> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Weltliteratur Seite 157

2016-04-04

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Weltliteratur Seite 157


In sich selbst hatte er das sicherste Maß für die Grenzen der Weltliteratur: was ihn nicht produktiv machte gehörte ins Museum, nicht ins Haus. So hat er die indische Poesie als Ganzes um ihrer verworrenen Übergliedrigkeit ihrer maßlosen und gestaltenverknäuelnden Phantastik willen abgelehnt, so sehr er die süße Beseeltheit, die morgendlich flaumige Fülle, die durch» sonnte Sinnenreife der Sakuntala, die er durch Förster kannte, als ein menschliches Wunder begrüßte. So hat er, freilich auch auf verwischende Vermittler angewiesen, die uralt höfliche Klugheit und fast mikroskopische Sorgfalt des Blickens, Merkens und Empfindens, die kühlen Tugenden des Greisentums an chinesischer Spruchweisheit geschätzt und nachgeahmt — in den chinesisch»deutschen Jahres- und Tageszeiten — um auch einmal im Zierlich-genauen, in Miniaturtechnik sich zu versuchen: aber chinesische Geistesart im ganzen blieb ihm fremd und mußte ihm fremd bleiben: denn was war ihm Weisheit ohne schöne Leiblichkeit, und Maß ohne Pathos, durch dessen Bändigung Maß erst Tugend wird!

Dem europäischen Menschtum, dem gültigen Menschenmaß, dessen Vollender, ja dessen Gründer und Erfinder die Griechen ihm erschienen, näherte er sich mit dem vorderen Orient. Die persische Dichtung bildete die Brücke zwischen der eigentlich östlichen Exotik, welche den Fernzauber ausübte, und der westlichen arischen Gesinnung, welche die Anpassung ermöglichte. Weit überwog hier das Fremde, der Fernzauber — soweit daß erst der alte Goethe den Weg zum Orient als einer fremden Region fand. Der junge fand hier nur das Bild des Religionsstifters, als eines allgemein menschlichen Typus, den er nach seinem Bilde umschuf. Die Bibel vollends war in der europäischen Seele längst ein Urelement geworden, dessen fremde Herkunft nicht mehr empfunden wurde. Der westöstliche Divan ist die erste produktive Angleichung Goethes an eine wirklich exotische, wenn auch nicht nur exotische, Welt, über die bloße Benutzung einiger fremder Motive hinaus. Indem er, der deutsche Dichter, zum erstenmal einen ganzen außereuropäischen Bereich in sein Werk aufnahm, sich ihm als Dichter einließ und ihn als Beschauer einführte, hatte er den Orient zu einer produktiven deutschen Kraft (nicht bloß zu einem nutzbaren Stoffkreis) gemacht, und damit die deutsche Literatur zur Weltliteratur erweitert.

Was mit Herders geschichts-pantheistischem Vorfühlen begonnen, mit den historisch-ästhetischen Vermittlersarbeiten der Romantik samt ihren Vor- und Nachläufern weitergeführt wurde, ist vollendet mit dem ersten schöpferischen Akt der fremden Welt im deutschen Geist, mit der ersten Gebildswerdung des Orients durch Goethes Divan. Dies ist, abgesehen von dem dichterischen Eigenwert und der biographischen oder literatur-geschichtlichen Bedeutung des Divan, seine literaturpolitische: er ist das erste große weithin sichtbare Denkmal der deutschen Weltliteratur, die nicht geistige Weltbenutzung oder Weltaustausch sein will, wie alle früheren Weltliteraturen, sondern geistige Weltdurchdringung, Weltausgleich: Bewahrung des Fremden im Eignen, des Eigenen im Fremden, Durchleben der fremden Formen mit eigner Seele, fremden Gehalts im eignen Leib.

