> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Weltliteratur Seite 158

2016-04-04

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Weltliteratur Seite 158


Das Interesse für Calderon, gleichfalls durch die Romantiker angeregt und, bei Goethes Unkenntnis der spanischen Sprache, genau wie das orientalische, auf ungenügende und unvollständige Vermittlung angewiesen, galt ebenso sehr dem Theatersdichter wie dem poetisch religiösen Gehalt. Es war für den Leiter der Weimarischen Hof bühne keine Kleinigkeit, unter Umständen einen der fruchtbarsten und überlegensten Dramatiker als völlig neue Bereicherung dem Repertoire zu gewinnen. Immer wieder entzückte ihn der Bühnenverstand, die bewegliche und breite szenische Einbildungskraft des Spaniers, der theatralisch-dekorative Motivenreichtum, die nie versagende Gewandtheit mit der Calderon auch das Übergeistige und Übersinnliche in Theaterbilder zu bannen wußte. Als theatralischen Genius stellte er ihn neben Shakespeare und hatte hierin mehr von ihm als von Dante, weil das Bühnenwerk des Spaniers für ihn beruflich Zweck und Folge haben konnte, während Dante durch sein geistiges Dasein allein Wert für ihn haben mußte oder gar nicht.

Das eigentliche Problem der Erscheinung Calderons lag aber für Goethe nicht in seinem Bühnenwerk, sondern in der barock-katholischen Phantasie, der Vereinigung einer bewunderungswürdigen Gestalterkraft mit einer überschwenglichen Seele, eines sublimen Verstandes mit einer verstiegenen Mystik, eines westlichen Auges mit einer orientalischen Maßlosigkeit. Ja, auch Calderon ist ein west-östlicher Dichter, eine europäische Form östlicher Phantastik und, wie die östliche Welt außer Hafis, mehr durch seinen sinnlichen Reichtum als durch seine seelische Haltung, mehr durch Fernzauber als durch Verwandtschaft für Goethe anziehend. Vor den Orientalen hatte Calderon das plastische Vermögen voraus, die Fähigkeit, das blumige Wallen und Wirbeln nicht nur zu verknüpfen, sondern zu einem gegliederten Ganzen zu ordnen, und den Sinn für menschliche Besonderheit, für Charakter und Wesen über bloße Beziehungen, Eigenschaften, Handlungen und Zustände hinaus. Aber ebensowenig wie für die Orientalen war der Mensch für Calderon das Maß der Welt, wie für Goethe, für Shakespeare und die Griechen. Wie für die Orientalen war ihm das Menschtum, freilich ein eigener und mannigfaltiger durchgelebtes Menschtum, nur Spiel, Schmuck, Gewebe der Gottheit, und je wichtiger, eigener, selbständiger (verglichen mit dem Orient) bei ihm die Menschen sind, desto umheimlicher und absurder ist ihre rein dekorativ religiöse Verwendung in majorem Dei gloriam. Die Spannung zwischen dem Eigenwert des Menschen (den in diesem Grade der Orient vielleicht denken, aber nie darstellen konnte) und seinem Unwert vor Gott, seinem bloßen Brenn- oder Schmuckwert, die ekstatische Steigerung des Menschen, nicht um der Kraft, Größe, Schönheit, sondern um des Opfers vor Gott willen, die Selbsterhöhung um der Selbsterniedrigung, ja Selbstvernichtung willen, welche dem spanischen Ehrbegriff zugrunde liegt, wie dem echtspanischen Glaubenssatz credo quia absurdum — dieses ständische wie persönliche Würdegefühl, das ein tieferes Menscherleben voraussetzt als es der Orient kannte, das aber nur dazu dient, um ihn erst recht zu zerknirschen, um das Opfer und die Selbstaufhebung tief, grausam und wollüstig auszukosten, die reißende Spannung zwischen Seele und Gott (die mehr calvinisch als urkatholisch und erst als Gegenwirkung gegen die Reformation in den Katholizismus gekommen ist) ist Goethe fremd und instinktiv entgegen. Der Mensch ist ihm nicht das Opfer, sondern das Gleichnis der Gottheit, und selbständiger Menschen-wert ist ihm göttlich.

So sehr Goethe nun den eigentlich religiösen Gehalt, das seelische Erlebnis das dem Werk Calderons zugrunde lag, sich weghielt, und so deutlich er den Romantikern abwinkte, die just diese barocke Ekstatik des Neukatholizismus an dem großen Dichter feierten und propagierten, selbst gegenüber Shakespeare, so nah lag gerade dem alten Goethe die Allegorik des Spaniers, die Verknüpfung sinnlicher Bilder und übersinnlicher Bedeutungen. Wir haben bei der Pandora gesehen warum Goethe zur Allegorik kam, und wie er die Doppelaufgabe löste: zu schmücken und zu lehren. Auch bei Calderon wird, kraft seines religiösen Zustandes, ein reicher Vorrat bunter, glühender, blumiger Anschauungen verwandt, um eine ekstatisch erfahrene aber übersinnliche Idee zu feiern, sie auszudrücken, zu schmücken oder zu sättigen. Der Mensch und sein sinnlicher Bereich wird der übersinnlichen Gottheit zugeeignet, und aus der Beziehung zwischen beiden ergibt sich die dramatische Allegorik Calderons. Die Goethes hat einen andren seelischen Ursprung, aber in der Technik des Dekorierens hat Goethe sich dem überwältigenden Eindruck des spanischen Meisters, eines der größten dekorativen Genien, nicht entzogen.

