> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Weltliteratur Seite 156

2016-04-04

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Weltliteratur Seite 156


WELTLITERATUR

Enthält der Westöstliche Divan die Ernte von Goethes Alterslyrik (nur die Marienbader Elegie führt noch über ihn hinaus) so ist er auch das produktive Zentrum der Goethischen Alterssidee die er mit dem Worte »Weltliteratur« zugleich als einen Zustand festgestellt und als eine Forderung aufgestellt hat: sie bedeutet daß die geistige, nicht nur stoffliche Aneignung, die seelische Durchdringung, nicht nur technische Nachahmung der literarischen Schätze aus allen geschichtlich zugänglichen Zeiten und Zonen, die Richtung, aber zugleich die Pflicht des europäischen und namentlich des durch Goethe selbst erhöhten und vertretenen deutschen Geistes sei. Stoffe, Formen, Motive, Vorstellungen und Begriffe waren immer hin und her gegangen, der geistige Austausch zwischen den Völkern ist fast so alt wie ihr materieller, und den antiken Weltreichen ensprach schon eine ökumenische Literatur, die indeß, genau wie die Weltreiche selbst, auf der Vorherrschaft eines Gebietervolks beruhte: was dies Volk an fremden Schätzen vorfand das benutzte es und verwandelte es seinen Zwecken und Gewohnheiten an, ohne das Eigenleben des Fremden selbständig weiterzuentwickeln. Selbst die Griechen, das beweglichste und mischlustigste antike Volk, orientalisierten und ökumenisierten sich durch Hereinziehen des breiten Weltgutes, nicht durch ein entselbstetes Eingehen ins Fremde, und mit Fug heißt die antike Weltliteratur nach dem geistigen Meistervolk hellenistisch oder nach dem weltlichen Herrenvolk römisch.

Eine so unbedingte Weltherrschaft hat es seit dem Mittelalter nimmer gegeben, und statt der römisch-hellenischen Ökumene, die im Mittelalter auch literarisch neben den keimenden Nationaliteraturen noch fortwirkte, finden wir ein System des mehr internationalen als kosmopolitischen Geisteraustauschs unter Vorherrschaft der jeweils reifsten, d.h. ausdruckfähigsten Nation, welche den dumpferen ihre Formen und Stoffe aufdrang oder abnahm, aber immer, genau wie die antiken Herrenvölker, als Gebieter oder als Benutzer, nicht als Begreifer und Durchdringer. Eine solche Vorherrschaft nationaler Literaturen mit eigensinnigem Schalten und gebieterischem Umgestalten auch fremdester Motive haben nacheinander oder nebeneinander besessen Italien, Spanien, Holland, England, zuletzt Frankreich in der Person Voltaires, dem ersten bewußten Weltliteraten, der klug aus allen Reichen zusammensuchte was weit, fremd, neu, anders war, angeblich um die nationalen Vorurteile und Konventionen zu zerbrechen, um durch Erweiterung des Raums „aufzuklären“, aber schließlich doch nur, um seinen Geist in den Zeiten zu spiegeln, und was immer er anrührte, von Confucius bis Shakespeare, eng und nett französisch zu machen. Gerade Voltaires Welterweiterung ist reinstes französisches Literatur-konquistadorentum, nicht aus dem Streben nach Durchdringung, nur aus der Gier nach Benutzung entstanden. Dann kamen Lessing, der deutsche Versteher, und Herder, der deutsche Erfühler des Fremden — um der tieferen Erkenntnis der Welt willen, soweit sie Geist und Geschichte ist, mit Vernunft und Sinnen eindringend, sich eindenkend oder einfühlend in das weltweit Andre, damit sie sich zur Welt erweiterten, nicht damit sie die Welt zu ihrer willkürlichen Verfügung hätten. Mit ihnen beginnt die Weltliteratur im Goethischen Sinn. Aber noch war keine Verkörperung der erst werdenden Idee da woran sie sich eindeutig hätte feststellen lassen, noch war „Weltliteratur“ ein bloß wissenschaftliches Streben oder ein dumpfer Drang nach einem überpersönlichen, übervölkischen Seelenreich, das durch Begreifer und Vorfühler verkündet, durch Übersetzer, wie die Romantiker — Herders genauere, durch Zahl und Hilfsmittel noch weiter reichende Nachfolger — bereitet werden konnte, das aber, wie jedes politische Weltreich auch, gegründet werden mußte erst von dem zusammenfassenden Schöpfer geist. Der war Goethe.

