> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Wilhelm Meisters Wanderjahre Seite 164

2016-04-09

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Wilhelm Meisters Wanderjahre Seite 164


WILHELM MEISTERS WANDERJAHRE

Wilhelm Meisters Wanderjahre oder die Entsagenden“ ist weit mehr ein Weisheitsbuch als eine Dichtung und nur sehr bedingt als eine Fortsetzung der Lehrjahre anzusehen, wenigstens in einem andren Sinn wie der zweite Teil des Faust Fortsetzung des ersten Teils ist. Im zweiten Teil Faust wird noch immer das Geschehen, die Bilderreihe und der Gedankenkreis dichterisch gespeist von der Hauptgestalt und diese mit all ihren Konflikten ist noch, wenn auch durch neue Welt geführt und gewandelt, der Ausdruck des Gehaltes aus dem der erste Teil konzipiert wurde, nur daß sich um jenen ursprünglichen, verdeckten aber nicht verlorenen Kern neue Gehaltmassen angeschichtet haben. Doch Wilhelm Meister und was noch aus den Lehrjahren in die Wanderjahre hereinspielt, namentlich die lenkende Gesellschaft und ihr Erziehungsplan, ist für die Wanderjahre, für den Lebensgehalt um dessentwillen die Wanderjahre geschrieben sind, nicht mehr wesentlich und nur ein technischer Vorwand um diesen eigentlichen Lebensgehalt bequem zur Sprache zu bringen. Welches war dieser eigentliche Sinn, Grund und Gehalt der Wanderjahre und, wenn er nicht dichterisch aus den Lehrjahren sich entwickelte wie Faust II aus Faust I — warum knüpfte Goethe an den Bildungsroman an? Was wollte Goethe mit den Wanderjahren sagen, und konnte er es nur durch Fortsetzung der Lehrjahre sagen? Bei den Wanderjahren ist zunächst deutlich daß es kein einheitlich aus einer Mitte durch eine oder mehrere Schichten hindurchwirkendes, sondern ein zusammengesetztes, nicht nur dem Stoff, sondern selbst der Form, der Gattung nach vielfältiges Gebilde ist: ein Sammelwerk sehr verschiedener lose durch einen Begriff verbundener, kaum durch Anschauung oder Stimmung vereinigter und ausgeglichener Elemente: das Werk umschließt eine (an die letzten Teile der Lehrjahre anknüpfende) Romanhandlung, welche als Rahmenhandlung geführt ist, etliche Novellen, eine Utopie, mehrere platonische Dialoge und fachmännische Abhandlungen, mehrere Aphorismenreihen und Balladen oder Lehrgedichte, und zwar alles dies fast selbständig, nicht unlösbar oder unentbehrlich in die Gesamthandlung eingearbeitet — wie etwa die Mignonlieder und die Shakespearereden in die Lehrjahre, oder die Geschichte der wunderlichen Nachbarskinder in die Wahlverwandtschaften, als Träger oder Gegenbilder oder Steigerungen des einheitlichen Grundthemas. In den Wanderjahren finden sich nur gedanklich, von außen her und nachträglich miteinander verknüpft, bei unbekümmerter Sichtbarkeit, ja sogar läßlicher Erklärung der Nähte, Werke so verschiedener Gattungen wie etwa die Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter, die Reise der Söhne Megaprazons, der Sammler und die Seinigen, die Noten zum Cellini, die Maximen und Reflexionen, die Lehrjahre selbst, von den Gedichten zu schweigen. Dabei ist das eigentliche Romangeschehen offenbar nicht mehr Zweck und Ursprung, sondern Mittel auch derjenigen Teile die wenigstens scheinbar noch als Fortsetzung der Lehrjahre gemeint sind: überall strebt Goethe über die Handlung hinaus zur Lehre, über die Anschauung hinaus zur Deutung, und auch da wo sich die Lehre noch nicht selbständig abgelöst hat zu Abhandlungen und Aphorismen, bricht sie durch die Situationen als sententiöser Dialog, durch die Charaktere als ausgesprochene Motivierung und durch die Handlung als Nutzanwendung ad lectores hindurch. So verschieden die einzelnen Teile des Werkes unter sich ihrer Gattung und ihrem Ursprung nach sein mögen, sie streben alle ohne Ausnahme von dem Gefühl, der Anschauung, der Bildgestaltung weg zur reinen begrifflich formulierbaren Lehre, und ihre Ursprungs- oder Gattungsunterschiede stammen aus dem verschiedenen Grad ihrer Sublimierung zum Gedanken. Einige sind noch im Gefühl, andre noch im Bild verhaftet und nur ihre Enden ragen bereits ins reine Licht der Lehre, während bei einigen die Loslösung des Geistes vom Gefühls- oder Sinnengrunde völlig erfolgt ist. Am dichtesten Gefühl und Bild ist die Novelle Der Mann von fünfzig Jahren, am reinsten Lehre sind die aphoristischen Anhänge. In jener ist als eine typische Erfahrung erzählt was dann in der Marienbader Elegie sich als einmaliges Erlebnis aussingt: der Liebeskampf zwischen Jugend und Alter, die Tragik des Alterns überhaupt . . in diesen ist der letztgeklärte Auszug aus Goethes gesiebten Erkenntnismassen. Aber Gefühl und Bild sind in der Novelle nicht mehr selbstgenugsam, wie auf Goethes früheren Stufen, sie wollen Weisheit werden und als Lehre wirken.