Den vorderasiatischen Lebenskreis hatte Goethe selbst mit seinem Divan erobert und fast erschöpft. Nur den Übersetzern und den Formenvirtuosen hatte er noch Arbeit gelassen, und was vom persischsarabischen Orient als deutsche Weltliteratur heute noch lebendig ist ist es wesentlich durch den Westöstlichen Divan. Denn Rückerts wundervolle Übersetzungen sind dem deutschen Geist nicht in Fleisch und Blut übergegangen.. seine Reimspiele sind, so gut wie die Platens, literarische Kuriositäten, aber keine geistes-geschichtlichen Taten und erst recht keine Eroberung über den Divan hinaus. Endlich die zahllosen orientalischen Stoffs und Formsmaskeraden der Epigonen sind weder östlich noch westlich, sondern international-bürgerlich, und zumal die einzig populäre davon, Bodenstedts Mirza Schaffi, bleibt ein beschämendes Zeichen wie flach Goethe mißverstanden, wie läppisch der Osten mißbraucht, und wie öd der Westen entseelt werden konnte. Nach dem Ablauf der Epigonenzeit gibt es allerdings zwei Werke die aus der Wiedergeburt deutscher Seele auch eine Wiedergeburt des durch Goethe der deutschen Seele eingelebten Ostens erreichen und dadurch die Reihe des Divan auf gleichem Niveau fortsetzen: Nietzsches Zarathustra und Stefan Georges Buch der Hängenden Gärten. Dabei ist freilich der Zarathustra weit mehr westlich als östlich, und außer dem eigensten „gut europäischen“, d. h. tiefdeutschen Erlebnis Nietzsches hat die Luther-bibel hier Stil und Ton mehr bestimmt als die parsischen Offenbarungen. Trotzdem waltet darin auch ein „Fernzauber“ aus dem persischen Hochland, eine farbige Weite, Entrücktheit und Fremde, die den Namen Zarathustras nicht als Willkür erscheinen läßt. Bei George ist der Fernzauber noch entschiedener östliche Märchen- und Traumluft, und zwischen der deutschen Seele die sich entrückt und dem östlichen Raum wohin sie sich entrückt steht hier sowenig wie beim Westöstlichen Divan selber historistisch allgemeine Bildung.

Goethe hat den Orient nach seiner Eroberung verlassen und ist nicht mehr dahin zurückgekehrt. Ja, eine orientalische Oper, Feradeddin und Kolaila, die während der Divanzeit geplant, schematisiert und zu kleinen Teilen ausgeführt wurde, gedacht als dramatisch-dekorative Ausbeutung unausgeführter Motive des Parsenbuchs, blieb stecken, als der östliche Traum ausgeträumt war. „Sie wäre auch fertig geworden“ meint Goethe, „da sie wirklich eine Zeitlang in mir lebte, hätte ich einen Musiker zur Seite und ein großes Publikum vor mir gehabt...“ Doch scheint nach dem Erhaltenen die dekorative Rücksicht hier die östliche Landschaft zur Kulisse vergröbert zu haben: die zarte westöstlich reine Patriarchenluft ist in der Oper nicht zu spüren.

Der Westöstliche Divan hatte Goethes Wort verwirklicht »Orient und Occident sind nicht mehr zu trennen« und wenn man beide Weltkreise in einem Werk vereinigen konnte, so war ja schon damit die Weltliteratur gegeben. Aber die Trennung die durch Weltliteratur überwunden werden sollte bestand nicht nur von Welt zu Welt, sondern auch von Land zu Land. Darum liegt der Goethischen Idee nicht nur die Forderung nach deutscher Weltdurchdringung, sondern auch nach europäischer Bildungseinheit mit deutscher Mitte zugrunde. Da die Spannung von Land zu Land geringer, die Fremde hier selten bis zum vollen Exotismus gesteigert, freilich auch der Fernzauber deshalb kaum so lockend war, so war, zumal durch die vorhergegangenen italienischen, spanischen, englischen, französischen Weltherrschaften, der europäisch-deutschen Weltliteratur wie sie Goethe vorschwebte schon mehr vorgearbeitet als der exotisch-deutschen, die ja eben Goethe durch den Divan erst richtig begründet hat. Die französische Literatur seit Corneille, ja seit Montaigne, die englische seit Shakespeare, die italienische seit Petrarca waren bereits eingedeutscht und bildeten mit der deutschen zusammen, wenigstens mit der nach Luther lebendig gebliebenen, ein Ganzes von Wechselwirkungen, wobei freilich die Deutschen zunächst mehr als die Empfangenden erschienen. Sie auch als Spender und Führer zur Geltung zu bringen war eben die Aufgabe der deutschen Klassiker und Romantiker: die Gründung der europäischen Literatur nicht nur für die Deutschen, sondern von den Deutschen, aus den Deutschen, die gesteigerte Zurückerstattung des empfangenen Gutes durch deutsche Vermittlung.