Freilich, auch Goethe trat der ihm durch Herder vermittelten Weltliteratur in der Jugend nicht als Betrachter, sondern als wählerischer Schöpfer gegenüber, und wenn er sich Fremdes aneignete, so geschah es um seiner Person willen, nicht um der Sache willen oder um der Idee »Weltliteratur« willen. Vollends wird man es nicht als eine weltliterarische Tendenz werten dürfen, daß er die allmenschlichen Weltdichter Shakespeare und die alten Klassiker auf sich wirken ließ, an denen der deutsche Geist sich heraufgebildet hatte oder sich heraufzubilden im Begriff war. Nirgends hat er vor der Bekanntschaft mit den Romantikern das Exotische als solches der Teilnahme oder gar der Aneignung wert gefunden, sondern nur das Menschliche das darin zu Worte kam. Sein Mahomet hat so wenig mit dem Orient zu tun wie sein Prometheus mit archäologischem Griechenland und sein Clavigo mit spanischem Lokalkolorit. Ja selbst so europäische und allmenschliche Dichter wie die der italienischen Renaissance, zumal Dante, haben ihm ein weltliterarisches Interesse erst spät abgewinnen können, während sie ihn vorher gerade durch ihre fremdartige Form und Luft beinah abstießen. Erst nachdem eine spezifisch deutsche Bildung gesichert, ein dichterischer Stil der deutschen Sprache vor allem durch ihn selbst festgestellt, eine deutsche Nationalliteratur als ebenbürtige Macht neben den klassischen neueuropäischen Literaturen aus eigner Fülle gegründet war, und nachdem er selbst seine Gestalt und seine Stellung behauptet und sich zum Gebieter über ein unverlierbares Geistesreich erhöht hatte, kurz, erst nach der Abgrenzung, Reinigung und Sicherung des eigenen Bezirks warf er den Blick über die Grenzen und suchte wie er das Goethetum und das Deutschtum bereichern, erweitern, welthaltiger machen könnte. Denn es hatte keinen Sinn Fremdes, Frühes, Exotisches hereinzulassen, solang die eigenen Stoffe noch mitten in der Gärung, die eignen Kräfte in der Selbstgestaltung befangen waren. Erst wenn das Haus gebaut ist, kann man es innen ausschmücken, und erst wer sein Leben gesichert hat darf sammeln. Erst sein, dann wirken, dann genießen.

Dieser Zeitpunkt des Umblickens, Genießens, Schmückens, Sammelns kam für den deutschen Geist, als er sich bei einer ganzen nachgewachsenen Generation im Vollbesitz einer klassischen Literatur und eines klassischen Weltdichters empfand: die Romantiker sind zugleich der Ausdruck und die Werkzeuge dieses Zeitpunkts. Die ersten welche öffentlich feststellten wer Goethe eigentlich sei und was er als deutscher Weltdichter, als deutscher Klassiker bedeute, die ersten die damit besiegelten daß man eine klassische deutsche Nationalliteratur besitze, und gewissermaßen Goethen selbst durch ihre Huldigung seine überragende Weltstellung (nicht nur seine Begabung, die kannte er, sondern seinen europäischen Platz) zum Bewußtsein brachten, haben auch zuerst die Folgerung aus dem Erreichten gezogen: von der deutschen Warte aus die Fremde zu überblicken, zu werten und mit unruhigen Beutezügen die erreichbaren Schätze heranzuschaffen. Wie sie selbst im Bewußtsein des Geleisteten zu sammeln wagten, so haben sie auch Goethe, den Vollender der ihnen erst die Sammelfreiheit verbürgte, zum Sammeln und Umblicken angeregt, mittelbar dadurch daß sie ihm das innere Reich gesichert zeigten oder ihm das Gefühl seines Reiches wenn nicht erweckten, so doch verdeutlichten und stärkten, und unmittelbar dadurch daß sie ihm die Schätze der Weltliteratur vor seinen Thron schleppten, damit er fast gezwungen den Blick darauf wende.