Man verkennt also die Wanderjahre von vornherein wenn man an sie mit den Ansprüchen herantritt die man an einen Roman stellen muß: spannendes Geschehen, durchgefühlte und anschauliche Gestalten, sinnlich wahrnehmbare Luft, und gefüllter Raum. Sie sind, wenn irrig als Roman betrachtet, nicht nur stofflich, sondern auch technisch langweilig, d. h. verfehlt, denn ein Roman muß, als Erzählung, seiner Gattung nach, für das Publikum, für das Niveau an das er sich wendet, spannend sein: der Hintertreppenroman für die nur stofflichen Leser, der Bildungsroman für die geistigen. Die Lehrjahre sind „spannend“, die Wanderjahre, als Erzählung im Ganzen, sind es für keine Schicht, so wenig wie der Staat des Plato, oder die Ästhetische Erziehung von Schiller, wohl aber sind sie belebend wie diese durch ihre Weisheit und wirksam durch ihren Willen. Die Wanderjahre stammen bereits zu ihrem größten Teil dem Stoff, durchgehends aber dem Gehalt nach aus einem Geisteszustand Goethes woraus kein Roman, nur ein Weisheitsbuch hervorgehen konnte: nicht mehr aus Drang des erschütterten Gemüts wie Werther, nicht mehr aus dem Bildnersinn, der sich in sattgeschauter Menschenbreite auslebt wie die Lehrjahre, auch nicht mehr aus dem Willen zur Offenbarung von Gesetzen die am Menschengeschehn zu verdeutlichen sind, wie die Wahlverwandtschaften. Sie kommen aus dem Zweck, über die bloße Erkenntnis hinaus, aus einem erzieherischen Willen jenseits der bloßen Schau, für welchen alle Bilder, Gefühle und selbst Einsichten nur Mittel sind die Wert und Gewicht erst durch ihre Beziehung zu jenem Gesamtzweck empfangen. Jener Zweck, also nicht mehr ein im Werk selbst liegendes Erlebnis pathetischer, sinnlicher, geistiger Art das es auswirkt, sondern ein jenseits des Werks von der Absicht des Dichters gestecktes Ziel zu dem es hinstrebt, auf das es sich bezieht, bildet die Einheit der Wanderjahre.

