> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Weltliteratur Seite 160

2016-04-06

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Weltliteratur Seite 160


Byrons persönliches Verhalten zu Goethe mag den großen Eindruck seiner Gestalt vorbereitet haben. Goethe war nicht unempfänglich für die Huldigungen des gefeierten Dichterlords, der ihn ausdrücklich als seinen geistigen Lehnsherrn anerkannte, und in mehreren weltberühmten Werken seine Abhängigkeit vom Faust verriet, ein weithin sichtbares Zeichen von Goethes dichterischer Weltherrschaft. Unter allen Folgern und Vasallen Goethes war bisher noch kein Mann von europäischem Ruf gewesen, seine Anhänger im Ausland waren meist Angehörige esoterischer Zirkel oder angefochtene Neuerer deren Opposition gegen die gültigen Autoritäten an dem deutschen Meister Rückhalt suchte. An Byron fand er das erstemal einen Herold der Glanz nicht nur von ihm empfangen, sondern auch auf ihn zurückwerfen konnte. Dazu kam die soziale Stellung Byrons: ein Lord war, so gut wie ein König, für Goethe der Träger einer besonderen Würde, und so wenig ihm der Adel an sich sagen mochte, so sehr fand er ihn einen eigenwertigen Zuwachs wo er sich zu persönlichen Vorzügen gesellte. So brachte schon die Beziehung Byrons zu Goethe, als eines berühmten und adeligen englischen Verehrers, ein günstiges Vorurteil, welches der eigentlichen Magie seines Wesens und Lebens, wie sie von seinen Werken und den Berichten über ihn durch Europa ging, vorarbeitete.

Dies Leben selbst, maßvoll oder nicht, sittlich oder nicht, vernünftig oder nicht, erschien, wie seit Napoleon kein zweites, der zahmgewordenen Welt wild, kühn und mitreißend wie ein Sturm, gefährlich und lockend, empörend und verführerisch wie die aufgerührten Elemente, die edeldüstern Verbrecher und die finstern Titanen oder Dämonen die Byrons Dichtung füllen. Ein wunderbar schöner, noch durch einen Schaden eher reizender als entstellter Mensch von gewaltiger Kraft und unbändigem Naturell, in allen Leibeskünsten erfahren, aus edlem Stamm und mit quellendem Genie, durch Verhängnis oder Schuld aus dem Gleichgewicht gerissen, mit einem dunklen Geheimnis, sei es Fluch sei es Frevel sei es Wahn, sichtbarlich beladen, großmütig, blendend, sinnlich, verschwenderisch, Freund und Verächter der Frauen, Wohltäter und Hasser der Menschen, vielleicht ein großer Sünder, doch keine böse und niedrige Seele, „a man more sinned against than sinning“, heimatlos und friedlos, aber auch ungebunden und unverantwortlich die geweihten Stätten Europas durchfahrend und mit neuem Gesang feiernd, nach abenteuerlichen Irren zuletzt heldenhaft gesteigert durch seinen Tod für eine heilige oder heiliggeglaubte Weltsache, für Freiheit und Hellas: so wuchs er allmählich in die freudig oder beklommen staunende Seele des nachnapoleonischen Europa, das zwischen Ermattung und Fieber, Ordnung und Freiheit, Kriegstrümmern und Zukunftsträumen schwankte, nicht mehr fähig einen Welthelden und Herrscher zu ertragen, aber empfänglich wie nie zuvor für den unverpflichtenden Zauber eines genialen Abenteurers und großartigen Schauspielers seiner selbst, wenn das Stück das er aufführte nur so prächtig, aus gewaltiger Selbstsuche und spontaner Hingabe an Freiheit und Menschheit so spannend geknüpft war wie Byrons Dasein.

