> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Wilhelm Meisters Wanderjahre Seite 166

2016-04-10

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Wilhelm Meisters Wanderjahre Seite 166


Von der Gemeinschaft allein empfangen sie ihren Wert, der bestimmt wird durch besondre angeborene, anerzogene und nur für die Gemeinschaft ausgebildete Begabung, empfangen sie ihr Tun — denn nur tätig dienen sie — und ihren Beruf. Der Beruf, d. h. die Beziehung zur Gemeinschaft, wird die Mitte, ja der Ersatz der menschlichen Charaktere und um ihn ordnet sich, nachdem er als Anlage erkannt und als Pflicht gewählt ist, alles Sein, Denken, Handeln, ja Schicksal des Betreffenden, unter Verzicht auf ein außergemeinschaftliches Eigenmenschentum. Die Person entsagt zugunsten des Kreises in den sie sich wissend und willig gestellt. Da wo die Gestalten der Wahlverwandtschaften auf hören fangen die der Wanderjahre an. In den Wahlverwandtschaften ist die Entsagung ein Natur und Schicksalsgesetz, spät erkannt und tragisch befolgt. In den Wanderjahren ist sie ein bereits aus den Urmächten herausgetretenes, der menschlichen Formulierung und Kodifizierung, der praktischen Ausdeutung und Anwendung fähig gewordenes Wissen, das nicht mehr Tragik und Leiden, sondern „Denken und Tun“ veranlaßt. In den Wahlverwandtschaften kennt nur der Dichter selbst das Gesetz der Entsagung und zeigt es als Schicksal seiner dumpfen, erst zuletzt ahnenden und wissenden Personen. In den Wanderjahren kennen es die Personen und sind infolgedessen — auch das macht den Roman als solchen soviel gleichgültiger — immun gegen das Schicksal, wie dort nur die „Berufsmenschen“ . Hier sind alle Hauptpersonen Berufsmenschen, und die Vernunft der berufverteilenden Gemeinschaft — in ihren Lenkern und Ordnern verkörpert, ihren Mitgliedern eingeflößt — hebt, als Geist des Schicksals, dieses gewissermaßen auf, spielt oder ersetzt selbst das Schicksal. Auch dadurch werden die Wanderjahre zur „Utopie“ daß sie nicht das Wirkliche zeigen, sondern nur das Richtige, wie es aus der geistigen Durchdringung der gesamten Wirklichkeit sich der Erkenntnis, nicht dem Leben offenbart. Nicht das Leben und Geschehen selbst, sondern schon die Deutung des Geschehens kommt in den Figuren und Vorgängen der Wanderjahre zur Geltung, wo sie nicht gar schon als Maxime und Reflexion sich verselbständigt. Überall ist hier dem Leben sein Spruchzettel in den Mund gehängt, das Schicksal durch menschliche Vorsehung, die Charaktere durch Berufungen, die Taten durch Leistungen, die Leiden durch Pflichten ersetzt, und das Geheimnis ist hier nicht mehr, wie in den Wahlverwandtschaften, das Unerforschliche, sondern das Verschwiegene, die Offenbarung nicht mehr das Zeichen oder die Gestalt, sondern der Lehrsatz und die Formel.

Zwar auch jetzt noch erkannte Goethe die unerforschliche Gottheit an, und die Ehrfurcht vor ihr gehörte sogar zu den Grundsätzen seiner Erziehung: aber in den Wanderjahren (einer Utopie, einer Zukunftszweckdichtung, keinem Mysterium) handelt es sich nicht um die göttlichen Mächte, nur um die menschlicherweise zu erkennenden und für Menschenzwecke anzuwendenden Gesetze des menschlichen Zusammenwirkens, und hier durfte also nichts zur Sprache kommen was nicht vom Zweck des Gesetzgebers zu erreichen und zu beherrschen war. Seine Metaphysik hatte Goethe (um die philosophischen Fachausdrücke hier als verdeutlichendes Gleichnis und nur als solches zu gebrauchen) in den Wahlverwandtschaften dichterisch gekündet; in den Wanderjahren beschränkt er sich auf seine Politik und Ethik, welche zwar von der Metaphysik bestimmt wird und sie stillschweigend voraussetzt, aber sich nur mit ihren menschlichen Folgerungen zu befassen hat. Die Wahlverwandtschaften fordern nicht — weil sie von dem handeln an was nichts zu fordern ist: sie zeigen. Die Wanderjahre, menschlich praktisch orientiert, fordern auf Grund ausgesprochener oder verschwiegener Erkenntnis, mit Hilfe von Gründen, Winken oder Beispielen. Ihre besondre Eigentümlichkeit ist daß auch die leblosen und unvernünftigen Dinge, das Milieu, das sich in den früheren Werken Goethes nur als Stimmung, als Wirkung oder als Schicksalsträger zeigt, jetzt mit der früher niedergelegten Kenntnis seiner Eigenschaften und Einflüsse in die Rechnung des Erziehers gestellt und dem großen Gesamtzweck wägend und prüfend untergeordnet wird. Landschaft, Wohnung, Gerät, Kleidung (in den Lehrjahren, mehr noch in der Theatralischen Sendung lediglich raumbild-und stimmungschaffende Elemente .. in den Wahlverwandtschaften Schicksalsträger und Schicksalsleiter, Organe des Verhängnisses . . in Dichtung und Wahrheit wirkende und bildende Kräfte oder Widerstände) sind in den Wanderjahren geradezu bewußt ausgewählte und angewandte Erziehungsmittel: man denke an den lebenbestimmenden Einfluß der Wandbilder in der Flucht nach Ägypten, an das Gespräch des Montan über die Berge als Erzieher, an das Gewicht das auf Kleidung und Hausrat in der pädagogischen Provinz gelegt wird, an die Sorgfalt womit die Bewohner und ihre Räume zusammengesehen werden.

Die Behandlung der leblosen Dinge macht nur am deutlichsten wie sehr die Wanderjahre durchgehends pädagogische Utopie sind, worin alles Geschehene wie Gesehene, Menschliches wie Dingliches, auch bei scheinbar rein poetischer, selbst phantastischer Technik dem praktischen Zweck dient. Die Charaktere die auftreten, so gut in der Haupthandlung wie in den mehr oder minder willkürlich mit ihr verknüpften Einlagen, bilden eine Reihe aller erdenklichen Temperamente, Alters- und Bildungsstufen. Mit dieser Reihe kreuzt sich eine zweite aller erdenklichen inneren Zustände, äußeren Umgebungen, menschlicher Verhältnisse, und aus den Begegnungen der Personen mit Personen, Dingen oder Mächten gewinnt Goethe seine Romanhandlung wie seine pädagogischen Musterbeispiele. Es ließe sich fast ein Schema solcher Begegnungen aufstellen, eine Tafel in deren Quadrate man jeden einzelnen symptomatisch in den Wanderjahren behandelten Fall eintragen könnte, nach der Frage: was entsteht daraus, wenn diese Art Mensch in diese Art Verhältnis gerät? Diese ausgedehnte Symptomatik ist gleichsam eine Vorarbeit zur pädagogischen Provinz (wenn sie auch nicht nur als Vorarbeit entstanden ist) und ermöglicht ihm sich in der Provinz rein auf Gesetz und Begründung zu beschränken ohne vorbereitende Menschenkunde: auf Ethik und Logik ohne Psychologie. Das gewöhnliche und das richtige Verhalten der verschiedenen Menschensorten in den verschiedenen Lebenslagen, die möglichen Verhältnisse von Kindern zu Eltern, Geschwistern, Verwandten, Erziehern, Fremden, von jungen Menschen zu Freunden, Geliebten, Obern, von Männern zu Geschäfts- und Berufsgenossen, kurz alle Formen der Familie, der beruflichen, gesellschaftlichen und staatlichen Schichtung, alle Äußerungen von Leidenschaft, Streben, Besitz, Herrschaft und Dienst mit besondrer Rücksicht auf die Wechselwirkung zwischen Person und Gesellschaft kommen hier als Roman- oder Novellenmotive nacheinander vor, und zwar mit (meist ausgesprochener) pädagogischer Tendenz, indem neben den pathologischen wie den normalen Fall der Hinweis auf das Gesetz gestellt wird. Dadurch unterscheiden sich die eingelegten Novellen von den nach Art und seelischer Lage verwandten aus den Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter, die zwar lehrhaft, aber nicht geradezu pädagogisch sind, mehr von einem Sein als einem Sollen reden und vom Einzelnen, nicht von der Gemeinschaft ausgehen. Aus diesem pädagogischen Zweck und Ursprung erklärt sich auch die künstlerisch unzulässige Technik womit der Verfasser selbst hineinredet, erläutert und verknüpft. Da die Handlung nur Lehrmittel ist, nicht Vision, nur Gleichnis und Musterbeispiel, so hat der Verfasser das Recht zu solchem unbildnerischen Reden. Denn der Lehrer darf, ja muß, was dem Bildner versagt ist, erklären wie ers meint. Auch hier der Primat des Erziehers vor dem Dichterl 

Neben der Symptomatik der Räume, der Temperamente und Verhältnisse und ihrer Kreuzungen geht eine Beispielsammlung für den erzieherischen Wert der verschiedenen Berufe, Wissenschaften, Künste und Tätigkeiten, ebenfalls bald novellistisch verkleidet, bald als Maxime offen ausgesprochen. Was macht aus dem Menschen und was bedeutet für den Menschen soweit er Glied der Gemeinschaft werden will, was bedeutet für die Gemeinschaft selbst Poesie, Theater, Musik, Architektur, Plastik, Malerei? Antwort auf diese Fragen geben bald Sätze, bald Gleichnisse. Was bedeutet Geschichte, Naturkunde, Anatomie, Medizin, Astronomie, Mathematik usw.? Was bedeutet das Wandern, das Bleiben, der Ackerbau, der Handel, das Spinnen,Weben, Schneidern, Schreiben usw.? Jeder wird sofort die Fragen und Antworten im Roman finden, besonders in dem Tagebuch Lenardos mit der beinah wissenschaftlichen Abhandlung über die Weberei, in der Erzählung des anatomischen Proplastikers, in der Rede des Lenardo über den Sinn des Wanderns und in Wilhelms Ausbildung zum Wundarzt.

Aus dem neuen pädagogischen Ideal Goethes, das nicht mehr den Einzelnen sondern die harmonische Gemeinschaft vorsieht, ergibt sich das oft pedantische Eingehen ins Fachliche. Wenn der Einzelne nur als Glied einer Gemeinschaft das Ganze verwirklicht, nicht mehr in sich selbst das Ganze darstellt, so wird er nur als Fachmann seinen Zweck erreichen, dem neuen Menschtum genügen um dessentwillen er da ist. Der Universalismus des freien Einzelnen muß einem Spezialismus des eingeordneten Einzelnen im Dienste der Gemeinschaft Platz machen, in deren Totalität jede fachliche Einseitigkeit ergänzt und ausgeglichen wird. Die einzelnen Tätigkeiten sind nur die selbständigen Glieder eines Leibes der von der Gemeinschaft gebildet wird, und als solche Glieder des Gemeinschaftsleibes mußte Goethe sie in seinem pädagogischen Gesamtwerk betrachten.

Von dem Augenblick ab da „der Mensch“ „der Gesellschaft“ Platz macht, da ihm sein Zweck nicht aus seiner Natur sich ergibt, sondern von der Gemeinschaft gesetzt wird, gewinnen auch die Mittel zur Erreichung des Zwecks eine andre Macht, und die Ausbildung des Fachwesens hat die Ausbildung des Maschinenwesens im Gefolge. Jede einseitige Tätigkeit im Dienste eines Zwecks führt zu einer Vervielfältigung wenn nicht Verselbständigung der Mittel zu diesem Zweck, und die Maschine ist das notwendige Ergebnis und Sinnbild einer Gesellschaft die vom Zweck gelenkt wird. Der allseitig ausgebildete Einzelne als Selbstwert bedarf keiner Sondermittel für Fachzwecke. Lenardos Tagebuch, welches die Details der Weberei, von ihren handwerklichen Vorbedingungen bis zu ihrer maschinellen Vollendung aufzeichnet, hat die Absicht an einem bis ins Kleinste fachlich entwickelten Typus die Gesetze des Fachkönnens von Anfang bis zu Ende darzulegen, den Anspruch der Gemeinschaft an ein bestimmtes Gewerbe, die Wirkung dieses Anspruchs auf seine Technik, die Rückwirkung der Technik auf die Lebensweise, und die Ausbildung der Mittel für die wechselseits gegebnen Bedürfnisse. In dem großen Erziehungswerk durfte ein solcher Typus des Gewerbs als eines menschenformenden Gemeinbedürfnisses, als ein Bild der Gesellschaft im Kleinen nicht fehlen, da ja nach Goethes eigner Ansicht jedes einzelne vollkommen beherrschte Fach, jede bestimmte Tätigkeit ihrem Könner ein Gleichnis aller übrigen sein kann, jeder Beruf in nuce den Gang des Lebens überhaupt enthält.



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