Unter den Werken Goethes die er als Romane bezeichnet hat sind die Wanderjahre allein nicht nur einigen ihrer Mittel, Folgen und Zeichen, sondern ihrem ganzen Ursprung nach didaktisch, d. h. zweckbestimmt, und nicht nur didaktisch, um Erkenntnisse zu vermitteln, sondern pädagogisch, um mittels dieser Erkenntnisse Wirkungen zu erzielen die außerhalb des ästhetischen Bereichs liegen. Wie ihm alle sinnlichen, die eigentlichen Kunstinhalte, Bilder, Handlungen, Stimmungen nur als Vermittlung von Erkenntnissen dienen sollen, so werden die Erkenntnisse selbst wieder pädagogischen Zwecken untergeordnet. Die Lehrjahre sind ein Bildungsroman in dem doppelten Sinn, daß sie aus Goethes eignem Bildungsakt entstanden sind und Bildung überhaupt als Gegenstand darstellen. Die Wanderjahre sind ein Erziehungsroman, der nicht nur Erziehung als Bild darstellt, sondern darüber hinaus auch Erziehung bezweckt. Wie in den Lehrjahren sich Erlebnis als Schau, als Weltbild aus wirkt, so in den Wanderjahren der Zweck mittels Erkenntnis, die Erkenntnis mittels der Schau: das Ganze ist um eine Stufe weiter ins Bewußte hinaufgerückt. Wenn man nach der Lektüre der Lehrjahre eine Reihe von Vorgängen, Zuständen und merkwürdigen Menschen im Gedächtnis behält die an der Bildung des Helden wirken, so behält man aus den Wanderjahren neben verschwindenden, ja ineinander verschwimmenden Menschenschemen und selten haftenden Situationen hauptsächlich eine Fülle unvergeßlicher Gedanken und Forderungen, Einrichtungen und Tätigkeiten, allenfalls beispielhaft warnender oder mahnender Verwicklungen. Alles in den Wanderjahren ist, über Bild oder Wissen hinaus, zugleich Forderung, Wink, Beispiel.

Das Ziel das Goethe bei allen Teilen der Wanderjahre vor Augen hat ist die Erziehung des Einzelnen, oder vielmehr der Einzelnen, zu brauchbaren Gliedern eines nach erkannten Gesetzen der Natur und des Menschtums geordneten Gemeinwesens. Was ein Gemeinwesen sei und wie es sein solle, was der Mensch seiner Natur nach sei, dürfe, müsse, wie die Menschen ihrer Geschichte nach seien und wie man sie vereinige und lenke, das zu erkennen und zu bestimmen erschien Goethe als Recht und Pflicht des Weisen, und er berührte sich hier mit der Forderung Platos, daß der Staat von Philosophen gelenkt werden müsse, von dem erkennenden, überschauenden, zugleich der Sonderwünsche ledigen Herrschergeist, und wie der Plato der Politeia so traute sich auch der Goethe der Wanderjahre die Eignung für solchen gemeinschafterzieherischen Beruf zu. Freilich hatte er nicht, wie Plato, ein Gemeinwesen unmittelbar vor sich auf das er wirken wollte, und er war nicht wie Plato ein ursprünglich politischer Geist: er ging auch hier, seiner Herkunft nach, von dem Einzelnen zur Gemeinschaft, nicht von der Gemeinschaft zum Einzelnen, und von der Schau zum Willen, nicht umgekehrt. Sein Weg zu einer politischen, d. h. gemeinschaftbildenden Zweckdichtung, zu einer pädagogisch-sozialen Utopie (die noch am Ende seines Lebens eine wenn auch nicht dichterisch so doch gedanklich bei ihm unerhört neue Tendenz ist) läßt sich von den Lehrjahren über die Wahlverwandtschaften bis zu den Wanderjahren verfolgen und erklärt uns zugleich warum diese Politeia Goethes an die Lehrjahre anknüpft, warum sie unter der Form, ja unter dem Vorwand einer Fortsetzung des Bildungsromans erscheint.

