> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Wilhelm Meisters Wanderjahre Seite 168

2016-04-12

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Wilhelm Meisters Wanderjahre Seite 168


In den deutschen Menschen der dritten nachwachsenden Generation auf die Goethe wirken konnte und wollte sah er für seinen Samen als günstigen Boden: Seelenfülle, Geist, Wahrhaftigkeit, treudeutschen Ernst, Fleiß, Genügsamkeit.. als Gefahren gegen die er sich vor allem zu wenden hatte: schweifende Romantik, unfruchtbares Träumen und Grübeln, Mangel an freiem Weltsinn und offnem Blick, hemmungslosen Gefühlsüberschwang oder Geistes- und Seelenkult, schwelgenden Subjektivismus, Mangel an praktischer Ordnung und Einordnung, Eigenbrötelei und Sondergrillen, Originalitätssucht, kurz alle diejenigen Eigenschaften die er seit dem Sturm und Drang nur allzunah kannte, die durch die deutsche Romantik und Spekulation gewissermaßen legitimiert, ja idealisiert waren oder schienen, begünstigt durch die deutsche Kleinstaaterei, begründet in den tiefsten Tugenden des deutschen Gemüts.. es sind Krankheitserscheinungen desselben Organismus welcher Luther Kant Novalis Fichte Hegel hervorbringen konnte. Mit jenen deutschen Grundeigenschaften als gutem Stoff und gegen diese geschichtlichen, zumal zeitgenössischen Ausartungen hatte Goethe also sein Erziehungsideal zu formulieren, zu dem er durch die Kräfte, Segnungen und Nöte seines Wesens und Schicksals gelangt war — wir sahen wie. Als Goethes Gegenwirkung gegen das überschwengliche Gemüt, das absolute Ich, die bild- und tatlose Spekulation und den pflichtlosen Traum, also gegen spezifisch deutsche Auswüchse seiner Zeit, ist seine unterstrichene Verherrlichung des nüchternen Tuns, der sachlichen Unterordnung, der begrenzten Werklust und des Berufs im Dienst der Gemeinschaft zu begreifen. Er gibt die Heilmittel gegen die deutschen. Erbübel, und um auch nur das runde und gesunde Menschenmaß zu bewirken, mußte er das Gegenteil dessen rufen was das Maß nach einer Seite hin verschoben hatte. Was schon da ist braucht man nicht zu fordern, und drum wäre Goethes pädagogisches Wunschbild, bei völlig gleichem Streben von seiner Seite, nach außen hin anders formuliert worden, wenn er es unter Franzosen oder Engländern oder den Deutschen der Bismarckzeit zu verkünden gehabt hätte: es hätte dann wahrscheinlich mehr romantische oder individualistische Züge getragen. Aber dadurch daß er schon manches von dem forderte, aus seinem Lebensweg und Bedürfnis heraus, was den Deutschen nachher von ganz andrer Seite her erfüllt wurde, und anders als er es sich dachte, erscheint er als Prophet des künftigen Deutschland, ja als Prophet eines sozialen, technischen und werktätigen Zeitalters das weit über seine rein hygienisch gedachten Winke nach der Gegenseite hin weitergeschritten ist.

Das Amerika das es heute gibt hat er weder geahnt noch gewünscht, und was er in den Wanderjahren als Arzenei verschrieben hatte würde er mit Staunen als einziges Nahrungsmittel verwendet sehen. Er, im Vollbesitz des harmonischen Menschtums und erfüllt von dem Ideal eines Volkstums und Staats in dem der tüchtige Mensch Zweck und Mittel zugleich sein könne, sah vor Augen als bösen Schaden nur die Überspannung des Ich, nicht die der Gemeinschaft. Gegen diese hatte er keine Mittel nötig und ahnte nicht daß die Heilmittel gegen die Ichsucht, einst verselbständigt, zum entgegengesetzten Übel führen würden, das einen so furchtbaren Arzt wie Nietzsche benötigte. Die Pädagogik der Wanderjahre, so gewiß sie höchste Weisheit ist, ist also nicht absolute aus ihrem Zeitraum herauszulösende und beliebig anwendbare Weisheit: sie ist für eine bestimmte immer wiederkehrende Krankheit, aber nicht für alle Krankheiten und nicht für jede Gesundheit das Heilmittel. Sie verlangt Pflicht, soziale Einordnung, Leistung als ein notwendiges Element, nicht als einzige Form des Gemeinwesens und des Einzelnen, sie gibt den zeitlichen Weg zu einem ewigen Ziel. Das ewige Ziel, dem Dichter Goethe offenbart, ist der gesunde Mensch als Glied des gesunden Volks .. der zeitliche Weg, vom Erzieher Goethe zwischen dem romantischen und dem politischen Deutschland gewiesen, ist Stärkung aller praktischen Gemeinschafts- und Berufskräfte, gegenüber allen schwärmerischen Sonder- und Ichtrieben. Dabei nahm er vieles als möglich voraus was heute wirklich und allzu wirklich ist, und wenn seine Wegweiser hie und da gerade heute veraltet sind — das Ziel das er gesteckt ist es nicht und wird es nie.

Auf der pädagogischen Weisheit beruht der Wert der Wanderjahre, nicht auf ihrer dichterischen Gestaltung, und ihr Kern und Hauptstück ist die pädagogische Provinz, worin die Dichtung, als die Kraft Unwirkliches durch Sprache zu vergegenwärtigen, in den Dienst eines gesetzgeberischen Zwecks gestellt wird und Goethe durch Bild vorwegnimmt was ihm durch Tat zu verwirklichen nicht gegeben war.

Wir wollen kurz einige der Erlebnisschichten des Romans und seiner Einlagen zu sondern suchen, und dabei die größere oder geringere Nähe zeigen einerseits zum ursprünglich dichterischen Gefühl Goethes, andrerseits zu dem pädagogischen Gesamtzweck auf den alles in diesem Werk sich bezieht. Denn wie die theoretischen Elemente der Wanderjahre noch, wie fern auch immer, aus Goethes dunklem Leben gespeist und abgezogen sind, so sind ihre dichterischen Elemente, wie locker auch immer, noch bezogen auf seinen Zweck. Der Zweck selbst aber hält alles, auch das untereinander Verschiedenste, das noch Dichterisch gefühlte und das schon Theoretisch formulierte zusammen, und ihn allein müssen wir uns immer gegenwärtig halten, um weder die Menschen noch die Handlungen noch die Fortsetzung der Lehrjahre als Selbstzweck zu nehmen, da er aller Wert entweder ausmacht oder bedingt. Einige Motive sind nur um dieses Zwecks willen, nur aus dem Zweck entstanden, andre haben zwar einen eignen Ursprung, mußten sich aber dann, im Gefüge der Wanderjahre, nach diesem Zweck richten: ganz freies Walten der Phantasie, des reinen Dichtertums, unabhängig vom Zweck, gibt es in diesem Roman nicht, wenngleich Goethe sein Dichtertum nicht abgedankt hatte, sondern es benutzte.

Ihrem dichterischen Ursprung, nicht ihrem pädagogischen Zweck nach, sind, mit einigen Übergängen im großen Ganzen folgende Schichten zu unterscheiden, nach dem Grade wie darin das Dichterische, der Drang Erlebtes, Erfahrenes zu gestalten, überwiegt über den das Werk durchwaltenden, didaktisch-pädagogischen Zweck. (In der Dichtung ist die Schau, die Form das Maßgebende, in der Weisheit der Gedanke.)

Zuerst: die eingelegten Novellen, vor allem Der Mann von fünfzig Jahren, ferner (Beabeitung einer französischen Novelle) Die pilgernde Törin, Wer ist der Verräter, Die gefährliche Wette, Nicht zu weit, das Märchen Die neue Melusine. Sie sind alle aus derselben Lage, und handeln von den Zeichen und Wirkungen der Leidenschaft, des Temperaments und all den aus dem Blut kommenden Gefahren mit ihren erzieherischen Wirkungen und Gegenwirkungen. In diesen Novellen wird der erste Grad der Entsagung in anmutigen Handlungen gezeigt und gefordert: der bald siegreiche, bald vergebliche Kampf des leidenschaftlichen Menschen gegen die Leidenschaft. Überall fühlen wir hier die fernere oder nähere Nachwirkung von Goethes eignem langjährigem Kampf gegen seine überströmende Natur.. im Mann von fünfzig Jahren meint man ein Nachzittern der Divanliebe zu verspüren, den Konflikt zwischen Jugend und Alter, den Abschied von der Jugend, freilich nach völliger Überwindung mit ironischer Wehmut und fast schalkhafter Erfahrung betrachtet. Innerhalb der gesamten Wandeijahre sind diese Novellen der einzige Bereich in dem die Leidenschaft, die Wallungen des Bluts, die unwillkürlichen Regungen des Menschen überhaupt noch erscheinen. Überall sonst herrscht bereits, wie in den Schlußteilen der Lehrjahre, der bewußte Wille und die strebende Vernunft. Nur durch die eingelegten Novellen kommt in das Werk überhaupt noch ein spezifisch-dichterisches Leben, welches ja ohne den Kampf zwischen „Blut und Urteil“ nicht denkbar ist, unter lauter Vernunftgeschöpfen, in der schon ganz durchgeisteten Sphäre vollendeter Erzieher und bereiter Zöglinge.

Die Gegenwart der dunkleren Seelenkräfte ist der dichterische Kompositionswert der Novellen, und die bloße Gegenwart eines solchen erdnahen, bluthaften Lebenskreises ist dichterisch wichtiger als die Verknüpfung ihrer Handlung mit der Haupthandlung, die wenigstens stellenweise versucht wird. Daß auch von dem pädagogischen Zweck aus in einem Werk das den ganzen Kreis der erzieherischen Faktoren und Objekte behandeln sollte der Bereich der Leidenschaft nicht fehlen durfte, sei hier nur beiläufig erwähnt. Liebe, Leichtsinn, Neugier, Übermut, jede Hybris des Charakters welche die Harmonie des Einzelnen mit sich und der Gemeinschaft stört, den Menschen gefährdet oder gefährlich macht, führt in diesen Novellen zu dichterisch fruchtbaren Konflikten, Wirrnissen, Abenteuern und zu moralisch wirksamen Exempeln.

Übrigens sind diese sämtlichen Novellen die Fortsetzung der ersten Goethischen Novellenreihe, welche ebenfalls in einen didaktischen Rahmen eingeschlossen war: in die Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter . . nur daß jetzt die Didaxis bis zur Pädagogik gesteigert, nicht bloß der Erkenntniswert, sondern geradezu der Warnungs- und Mahnungswert der Vorgänge bezweckt ist. Nach Ton, Lage, Stoff- und Motivkreis sind die Novellen der Wanderjahre denen aus den Unterhaltungen nah verwandt: Berichte eines bis zur Erschütterung mitfühlenden und bis zur Ironie darüberstehen den erfahrenen Menschenkenners über merkwürdige Fälle die aus dem Kompetenzstreit zwischen Blut und Gesetz, zwischen Pflicht (sei es gewählte, sei es gegebene) und Neigung, zwischen Daimon und Tyche entstehen, innerhalb einer gefügten, unangezweifelt gültigen guten Gesellschaft.

Nirgends wird die Gesellschaft selbst in Frage gestellt, sogar nicht in dem Märchen Die neue Melusine, und die Wohlanständigkeit waltet mit dem Anspruch eines ewigen Sittengesetzes. Die Natur erscheint nur als ein bereits durch die Gebote der guten Gesellschaft modifizierter Bereich, mächtig genug um sie reizvoll zu bedrohen, niemals mächtig genug um sie zu durchbrechen oder zu verwandeln. Das gilt von der Menschennatur, die selbst an der Grenze des Wahnsinns und Verbrechens noch gesittet bleibt, wie von der elementaren, welche nur als menschlich gepflegte Stadt- und Landschaft, als Garten, Park, Acker oder Baumschlag ausgemalt wird. Trotz der äußersten schmerzlichen Spannungen kommt eine eigentliche Tragik in diesem Bezirk nicht auf.. alles wirkt wie ein vorher abgekartetes Spiel zwischen den gesellschaftbedingten Menschen und den übergesellschaftlichen Mächten, bei dem beide von vornherein gewiß sind die von der guten Gesellschaft gegebenen Spielregeln nicht zu verletzen. Weder das Dämonische noch das Tragische übt hier seine Macht bis ans Ende, wie in den Lehrjahren oder den Wahlverwandtschaften — ein Schicksal wie das Ottiliens oder Gestalten wie der Harfner und Mignon könnten in dieser gesitteten Luft nicht mehr entstehen und atmen.



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