Größer als seine Natur war Byrons Fähigkeit sie vorzutragen und auszuladen, und wenn er manchmal, absichtlich oder unabsichtlich, verderbter schien als er war — nie erschien er langweiliger, dürftiger oder harmloser als er wollte, nie blieb das Bühnenbild seines Unglücks oder Frevels oder Geheimnisses hinter seinem eigenen echten Gefühl davon zurück, eher umgekehrt . . von seinem Leid entlastete er sich durch das Schauspiel das er den Augen Europas bot, durch Furcht und Mitleid das er erweckte. Nicht Poseur dessen was ihm mangelte, war er doch Mime dessen was er lebte.. auch Goethe nahm sein Schauspiel für naives Leben, und das Kain- und Satanstum für das Dämonische, da es doch nur dessen Reflex war. Neben Byron war Napoleon ein Naturkind, Poseur nur zu bewußtem Staatszweck, niemals, wie Byron, wenn er mit sich allein war. Aber auch Goethe empfand beide verwandt, und als dem Träger des Dämonischen in erster Linie gestand er dem Briten die Exemtion von Moral, Gesetz und Maß zu die er dem bloßen Genie niemals zugestanden hätte, keinem Beethoven, geschweige einem Kleist. Das Dämonische aber sah er weit mehr in Byrons Gestalt und Lebenslauf, dem Gejagtsein und Weltwandern, der sinnlich heftigen Körperlichkeit, seinem Alpen- und Inselhauch, seinem fürstlichen Helden« tod, als in seinen Werken selbst. Und wie dem dämonischen Kaiser neidete er dem dämonischen Lord den Zwang und die Freiheit sich durchzuleben bis zum Ende, es sei so tragisch es wolle. Goethe hatte entsagt und mußte entsagen in bürgerlicher Welt, der er, wie weit er sie überragte, verwurzelt war. Aber immer noch warf er den sehnsüchtigen und wehmütigen Blick nach der Urheimat der Dichtung jenseits aller Bürgerwelt und begrüßte jeden Boten aus dieser Heimat der seine volle Freiheit mitten im Heute bewahren durfte.

Ein solcher Bote und der einzige unter seinen Zeitgenossen war für ihn Lord Byron. Unbändig und selig- oder unselig-pflichtlos wie Wesen jener Welt, wie Dämonen flog er dahin, fast zeitlos wie ein antiker Jüngling, inmitten der gedämpften Sitten und zahmen Rücksichten oder soliden Egoismen des werdenden 19. Jahrhunderts, unglaublich, aber wirklich genug, ein Zeitgenosse, ja ein allerneuester Geist, Umstürzer und Modeheld, zugleich entrückt wie ein Traum und grell im fahlen Tag. Nicht gerade der aktuelle Freiheitskämpfer, der opponierende Lord, der weltschmerzliche Herold alles europäischen Unbehagens, der das ganze junge Europa um sich scharte als Führer der politisch-literarischen „Moderne“, zog Goethe an: aber daß dieser allerheutigste Rattenfänger zugleich die Male eines antikischen Dämons trug, daß der Sohn der Revolution und der Vater der Revolutionäre, das Vorbild der Heine wie im Alexanderzug lebte und starb, das war für ihn ein Staunen und ein Sinnbild. Übersah er das Ganze dieser Erscheinung, so verklärte sie sich ihm zum poetischen Wunder, gezeugt aus der ewigen Schöne, die ist und sein wird wie die Antike, und dem rastlosen Streben nach immer neuer Welt, aus sinnlich süßer Fülle der Idee und friedlos dunklem Drang, aus unvergänglichem Traum und unermüd? licher Tat, aus selig Altem und besessen Neuem: aus Helena und Faust. Als Euphorion, als grenzensprengender Feuergeist, ist ihm Byron in sein Weltbild eingegangen, zwischen Mensch und Dämon gezeugt, zwiespältig, mit dämonischer Macht und menschlicher Unruhe, allverlockend und allverlockt, und bei unsterblichem Trieb zu tragischem Ende vorbestimmt. Damit war er ihm über die bloße Literatur hinausgewachsen und als ein ursprüngliches Lebenselement selbst zur Dichtung geworden, nicht mehr Gegenstand des Urteils, sondern mythische Gestalt. Es ist die höchste Ehre die ein Dichter überhaupt erweisen kann, umso höher als sie nicht aus gutem Willen, sondern aus unwillkürlicher Schau kommt.