Wie aus dem leidenschaftlich drängenden, dämonisch getriebenen und schöpferisch strebenden Goethe der durch Tätigkeit, Schau, Forschung, Erfahrung sich bildende Goethe entstand haben wir betrachtet und die Lehrjahre als den dichterischen Niederschlag dieses Bildungsvorgangs gewertet. Wie Goethe über die Menschenschau und die Schilderung der den Einzelnen unwillkürlich bildenden menschlich gesellschaftlichen Wechselwirkungen zur Erkenntnis der überpersönlichen Natur und Schicksalsgesetze fortging, haben uns die Wahlverwandtschaften bezeugt. Schon hier ist technisch der Schritt vom geistig-sinnlichen Schauen zum vernünftigen Begreifen getan, gehaltlich der Schritt vom Einzelmenschen, von den bildenden oder bildsamen Personen, zu einem Überpersönlichen. Goethes Er kenntnisbereich, nicht nur sein Blick- und Fühlbereich, ist in den Wahlverwandtschaften ausgedehnt über die Zustände, Bedingungen, Eigenschaften des Einzelnen und seiner menschlichen Umwelt hinaus. Mit den Lehrjahren konnte Goethe sein Erlebnisproblem, wie sich der Einzelne harmonisch in und durch Umwelt, mit und an Menschenbilde, für er ledigt halten, und bald tat sich das neue Problem vor ihm auf: welches sind die in ihm waltenden, aber über ihn hinausreichenden, transzendenten Mächte und Gesetze denen er untersteht? Die Wahlverwandtschaften versuchen darauf die Antwort zu geben. Jene Gesetze werden dort, mit Ehr furcht und Schauer, aus dem Schmerz und der Lust metaphysischer Erkenntnis heraus, festgestellt, ohne eine Forderung an den Menschen, rein als Wissen: so sind sie, und so ist der Mensch, ob willig oder nicht, ihnen unterworfen, zu Gehorsam, Untergang oder Entsagung. Sie werden dichterisch gezeigt als Muß-gesetze, nicht sittlich gefordert als Soll-gesetze, und die Entsagung des Einzelnen erscheint als ihre Folge, nicht als ihr Gebot.

Hatte Goethe Bild und Bildung der Person, und die überpersönlichen Gesetze und Mächte begriffen (zu welch letzteren auch die unwillkürlichen Anziehungen und Abstoßungen im Zusammenleben der Menschen gehören) so hatte seine Erkenntnis des Lebens keine Schranke mehr. Nach einem halben Menschenalter der Selbstzucht, nach einem weiteren Menschenalter der Weltschau — beide bezeichnet durch Selbst- und Weltdarstellung Kraft seines dichterischen Bildnertums — durfte er sich ganz als den Weisen empfinden der die Zusammenhänge überblickt, dessen Selbstbehauptung gesichert, dessen Selbstbildung vollendet war, und der auf Grund seines vollkommenen Wissens sich endlich das Königsrecht erworben hatte, an Gesellschaft, Volk und Menschheit Forderungen zu stellen, nicht für sich — denn er war im Besitz — sondern für sie selbst, damit sie der von ihm und nur von ihm erkannten Norm entsprächen, damit die Notwendigkeit sich als sinnlich wahrnehmbare Wirklichkeit äußere. Denn er sah einerseits die wirkliche Menschenwelt mit ihren Zulänglichkeiten und Unzulänglichkeiten, mit ihren Grenzen und ihren Möglichkeiten, und hatte sie in den Lehrjahren gezeigt.. er sah andrerseits die „ewigen beweglichen Gesetze“ in und über dieser Menschenwelt, und von ihnen hatte er in den Wahlverwandtschaften Kunde gegeben. Es war eine Forderung des Sehers Goethe, und zwar des Sehers nach der ästhetischen wie nach der ethischen Seite hin, daß die Kluft überbrückt werde zwischen dem tatsächlichen Menschtum und dem gesetzlichen, daß er sein geistiges Schauen und sein sinnliches vereinigen könne, daß die ewigen Ideen, Forderungen, Gesetze sich im Menschenstoff vergegenwärtigten, verleibten. Der Ausdruck dieser Forderung, die natürliche Folge seiner vollendeten Erden-oder Tatsachenschau und seiner vollendeten Gott- oder Gesetzschau, sind die Wanderjahre. Zwischen Erkenntnis des erkannten Wirklichen und des geforderten Ideals, des Notwendigen, in der Mitte, bewegen sie sich im Möglichen — wie alle echte Erziehung, deren Ziel es ist: aus vorhandenem Material einen aus diesem Material selbst abzuleitenden, von ihm zu fordernden oder mit ihm gegebnen Zweck zu erreichen auf Grund vollkommener Kenntnis des Materials und der Mittel zu diesem Zweck.



Keine Kommentare: