> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Wilhelm Meisters Wanderjahre Seite 167

2016-04-12

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Wilhelm Meisters Wanderjahre Seite 167


Indem Goethe also von den Mitgliedern seiner Idealgesellschaft berufliche, zweckliche, gegebenenfalls maschinelle Ausbildung fordert, meint er sie nicht der Weltkenntnis zu entziehen und in spezialistische Beschränktheit zu bannen, sondern ihnen, freilich nur gleichnishaft, trotz der Entsagung das ganze Leben im Abriß wenn nicht für ihr Wissen so doch für ihr Leisten zu geben. Aber trotz dieser Ausdeutung ist die Antwort des alten Goethe auf die Frage Wilhelm Meisters nach möglichst fruchtbarer Betätigung bei möglichst harmonischer Selbstauswirkung — welches die Frage jedes wohlgeratenen Jünglings und auch die des jungen Goethe war — problematisch genug, einerlei ob wir sie als mittelbares Goethisches Bekenntnis ansehen, ob wir sie als künstlerischen Abschluß des Wilhelm Meisterromans mit den Antworten und dem Aufwand der Lehrjahre vergleichen, oder über das Werk hinaus der Gültigkeit und Anwendbarkeit dieser letzten, oder vielmehr einzigen Forderung unsres größten Weisen nachsinnen (früher hatte er nur Lehren gegeben, aber keine Forderung an die Gesamtheit aufgestellt). Die Antwort heißt: das Sein abdanken zugunsten der Leistung, die selbständige Persönlichkeit zugunsten der Gemeinschaft. Die Frage »Wie werde ich vollkommen?« erhält den Bescheid »Werde nützlich!« Die Frage »Wie gestalte ich mein Leben?« erhält den Bescheid »Entsage und tue im Dienst der Gemeinschaft!« Wilhelm Meister, der vielseitigst Angeregte, durch alle Stufen Hindurchgeführte und von allen Lebenskräften Gebildete, der Elastischste, Eindruckswilligste bannt sich in den engsten, konkretesten Beruf, er wird Wundarzt.. und diese Schar freier, ja lockrer, schöner und vielbegabter Menschen endet als ein Zweckverband von Fachleuten in einem zukunftsstaatartigen Amerika.

Was bedeutet dieser Weg von Arkadien nach Amerika? Was bedeutet vor allem „die Entsagung“ in diesem Werk? Sie ist vieldeutiger als es auf den ersten Blick scheinen möchte. Sie ist, zunächst biographisch betrachtet, nur ein Gleichnis für eine innere tragische Erfahrung Goethes, daß er nicht ans Ende gekommen sei, sich nicht nach seinem Titanentraum ausgelebt habe. Sein Blick auf Napoleon und Byron, sein gelegentliches Bekenntnis, daß er imstande sei seine ganze Umwelt zu zertrümmern, wenn er sich ausleben wolle, sein Nachruf an Werther „und hast nicht viel verloren“ deuten auf den tragisch-elegischen Untergrund seiner heitren Entsagungslehre hin. Ist „die Entsagung“, als dichterischer Abschluß des Romans betrachtet, die Erfüllung von Wilhelms Ideal? Heißt sie daß er gerade durch Entsagen im nützlich-engen Kreis die Vollkommenheit und Menschenganzheit erreiche die er vergeblich durch Weltwandern, Werben und hundertfältige Anregung erstrebt, daß er den Sinn des Lebens gerade in der Beschränkung des Berufs endlich erfahre? Oder ist Entsagung nur ein Ersatz jener vielleicht überhaupt, mindestens innerhalb der Gesellschaft unerreichbaren Fülle? Verschafft sie ihm den höchsten Lebenswert, oder nur das Lebensglück? Und ist Entsagung — als Lehre, als erzieherischer Anspruch schlechthin betrachtet, losgelöst von dem Roman und seinem Helden — eine ewig gültige Forderung, oder nur eine zeitliche, für ein bestimmtes, Goethen gerade gegenwärtiges Geschlecht, als Heilung bestimmter Zeittendenzen gemeint ..richtet sie sich an alle Schichten und Arten Mensch, oder nur an Durchschnittswesen? All diese Fragen wirft schon der Untertitel auf, und zu ihrer Lösung ist es nötig die Erlebnisse des Dichters und die Ansprüche des Pädagogen in den Wanderjahren abzugrenzen, das Gleichnishafte und das Wörtliche, den Grund und den Zweck darin zu sondern.

Wie Goethe zur Entsagung gelangt ist haben wir gesehen, von der Theatralischen Sendung bis zu den Wanderjahren. Für ihn selbst bedeutete die Anerkennung der Grenzen, also auch der Gesellschaft, ein Opfer seiner überströmenden Natur, doch auch die einzige Rettung und Sicherung dieser Natur .. und das Opfer das er hierbei bringen mußte war der schmerzliche Verzicht auf unbedingtes Sichausleben des leidenschaftlichen Herzens, aber nicht auf die allseitige Ausbildung seiner Geisteskräfte. Seine Persönlichkeit hatte er gegenüber der Gesellschaft gerettet. Seinen Romanhelden aber führte er über den Verzicht auf das Ausleben — worin er nur Gleichnis Goethes ist — bis zum Verzicht auf die allseitige Bildung die sein Ideal war, und über die Anerkennung der Gesellschaft bis zur Unterordnung unter sie. Hier hört die Entsagung im Roman auf, Gleichnis für des Dichters Erlebnis zu sein, und bedeutet entweder ein romantechnisches Erfordernis oder einen aus dem Werk herausweisenden Erzieheranspruch. Hier gabeln sich Bekenntnis und Forderung. Die eine Seite der „Entsagenden“ ist Goethe zu» gewandt und empfängt ihr Licht nur von seiner Schau des vergangenen eigenen Lebens, die andre ist nach außen gewandt und wirft die Strahlen seines Willens in fremdes, künftiges, zu gestaltendes Leben. Die Doppelseitigkeit des alten Goethe zwischen reiner Schau und erzieherischem Willen, die ihn neben den alten Plato, und seine Wanderjahre als halbdichterische, halb gesetzgeberische Utopie neben die Politeia stellt, wird hier dem Leser zum Problem bei der Deutung und Anwendung des Werks. Dazu kam noch folgender engere Zwiespalt: die Lehrjahre waren vor allem Dichtung und Bekenntnis.. die Wanderjahre knüpften, wie wir sahen, nur aus bestimmten Opportunitätsgründen an den Bildungsroman an, trotz ihres andersartigen, nicht mehr bekenntnishaften Ursprungs, und Goethe mußte die Bekenntniselemente in dem fremden Zusammenhang mitschleppen und mit ihm ausgleichen, zumal Wilhelms Charakter und Schicksal.

Wilhelm Meister war ursprünglich entstanden als Gleichnis der Goethischen Richtung und Bildung, wenn auch nicht gerade der Goethischen Kraft, und war dann, durch jene außerdichterische Rücksicht, in den Wanderjahren beibehalten worden, nachdem Goethe längst die Stufe überschritten hatte da Wilhelm noch Gleichnis für ihn selbst sein konnte. Wilhelm ist in den Lehrjahren, die ja mit und um seinen Lebenslauf als Goethisches Weltgleichnis konzipiert wurden, die sinnbildliche Mitte, das allseitige Reagens für sämtliche Bildungskräfte. In den Wanderjahren ist er ein fast lästiges Erbstück, und da dies Werk von der Gemeinschaftserziehung, nicht von der Einzelbildung — Goethes früherem an dem Reagens Wilhelm zu zeigenden, aber jetzt erledigten Problem — handelte, ist er hier mindestens als aktive oder passive Hauptperson unnötig, und bestenfalls einer von vielen, ein Mitglied, nicht das zentrale Versuchsobjekt, nicht das Ziel oder das Ergebnis der Gesellschaft. Goethe konnte ihn hier fast nur noch als Korrespondenten, sozusagen als Reiseführer, aber nicht mehr als Hauptperson brauchen .. wie z. B. Faust im ersten und im zweiten Teil die Hauptperson, d. h. das Gegenbild des Goethischen Menschtums und der eigentliche Träger der Goethischen Probleme ist, als die sich aus diesem Mensch? tum selbst, nicht nur aus einer jeweiligen Lage Goethes ergaben. Faust ist Gegenbild des Goethischen Genius, des Goethischen Wesens. Wilhelm war in den Lehrjahren nur Gegenbild gewisser Goethischer Lebenszustände und -richtungen die sich geändert hatten, und darum konnte Faust als Gleichnis Goethes selbst auch im zweiten Teil Bekenntnis bleiben und Goethes Wendung vom Sein zum Leisten vollzieht sich dort dichterisch, d. h. übergesellschaftlich, in einer Form die auch Goethes Person entspricht: nicht als Unterordnung, sondern als Herrschaft. Aber Wilhelm, schon in den Lehrjahren nur seiner Lage, nicht seinem Wesen, geschweige seinem Genie nach ein Gleichnis Goethes, war in den Wanderjahren, als die aus jener Lage kommenden und zum dichterischen Gleichnis drängenden (d. h. Wilhelms Gestalt hervortreibenden) Probleme längst abgetan waren, nur noch da, weil Goethe nun einmal aus sekundären, aus Bequemlichkeitsgründen beinah, seine Erziehungsutopie als eine Fortsetzung seines Bildungsromans gab .. er war ohne Bekenntnis? ja fast ohne Problemwert, keinesfalls mehr der Held — wie denn Goethe jene Inkonvenienz durch den Untertitel: die Entsagenden angedeutet und zugleich verschleiert hat.

Wilhelm ist also einer der Entsagenden, aber nicht mehr gerade das einzige oder wesentliche Gleichnis für die Entsagungsform des Goethischen Genius, wie er in den Lehrjahren das Gleichnis für die Sucheform des Goethischen Genius war, und wie der alte Faust das Gleichnis für die Entsagungsform des Goethischen Genius ist. Er wird als Wundarzt ein nützliches Glied der Gesellschaft, weil er denn doch mit den übrigen Mitgliedern des Romans aus den Lehrjahren übernommen war und einem Gemeinschaftszweck wie diese zugeführt werden mußte. Das Ende seiner Laufbahn ist also nicht mehr als symbolische Antwort auf die Fragen zu verstehen die er in den Lehrjahren als Gleichnis des allsuchenden, zur Harmonie der Persönlichkeit mit sich und Gesellschaft strebenden Goethe gestellt hat, sondern als pädagogische Antwort des jenen Fragen entrückten Weisen (nicht Dichters, nicht Bekenners) Goethe an die vielen durchschnittlichen tüchtigen und ernsten, aber nicht schöpferischen Menschen der ihn umgebenden Gesellschaft die in ihm ihren Führer verehrten, und deren heilbringende Lebensleitung eine Aufgabe des verantwortlichen, gesetzwissenden und gesetzgebenden alten Führerdenkers Goethe war.

Um diese Antwort recht zu begreifen, müssen wir achten auf die besondre Zeitsorte von Zöglingen welche Goethe bei der Abfassungs eines Erziehungswerks vorschwebte, und welche auf seine Erziehungsmittel, auf die Formulierung seiner Sätze, auf die Gewichtsverteilung seiner Winke und Ansprüche ebensoviel Einfluß hatte wie seine eigne Natur und der Gang seines Lebens. Denn jeder Pädagog dem es ernst ist und der nicht bloß erzieht, um seine Grundsätze anzubringen, sondern um wirkliche Menschen zu formen, richtet sich nach den Zöglingen, um sie auf Grund der in ihrem Charakter gegebenen Möglichkeiten dem Ideal zuzugestalten. Das Ideal selbst ist ihm erwachsen aus den Forderungen seines Seins und den Erfahrungen seines Werdens. So sind auch hier die Wanderjahre Anwendung eigenen vergangenen, dichterisch bekennbaren, denkerisch deutbaren Erlebens auf fremdes, künftiges, mit allen Mitteln des Dichters wie des Denkers zu erziehendes Leben. Nach Ursprung, nach Zweck und nach Gattung sind die Wanderjahre eine dichterisch pädagogische Utopie.

Erziehung ist zugleich Entwicklung der dem Erzieherideal gemäßen Kräfte im Zöglingsmaterial (sei es ein Einzelner, sei es ein ganzes Geschlecht) und Gegenwirkung gegen die ihm ungemäßen. Nur an Edle, Einsichtige, Ernsthafte konnte Goethe sich von seiner Höhe herab unmittelbar wenden und mußte die stufenweise Hinabverbreitung und Verbreiterung seines Wirkens zu den Mittleren und den Massen den bereits Erzogenen überlassen, genau wie die Befehle eines Königs erst durch befugte und bewährte Zwischenglieder die Gesamtheit stufenweise erreichen: die weltliche Herrschaft ist nur ein Gleichnis der geistigen. Der Königsweise erzieht erst die Erzieher und so hinab bis zur Masse. Denn jeder kann unmittelbar nur auf den wirken mit dem er irgendein Wesentliches geistig gemein hat, jede Stufe nur auf die nächst anschließende, und die Anerkennung einer seelisch geistigen Hierarchie (die freilich nicht mit der ständischen oder blutlichen zusammenzufallen braucht — ihr Zusammenfallen wäre eben das eigentliche Ideal einer Politeia) ist der Grundzug jedes wirklichen Erziehers seit Plato gewesen.



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