Neben Byron verblaßten für Goethe die andren Sterne der neueren zumal der englischen Literatur, Scott und Moore, geschweige die von Byron selbst entwerteten Mitglieder der Seeschule. Byrons eigenen Kreis kannte er kaum, und gegen den dichterisch dem Lord mindestens ebenbürtigen Shelley hatte er infolge eines Mißverständnisses ein ungünstiges Vorurteil. Keats, der reinste und süßeste Dichterkünstler den England nach Shakespeare hervorgebracht hatte, und der einzige halbhellenische Geist in dieser puritanischen, allenfalls libertinen Luft, blieb für ihn im Dunkeln.

Dagegen fand er in England einen Übersetzer und Verfechter, einen Versteher und Porträtisten wie kaum bei den Deutschen, an Thomas Carlyle. Dieser gedrängt feurige, unerbittlich fordernde und ringende, glück- und freudlose, schwergeflügelte, vor Fülle schwerzüngige, aber starke und kühne, wahrhaftige und grundechte Schotte hatte in Goethe sein Licht und seinen Weg zu mutigem Wirken, zu dankbar frommer Weltschau gefunden. Weniger vermöge eines eigentlichen Schönheitsinnes — er war Ethiker und nur Ethiker — als vermöge eines unbeirrbaren Echtheitsinnes drang er quer durch alle ästhetischen, moralischen und politischen Vorurteile, Scheinwahrheiten und Oberflächen zu dem Kraftkern, zur Macht und Wirklichkeit jeder Gestalt und Leistung, einerlei welcher geschichtlichen Herkunft, sofern sie nur lebendiges Ja und selbstlose Wahrhaftigkeit verkörperte. So ward er nicht müde den puritanisch engen, politisch schwatzenden, oder selbstisch spielenden und rechnenden Briten seinen Goethe als frommen Propheten der Wahrheit, der tätigen Weltbejahung, der freudigen Welterkenntnis, der Selbstzucht und der Klarheit zu verkünden, durch Übersetzungen ihn einzuführen, durch Aufsätze ihn zu erklären und zu verherrlichen. Goethe anerkannte seine Bemühungen mit väterlichem Dank und freute sich des jungen Vorkämpfers, den er ja kaum anders als unter dem Gesichtspunkt seines Vorkämpfers würdigen konnte. Den Ernst und die Kraft Carlyles fühlte er und hoffte von ihm für England entsprechende Wirkungen wie von den Globisten für Frankreich. Die Erfüllung hat er nicht mehr erlebt und wohl kaum geahnt daß sein erster tiefer Versteh er über dem Kanal, ja im Ausland überhaupt (denn sonst besaß er nur Bewunderer) zugleich der einzige Seher und Richter war dessen England im 19. Jahrhundert sich rühmen konnte.

Aus aller Herren Ländern kamen in den zwei letzten Jahrzehnten Goethes die jungen Literaten, um den erstaunlichen Mann zu sehen, oder auch ihm unmittelbar im Namen ihres Landes, ihrer Generation, ihrer Richtung zu huldigen, und mancher von ihnen ist später eine europäische oder wenigstens eine nationale Geistesgröße geworden, ohne daß er für Goethe mehr gewesen wäre als ein individueller mehr oder minder merkwürdiger Besucher, bestenfalls ein Talent oder der Abriß irgendeiner werdenden angegoetheten Nationalliteratur: so kam aus Polen Mickiewicz, aus Rußland Schukowsky, aus Dänemark Oehlenschläger — und viele andre, für die Goethe viel, die für Goethe wenig oder nichts bedeuteten.



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