Von Herders Weltfahrten unterschieden sich die ihren durch ihren rein historischen oder ästhetischen Ursprung und durch die genießerische, fast schmeckerische Gründlichkeit. Herder wollte im Fremden die vielfachen Auswirkungen der einen Gottheit nachleben, und an der spezifischen Einzelform nahm er in seiner fliegenden Ungeduld nur soweit Anteil als er darin des in vielfacher Geschichte allein wahrnehmbaren Gottes Atem fühlte. Weil die Gottheit in tausend Zungen sprach, mußte er tausend Ohren haben, und nur deshalb. Die Romantiker kosteten aber gerade die isolierten Gebilde ihres besonderen geschichtlichen Werts, ihres fremden Dufts und Geschmacks halb. Was bei Herder Mittel oder Folge seines ungeduldigen Geschichtspantheismus war, der geschichtliche Sinn für das Fremde, Andre, Besondre wurde bei der Romantik (1) zum Selbstzweck, derart daß zuletzt das jeweils Entlegenste, Verschnörkelteste, historisch Sonderlichste ihr am willkommensten ward. Aus Suchern wurden sie Sammler und aus Entdeckern Aussteller.

Doch einerlei woher sie kamen und wohin sie gingen: auf ihrem Weg, beladen mit exotischen Wundern, trafen sie Goethe, und er wählte daraus, nachdem er alles geprüft, das was fremd genug war um ihn zu erstaunen, aber nicht zu weit ab von seinem allgemeinen Menschenbegriff, was ihn aufregte ohne ihn abzustoßen, was schmücken konnte ohne zu belasten und was durch ihn schöner werden konnte ohne den Fernzauber zu verlieren. Auch jetzt ging er nicht so weit wie die Romantiker, das Fremde um der Fremdheit willen zu ehren, aber doch nahm er es weder allein um Gottes willen, wie Herder, noch rein als Rohstoff für sein eigenes Feuer, wie in seiner Jugend. In der Mitte zwischen selbstlosem Hineinkriechen und selbstischem Verzehren ehrte er die fremde Eigenart, weil es galt zu fassen und zu durchdringen was Gott hervorgebracht, und weil selbst die Abweichung vom Gesetz des Wahren und Schönen, wie es sich seinem deutschen Menschtum offenbart hatte, dies Gesetz noch reiner herausstellt. Er wollte schauen und zeigen, und die Distanz des vor sich selbst verantwortlichen Betrachters wie des vor seinem Volk verantwortlichen Verkünders hielt ihn ab, mit dem unbedenklichen Selbstsinn etwa Voltaires das Fremde zu enteignen, mit der unbedenklichen Empfänglichkeit Herders im Fremden zu baden oder mit der unbedenklichen Feinschmeckerei der Romantik jeder Fremdheit nachzukriechen. Sich selbst zu behaupten und das klare Bild des Fremden zu behaupten, beides war seine Pflicht, als er sich und sein Volk reif fühlte für eine „Weltliteratur“. Die Weltliteratur sollte Erweiterung der Grenze nach allen Seiten sein, aber nicht die Vers rückung der festen deutschen Mitte, sie sollte vor Enge und Starre im gewohnten, gesicherten Kreis bewahren durch die Verschiebung des Horizonts, aber nicht zur Wahllosigkeit und Desorientierung führen. Sie sollte Stillung eines berechtigten, jetzt erst berechtigten, Hungers nach Neuem sein, aber nicht Überladung.

(1) Zur Romantik rechne ich hier nicht nur die beiden romantischen Schulen, vor allem die Gebrüder Schlegel, sondern auch ihre Mitläufer und Nachzügler, die Übergänge zwischen romantischer Literatur und den werdenden Literaturwissenschaften.



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