An zwei Werken finden wir deutliche Spuren von Calderons Einwirkung: mehr unbewußt in einigen Chören, Stichomythien und Dekorationen der Pandora (die indes, wenn sie auch an Calderonischen Apparat erinnern, ohne Calderon wenigstens denkbar und erklärlich sind) .. bewußt und nur als Nachahmung Calderons verständlich, in den Bruchstücken einer Tragödie aus der Pandorazeit. Sie behandeln einen Glaubenskonflikt in romantisch christlichem Milieu, sind in dem Versmaß der Calderonischen Stücke abgefaßt und nähern sich seiner schwellend bunten, barock schwelgenden Diktion, der Vereinigung von wallender Ausdrucksinnigkeit, geistreicher Dialektik und farbiger Rhetorik mehr als irgendeine andre Dichtung Goethes. Die stofflichen Rätsel zu lösen die diese Bruchstücke aufgeben ist hier nicht der Platz, und so fehlt uns auch die Antwort auf die Frage welches Urerlebnis Goethes etwa hier in Calderonischen Formen dramatisiert werden sollte — ob überhaupt ein Urerlebnis zugrunde liegt, oder nur der reproduktive Drang Goethes den übermächtigen Eindruck des Bildungserlebnisses Calderon durch Nachahmung seines Stils zu betätigen und zu erledigen. Ich möchte das letztere annehmen und das Bruchstück zu jenen Bildungspoesien rechnen welche nur angewandte Literaturgeschichte sind, wie die Episteln oder die Achillei's, ein Mittelding zwischen Übersetzung und eigener Dichtung, das Nachleben einer fremden Technik in eigner Sprache und neuem Stoff, die Probe Goethes darauf daß ihm der Geist jener großen Erscheinung wirklich aufgegangen und zu eigen geworden sei.

Calderons Einfluß auf Goethe ist demnach so gut wie der Dantes eine stofflich-technische Einzelheit in seinem Leben, und hat nicht wie der Shakespeares oder der Antike durchgreifende Wandlungen seines Wesens, oder wie der des Orients eines seiner entscheidenden Werke bestimmt. Für sich selbst wie für die deutsche Weltliteratur begrüßte Goethe in Calderon eine dekorative Bereicherung des europäischen Vorstellungskreises, zumal des deutschen Theaters: mehr ein neues Können als ein neues Wissen, mehr einen technischen als einen seelischen Gewinn. Die Gesinnung Calderons, ja selbst die Persönlichkeit, seine eigentliche Welt, sein Lebensgehalt blieb ihm bei aller Bewunderung fremder als selbst der Dantes, und eine schöpferische Liebe wie Shakespeare, eine unmittelbare bildnerische Erneuerung hat ihm Calderon nicht gebracht. Auch den Bemühungen der Romantiker Calderon den Deutschen wie Shakespeare oder statt Shakespeare als geistigen Vater aufzudrängen, ihn ganz zu naturalisieren, war er nicht gewogen, und es ist ihnen infolgedessen auch nicht geglückt. Nur einer unsrer lebendigen, nicht bloß literarisch imitierenden Schriftsteller ist geradezu von dem spanischen Theater durchgeistet, der habsburgische, d.h. von halb spanischenTraditionen umwitterte Grillparzer, und auch dieser mehr von Lope als von Calderon. Auch Calderon ist im großen Ganzen ein exotischer Autor für die Deutschen geblieben, d. h. kein wesentliches Werk der lebendigen deutschen Dichtung (außer allenfalls Grillparzers Dramen) ist nur durch Calderon-kindschaft denkbar, derart wie ihrer viele nicht ohne Homer- oder Bibel- oder Shakespeare-kindschaft denkbar sind. Dies aber, die zeugende Gewalt eines fremden Geists in heimischen Schöpfergeistern, ist das eigentliche Zeichen seiner endgültigen Eindeutschung, nicht bloß die vereinzelte Nachahmung, Übersetzung, Benutzung. Solange diese Wiedergeburt fremden Wesens in heimischer Sprache nicht erfolgt, ist ein fremder Autor noch exotisch, und was für Goethe exotisch blieb (und in dem Maße als es ihm exotisch blieb) ist es, mindestens für die Dauer seiner unmittelbaren geistigen Herrschaft, für die Dauer des klassisch romantischen Epigonentums geblieben, trotz der romantischen Dolmetsch-mühen und der allanregungsdurstigen allgemeinen Bildung mit ihrer belletristischen Seichtheit oder fachmännischen Gründlichkeit.

Doch die weltliterarische Aufgabe des Deutschtums und Goethes war nicht nur die Aneignung der vergangenen Fremd weit, sondern auch die Bestimmung der werdenden und künftigen. Wie Goethes Werther das erste deutsche Dichterwerk von europäischer Macht, so ist der alte Goethe die erste deutsche Geistes-Gestalt die, auch ohne unmittelbare Kenntnis, geschweige Verständnis seiner Lebensleistung, eine europäische Weltstellung einnahm, mit dem Recht und der Pflicht einer solchen Führerschaft: über dem geistigen Raum den seine Wirksamkeit erfüllte zu wachen, zu sichten was sich an ihn drängte oder was er überblickte, das Fruchtbare zu fördern und einzuführen durch seine Autorität, das Unfruchtbare fernzuhalten, und zugleich sein eignes Bild für die Fremden zu befestigen, durch Kundgebung und Beziehungen, wie er es als Bildner seiner eignen Nation schon seit dem Bund mit Schiller gewohnt war. Während er also der weltliterarischen Vergangenheit gegenüber nur Empfänger bleiben konnte, war er für Gegenwart und Zukunft auch Spender, und die Ausbreitung der Goethisch-deutschen Bildung war hier gepaart mit der wählerischen Einführung der europäischen fremden. Auch hier traf die von ihm unabhängige Erhöhung seiner Gestalt zur geistigen Weltführerschaft zusammen mit der Reife zum Umblicken und Einsammeln, zum Ausgreifen und Erziehen. Diese Weltführerschaft kam von außen, ohne sein Zutun, erst an ihn heran, als er von innen, auch ohne sein Zutun, sich bereit fühlte ihr zu genügen — der alte Einklang zwischen Tyche und Daimon.

Goethes geistige Weltstellung in Europa datiert (abgesehen von dem Erfolg des Werther, der die stoffliche und fast anonyme Massenwirkung eines Buches, nicht die Bildnermacht einer Persönlichkeit, nicht die Herrschaft eines Geistes über Geister war) von dem Besuch der Madame de Stael in Weimar und seinem literarischen Niederschlag in ihrem Buch de l’Allemagne. Die betriebsame Halbfranzösin, glänzend begabt und seelisch leer, männlich agil und weibisch eitel, und wie alle solche Naturen unruhig über ihre Grenzen fahrend, zum Schaffen, noch mehr zum Wirken (freilich weniger zum Arbeitleisten als zum Effektmachen) gedrängt, durch ihre Abkunft zum Vermitteln zwischen germanischem und romanischem Geist geeignet, als Verbannte zum Reisen veranlaßt, als Angehörige der großen damals immer noch geistig wie staatlich weltbeherrschenden Nation, als genialisch begabtes, abenteuerliches Weib und als freiheitliches Despotenopfer überall gefeiert und bestaunt, hatte es unternommen das lauschige Genieland im Herzen Europas mit den vielberaunten und ungesehnen Verfassern des Werther und der Räuber, den idyllischen Urwald von selbstlos deutschem Gemüt, Traum und Geist zu durchstreifen und zu beschreiben. Als Führer und Cicerone hatte sie dabei den allerweltsklugen Vermittler und Kenner A. W. Schlegel sich zugelegt, der ihr die romantischen Werturteile so geschickt zu suggerieren wußte, daß sie sich als eigene Entdeckerin fühlte und die romantischen Einsichten unbefangen in ihre französische Flachheit und Helle übersetzte. Sie sah auch den Goethe, staunte ohne Ehrfurcht, und legte sich zurecht was sie nicht faßte, mehr nach Art von Pflichtvergnügungsreisenden aufs Gesehenhaben aus als auf die innere Aneignung der Eindrücke. Goethe zeigte sich von seiner überlegen mephistophelischen Seite höflich distanziert und imponierte ihr. Der ihm gewidmete Abschnitt ihres französischen Kulturbädekers für Deutschland vermittelte zuerst dem gebildeten Europa das zugleich lockende und unbegreifliche Bild eines allseitigen, tiefsinnigen und überlegenen deutschen Genies mit guten Manieren, imposanter Männlichkeit und geheimnisvollem Innenleben. Sie rationalisierte Goethe genug, um ihn nicht abstoßend zu machen für die immer noch voltairisch erzogene Welt, und ließ doch irgend was Romantisches, Dämonisches, vielleicht gar Satanisches ahnen, was angenehm gruseln machte und die kühneren Seelen anzog: deutsche Tiefe, Wertherische Leidenschaft, und besonders: Faust. Sie zuerst gab einen harmlosen Abriß des unerschöpflichen Werks, aus dem von da an alle Romantik, Dämonik, Phantastik der außerdeutschen Literaturen sich speisen sollte. Noch immer war Frankreich die Zensurstelle des europäischen Geistesverkehrs und der Weg zur Weltgültigkeit führte seit Voltaire noch über Paris. Aber gleichzeitig war man dort der aufklärerischen Enge überdrüssig, wenn auch noch nicht der schöpferischen Weite fähig geworden, und eine junge Generation lugte neusüchtig über die Grenzen des klassizistischen Vernunft- und Zierreichs hinaus nach Fernzauber, Geheimnis, ahnungsvollem Dunkel und vollerer Farbe. Solch einer Stimmung begegnete Goethes Bild, wie es die Stael hinüberbrachte.



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