dieses Gedichts in das Buch des Paradieses.

Das Buch der Parabeln selbst verhält sich ähnlich zum Buch der Sprüche und dem Buch der Betrachtungen, wie das Buch des Paradieses zu den Büchern Hafis und Suleika: es enthält in Gleichnissen die Metaphysik zu den Erfahrungen die dort als Sittenspruch oder Erkenntnis gegeben sind: den göttlichen Sinn des irdischen Seins und Scheins. Auch hier wird derselbe Gehalt in eine neue Beziehung gebracht, in die Beziehung auf Gott. Auch diese Gleichzeitigkeit der Bücher ist möglich geworden durch des alten Goethe doppelte Haltung zu seinen schönen Augenblicken, in welcher die Haltung des jungen und die des klassischen Goethe nicht aufgehoben, sondern eingeschlossen war: den schönen Augenblick als All zu nehmen, oder bewußt in ihm zu resignieren und ihn als vergängliches Gleichnis der Ewigkeit zu deuten.. wie ja auch der Faust die Lehre enthält „Er stehe fest und sehe hier sich um“ und die Gegenlehre „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis“ Ergebnisse der ersten sind im Buch der Sprüche und im Buch der Betrachtungen, Anwendungen der zweiten im Buch der Parabeln niedergelegt — beide Male nur gelegentlich und zufällig, nicht einmal mit dem Willen zur Zentrierung und Abrundung.

Warum der metaphysische Gehalt der irdischen Erfahrungen, die als Lehre und Gesinnung in den Sprüchen und Betrachtungen sich formulieren ließen, nur im Gleichnis und Zeichen andeutbar war haben wir schon beim Buch des Paradieses gesehn. Wie das ganze Paradies notgedrungenes Gleichnis für ein Gesamtwissen von Gott war, so sind die einzelnen Parabeln Gleichnisse für einzelne Bezüge der Gottheit zur Erfahrungswelt. Auch hier werden wir daran erinnert daß der orientalische Blumen-Bilder-und Schnörkelstil im Westöstlichen Divan nicht nur die zufällige Folge der literarischen Begegnung und Anregung ist, sondern Goethes damaliger innerer Lage notwendig entspricht. Wie er im Ganzen den Orient erst ergriff, als der Orient ihm Gleichnis seiner Welt werden konnte, ja mußte, so auch im Einzelnen, als ihm sein Wissen und sein Schauen nicht mehr nach griechischer Weise identisch, sondern nach östlicher Weise auseinandergetreten waren. Der orientalische Stil, von der höchsten Dichtung bis zur Teppichwirkerei hinunter, ist durch das Bedürfnis nach Verknüpfung mitbestimmt, und gerade dies Bedürfnis, das dem Sturm-und-drang-Goethe wie dem plastischen Goethe fremd war, kam dem alten Goethe.

Zu den drei Glaubensbüchern im Westöstlichen Divan gehört das Buch des Parsen, mit seinem Vermächtnis altpersischen Glaubens. Während Goethe dem Mythus des Islam die Gleichnisse für das Jenseits der einzelnen Seele und ihrer Erlebnisse als göttlicher Wesenheiten entnahm, bot ihm der sittliche Naturkult des Parsismus, Zarathustras aus der Anschauung der Natur abgeleitete oder in die Natur hineingelegte kosmische Ethik, den Anhalt für eine religiöse Feier der Natur, welche innerhalb des eigentlichen Islam wohl als Szenerie, als Schmuck und Stoff, aber nicht als Kraft, Gesetz oder Eigenwert erschien. Wie im Islam, so ist auch in den islamischen Büchern des Divan nur von dem und den Menschen, von Leib und Seele und von Gott die Rede . . die Welt ist die von Menschen bewohnte, erfahrene, bebaute Region, die Natur spielt nur als Nutz oder Schmuck, als Gleichnis oder Stimmung herein. Merkwürdig genug, wenn Goethes Pantheismus in solch einem Erntebuch sich damit begnügt hätte, als Pananthropismus oder Panpsychismus zu erscheinen, als eine Vergottung des Lebens in nur menschlichen Formen, da ihm ja der Mensch vor allem Sinnbild der Natur, die Natur Sinnbild, nicht nur Stätte und Stoff, des Menschen war! Die persische Religion, so östlich wie der Islam ihrer Stimmung nach, kam ihrem Inhalt nach dem Glauben Goethes mehr entgegen, und wenn er Paradies und Himmel nur als Gleichnis brauchen konnte: die Erde und die Sonne des Parsen war Welt aus seiner eigenen Welt, und das einzige Gedicht des Divan womit er, durch gemäßen Mythus berechtigt, der Natur als der Offenbarung seiner Gottheit und dem Gesetz seiner Seele huldigen durfte, strömt voller und stärker als die Paradiesesgedichte. Er mußte freilich den parsischen Dualismus zwischen einer radikal-guten Lichtwelt und einer radikal bösen Nachtwelt umdeuten zu einem Kampf zwischen der schöpferisch erleuchteten Kraft mit dem dumpf widerstehenden Stoff. Doch hier sprach er nicht allegorisch und mußte ein mythisch gegebenes Jenseits nicht als Gleichnis für den ewigen Wert seines Diesseits benutzen: die Zusammenschau der schöpferischen Erdkräfte mit den sittlichen Kräften des Menschen, des Naturgesetzes mit dem Sittengesetz, die Ableitung des Guten, des Sein-sollenden, des zu Tuenden aus der Natur war Goethe überhaupt gemäß, und dem alten Goethe, dem Goethe der Wahlverwandtschaften, zu Bewußtsein, zu aussprechbarer Lehre geworden. Das Vermächtnis altpersischen Glaubens ist so sehr pantheistische Verherrlichung der Natur wie nur je die Ganymedehymne, aber die göttliche Natur ist nicht nur dunkle Macht die uns umfängt und durchdringt, sie ist zugleich klares Gesetz das uns fordert und beherrscht. Wessen wir wie sie ist, so wissen wir nicht nur wie wir sind und müssen, sondern auch was wir sollen.

Wenn das mohammedanische Paradies die Allegorie für den metaphysischen Wert des menschlichen Daseins ist, so ist die parsische Natur, Erde und Sonne, das Symbol für sein Gesetz. Das Gedicht ist eine Kulthymne, keine Mythenschilderung. Aus einer fiktiven Situation — Abschied eines armen Parsen an seine letzten Pfleger — entwickelt Goethe sein Evangelium: die Weihung der Erde durch menschliches Wirken. Der feierliche Schwung dieser Botschaft ist schon mit dieser im ganzen Divan einzigen Situation gegeben: aus dem Blick über Menschtum und Erde vor dem Tode, auf der Brücke in die Ewigkeit, da der Mensch mit Bewußtsein ins All, bekanntes oder unbekanntes, auf- oder untergeht, da ihm „Gedanken kommen, bisher nicht zu denkende, die sich gleich seligen Dämonen auf den Gipfeln der Vergangenheit leuchtend niederlassen.“ Es ist der Moment der Entrückung ohne Ekstase, des Hellwerdens ohne Traum, des Leichtwerdens ohne Rausch, die wahre Lage für das Vermächtnis eines Propheten dem sich Gott als leises tägliches Wirken und Erscheinen, nicht durch jähe übernatürliche Inspiration offenbart.



Keine Kommentare: