> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Wilhelm Meisters Wanderjahre Seite 165

2016-04-09

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Wilhelm Meisters Wanderjahre Seite 165


Es ist wesentlich für Goethe daß er auch hier vom sinnlichen Material, den wirklichen Menschen ausging, und nicht von einem apriorischen, absoluten Ideal. Erst durch sein eigenes wirkliches Leben war er zur Weltkunde gelangt, erst aus der Menschenkunde hatte er die Bildungsprozesse und die Lebensgesetze abgeleitet, und erst die Kenntnis dieser Gesetze ließ ihn zum Förderer, zum Erzieher werden. Und wie sein Erlebnisweg vom Dränger zum Bildner, vom Seher zum Erzieher, war auch sein künstlerischer: auch die Wanderjahre knüpfen an das bereits vorhandene an: nämlich an das Werk worin er die wirkliche Gesellschaft als Weltbild gezeigt, an die Lehrjahre.. und in gewissem Sinn auch an das worin er die ewigen Gesetze des Menschengeschehens gezeigt, an die Wahlverwandtschaften: denn das Kernstück der Wanderjahre, die pädagogische Utopie, um deretwillen das Ganze geschrieben zu sein scheint, ist geradezu die Ausfaltung der pädagogischen Gedanken des Gehilfen in den Wahlverwandtschaften. Vom Einzelnen ging Goethe aus, aber er konnte nicht mehr sein Ziel, weil nicht mehr sein Problem sein. Also nicht um Wilhelm Meisters willen hätte Goethe sein Erziehungsbuch an den Bildungsroman anzuhängen brauchen, aber um der Gesellschaft willen, welche er zum erstenmal und am ergiebigsten in den Lehrjahren dargestellt hatte. Dort hatte er ja bereits das Wirkliche das ihm als Gegenstand und Stoff seiner Forderungen diente ins Licht gesetzt und war so einer Neuerfindung überhoben, konnte geradezu unter Voraussetzung dieser Wirklichkeit und Hinweis auf sie (deren Schilderung ja nicht mehr sein Antrieb und seine Aufgabe bei seiner jetzigen Lebensreife war) seine ganze Kraft der Versinnbildung seiner Forderungen widmen. Die Vorausgabe des Handlungs- und Zustandsbereichs aus den Lehrjahren war bei seinem Zweck an sich schon Kraftersparnis.

Aber noch weitere Vorgaben fand er in den Lehrjahren (wobei wir immer davon ausgehn daß nicht die Fortsetzung der Lehrjahre, sondern die Aufzeichnung seiner Erziehungsweisheit der Hauptzweck der Wanderjahre war, und daß nur die günstigen Vorarbeiten für diesen Zweck welche die Lehrjahre bereits geleistet hatten ihn vermochten sein Erziehungsbuch als deren Fortsetzung zu geben). Das war die geheime Gesellschaft, die den unwillkürlichen Bildungsprozeß Wilhelms als ein bewußtes Erziehungswerk fortsetzte, und die am Ende der Lehrjahre Wilhelm selbst durch Aufschluß ihres Verfahrens und Wegs aus einem Gegenstand ihrer Pläne zum Mitglied, aus einem Zögling zum Eingeweihten, aus einem Lernbedürftigen und Bildungswilligen zu einem gebildeten Lehrfähigen machte. Erst mit dieser Gesellschaft traten ja, wie wir sahen, in den Lehrjahren Vernunft, Bewußtsein und überlegenes Wollen als Erziehungsfaktoren an Wilhelm in Kraft, nachdem er die unwillkürlich bildende Macht der dumpferen Kreise, der Leidenschaften, der Stände und der Berufe durchlaufen hatte. Diese letzte Stufe der Lehrjahre war zu brauchen als Ausgangspunkt, als erste Stufe der Wanderjahre. Freilich nicht um Fortsetzung des Erziehungswerks an Wilhelm handelt es sich dabei. In den Lehrjahren sollte nur nach dem Bildungswert so vieler andrer Faktoren auch der Bildungswert bewußter Menschenlenkung, der Bildungswert der Erziehung, für den Einzelnen dargestellt werden.. in den Wanderjahren war Erziehung kein Mittel der Einzelbildung mehr, sondern der Zweck des Ganzen: und der Einzelne, auch Wilhelm, war zum Mittel geworden um daran die Grundsätze der Erziehung zu zeigen. Ferner boten die Wanderjahre außer Gesellschaft und Erziehern noch einen bequemen Handlungsfaden an den sich alles anreihen ließ: das Wandern. In einem Werk das die Erziehungswerte der Welt durchgehen wollte konnten alle unter der Form des Wanderns nach und nach am ungezwungensten herangeführt werden — wenn denn schon das Erziehungsbuch ein Roman und nicht eine pädagogische Systematik sein, durch anschauliches Geschehen, nicht in Paragraphensätzen belehren sollte.

Goethe hat in seinen letzten Jahren sich einmal Wilhelm von Humboldt gegenüber als einen Mann bezeichnet der in der Mitte eines Kreises stehend nacheinander planmäßig alle Sektoren durchzuarbeiten habe. Die Art wie in den Wanderjahren die verschiedensten Lebenserscheinungen von der Leidenschaft bis zur Handarbeit, von der Religion und Kunst bis zum Spinnen unter dem Gesichtspunkt ihres erzieherischen Werts beachtet werden, und wie unter dem Vorwand einer durch Gelübde oder Geheiß veranlaßten Wanderschaft mehrerer eigens begabter oder berufener Personen die Lebenskreise nacheinander abgereist und in Gesprächen, Sentenzen oder geradezu fachmäßigen Abhandlungen auf ihren geistigen und besonders auf ihren erzieherischen Gehalt hin geprüft werden, erinnert sehr an jenes planmäßige Verfahren. Man weiß nicht, hat Goethe die Wanderer nur da und dorthin geführt, um seine Ansichten über dies oder jenes Lebensgebiet äußern zu können, derart also, daß die Handlung erfunden ist zugunsten pädagogischer Zwecke, oder hat er eine aus Phantasie oder Erlebnis (also nicht aus Theorie) entstandene Handlung als günstige Gelegenheit benutzt, um gleichzeitig die theoretischen, außerdichterischen Sach- und Fachkenntnisse anzubringen die ihm in seinem Alter aufgegangen waren. Denn in jeder Romanhandlung und vollends einem Gesellschafts- und Wanderroman müssen ja Anlässe Vorkommen, über Temperamente, Gegenstände, Berufe, Landschaften sich auch theoretisch zu äußern, absehend von dem künstlerischen Platz den sie als Erzählungselemente einnehmen. Goethe hat keinen, aber auch keinen dieser Anlässe versäumt, und die bald ironische, bald feierliche, bald anmutige, bald schwerfällige Art wie er jeden Charakter, jede Begebenheit, jede Landschaft oder Räumlichkeit, jedes Tun oder Lassen, jedes Ding und jedes Schicksal das der Roman heranführt, als Roman, glossiert und bezieht auf den pädagogischen Gedankenkreis in dem er sich bewegte, die oft gar nicht bemäntelte Unterordnung des Gebildes unter die Sentenz, der Charaktere unter ihre Bedeutung, die vom künstlerischen Standpunkt aus unzulässige, weil gestaltungswidrige und illusionsstörende Aufdringlichkeit des Wissens und Sagens, die allgegenwärtige Transparenz des Zwecks, das Aus der Handlung herausreden, das über die Figuren hinwegblicken macht den Roman als solchen so langweilig. Man fühlt daß dem Dichter selbst Handlung und Figuren nur Zeichen, Mittel, Vorwände sind für Einsichten die ihm mehr am Herzen liegen, und man kann nie mehr Wärme für eine Gestaltung aufbringen als der Dichter selbst dafür aufgebracht hat.

Nun sind, wie schon angedeutet, bei der Viel- und Weitschichtigkeit der Wanderjahre, worin Werke verschiedener Gattungen und Schichten nachträglich aufgereiht sind, nicht ein einheitliches Erlebnis durch verschiedene Gehaltschichten hindurchgegliedert ist, nicht alle Teile gleich sublimiert, gleich stark auf den außerkünstlerischen Zweck bezogen. Einige tragen noch Spuren der reinen Erfindungs- und Bildnerfreude, und die theoretische Transparenz hat sie noch nicht bis zur Entstaltung aufgelöst, wenn auch schon angeglimmt. Ganz dicht und fest, und darum der Anschauung unvergeßlich eingeprägt, ganz ohne nachhelfenden und desillusionierenden Spruchzettel, wie etwa die Mignon, die Philine und der Harfner aus den Lehrjahren, wie noch die Ottilie aus den Wahlverwandtschaften, ist freilich keine Gestalt der Wanderjahre, oder nur ganz untergeordnete wie Fitz, unter den Frauen allenfalls Hersilie, obwohl auch dieser Typus des munterklugen, launig-lebhaften Mädchens in den eingelegten Novellen bis zur Verwechslung ähnlich wiederkehrt. Ja auch die aus den Lehrjahren übernommenen Gestalten, zumal Wilhelm, Montanjarno, Friedrich haben an Plastik und Frische eingebüßt was sie an Beziehungsreichtum und Selbstverdeutlichung gewonnen haben. Und was von den Gestalten gilt das gilt auch von den Begebenheiten: es wird jeder die Erfahrung machen daß ihm selbst nach mehrmaliger Lektüre der Wanderjahre wie die Figuren so auch die Motive sich verwirren: wie die edlen, raschen, verliebten oder weltklugen, leichtsinnigen oder schalkigen Jünglinge, die ehrenfesten, geschäftsklugen, gütig gestrengen, harmlos eiteln und weise eigensinnigen Oheime und Väter, die ausgelassen-liebenswürdigen oder die leidenschaftlich-ernsten Mädchen, die seelenvoll-weisen, helfenden, ratenden, lösenden, tröstenden Frauen, die schönen, halbschuldigen halbunschuldigen Sünderinnen, ja die weltüberschauenden, weltdurchblickenden oder weltentrückten Heiligen, die leisen Dulderinnen und die tüchtigen Helferinnen, so auch die gegenseitigen Verwicklungen, Mißverständnisse, Begierden oder Verzichte, die aus dem Verhältnis oder Mißverhältnis verschiedener Temperamente zueinander, zu ihrem Beruf oder zur Gesellschaft sich ergeben — daß alle diese, in sich so rein und silbrig fein gezeichneten Figuren, Vorgänge, Zustände nach kurzer Zeit im Gedächtnis verblassen oder ineinander von ferne übergehen .. ein Zeichen daß sie nicht gestaltet sondern nur berichtet sind, daß sie nicht aus einer ursprünglich dichterischen Vision stammen, wie die unvergeßlichen unverwechselbaren Dichtergestalten Homers, Shakespeares und Goethes selbst, sondern aus dem Gedanken oder wenigstens einem nicht notwendigerweise durch Menschenbild oder Handlung sich ausdrückenden, nur zufälligerweise an ihnen sich bekundenden, ihrer sich bedienenden Erlebnis.

Der neue nach Inhalt wie Ursprung erörterte pädagogische Zweck: in diesem Werk die Grundlagen einer naturgemäßen, menschenwürdigen und gotthaltigen Gemeinschaft zu zeigen und zu fordern, hebt Goethes früheres Wunsch- und Traumbild (sein „Ideal“ — was zugleich die sittliche Wertsetzung und die ästhetische Darstellung bezeichnet): die harmonische Ausbildung des schön-guten, des adlig-tüchtigen Einzelmenschen, das Ideal der Lehrjahre nicht auf, sondern setzt es voraus. Eben weil Darstellung des Einzelmenschen und seiner Bildung zur Vorgeschichte der Wanderjahre gehört, treten runde Charaktere als solche, als unvergleichliche Wesenheiten, hier gar nicht mehr auf, sondern nur ihre der Gemeinschaft zugekehrten Seiten, nur ihre für die Gemeinschaft gültigen Eigenschaften und Handlungen werden gezeigt.. nicht mehr die Auswirkung und Ausstrahlung einmaliger menschlicher Entelechien, nur Beziehungen bestimmter, nicht dargestellter, sondern entweder vorausgesetzter oder beschriebener typischer Seinsarten (wozu selbst die Individuen aus den Lehrjahren hier geworden sind) zu einer überpersönlichen Gesamtidee. Schon aus dem Zweck erklärt sich also der Gestaltenmangel. Der freiwillige oder unfreiwillige Verzicht auf das volle Einzel-Menschentum, den sein Zweck Goethe auferlegte und der Technik und Form der Wanderjahre bestimmt, ist auch ein wesentliches Motiv des Stoffs, d.h. der Handlung, setzt sich aus der Seele des Dichters fort in die Gesinnung seiner Figuren, und drückt sich aus in dem Untertitel „Die Entsagenden“. Sämtliche Figuren der Wanderjahre entsagen zugunsten der Gemeinschaft — freiwillig oder gezwungen, aus Einsicht in die Lebensgesetze oder aus Gehorsam gegen höheres, bald begründetes, bald geheimnisvoll kategorisches Gebot, sei es durch Lenkung der eigenen oder der fremden Weisheit oder des Schicksals — dem allseitigen Ausleben ihrer selbstigen „Persönlichkeit“ in Leidenschaften, Wünschen und sogar Begabungen: freiwillig nehmen sie von der Gemeinschaft durch deren berechtigte, d. h. einsichtige und selbstlose Vertreter geforderte Pflichten auf sich und machen sich bewußt zu Gliedern dieser Gemeinschaft, indem sie nur dasjenige an sich üben, pflegen und werten wodurch sie unabhängig von ihrem Selbstwert der Gemeinschaft dienen können.



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