Aber noch blieb die andre Pflicht: die inner europäische Literatur anzueignen, soweit sie exotische Elemente enthielt die den deutschen Geist noch befruchten konnten, also nicht bloße historische Petrefakten waren. Solche Elemente waren aus der italienischen Literatur Dante, aus der spanischen das nationale Drama, vor allem Calderon. [Slawische und nordische Volkslieder, Natur-völker-dichtung, mittelalterlicher Helden- und Hofgesang aller Nationen, insbesondere auch der deutschen selber, erschienen Goethe wohl der historischen Teilnahme, selbst hie und da des ästhetischen Lobs und der technischen oder stofflichen Wiedergabe würdig, aber als neuschöpferische, zur Weiterbildung deutschen Wesens notwendige oder auch nur wünschenswerte Kräfte empfand er sie nicht und überließ ihre Eindeutschung und Verherrlichung, ohne Widerstand, mit halb beifälligem, halb mißtrauischem, halb ermunterndem, halb dämpfendem Beobachterblick den Romantikern.] Romantikern überließ er auch den eigentlichen Kult Dantes und Calderons, doch hier zeigt seine Teilnahme wie sein Widerstand eine dichtere Wärme und geht über das bloße Zuschauertum hinaus. Die Aufnahme dieser beiden Weltdichter konnte das Schicksal der deutschen Weltliteratur ganz anders bestimmen als jene vorzeit- und außenseitlichen Erbschaften, und Art und Grad ihrer Aufnahme ging daher Goethe sehr nah an. Exotisch waren sie beide, mindestens für die Empfindung der hellenistisch gebildeten und bürgerlich human aufgeklärten Rokokowelt die Goethe zwar überragte, worin er jedoch wurzelte. Und beide waren unstreitig weltumfassende Begabungen vom seelischen Range, wenn nicht von der schöpferischen Kraft Shakespeares, also zwei Mächte deren Fülle der deutschen Weltliteratur fruchtbar, deren oft „abscheuliche“ oder über spannte Großheit ihr aber nicht gefährlich werden sollte, wie Shakespeare es eine Zeitlang gewesen war.

Den Dante hatte Goethe in seiner klassisch-italienischen Zeit schon gekannt, bewundert und abgelehnt. Die Romantiker brachten ihm — erst als Allerweltsvermittler, nachher mit außerhistorischen, Goethe verdächtigen katholisierenden Hintergedanken und Aufdringlichkeiten — die Weltsänger des mittelalterlichen und des Barock-Katholizismus wieder vor Augen. Sofort nahm er auf was sein klassisches Reich stärken, schied er aus was es verwirren konnte. Er huldigte der ungeheuren Natur und der starken Seele Dantes, aber hielt sich und den Seinen die ekstatische Unerbittlichkeit, das steile Zorn- und Fluchpathos des Verbannten vom Leibe. Er pries mit Nachdruck sein plastisches Vermögen, sein allumreißendes und durchdringen-des Bildnerauge, aber er wollte nichts zu tun haben mit dem visionären Graun und der überschwenglichen Traumkraft. Er war bis zur Nachahmung empfänglich für den formbändigenden Sprachschöpfer und Versmeister, für den erhaben strengen Baukünstler, aber er blieb verschlossen für sein System und seine gotisch-katholische, logisch-mystische Ordnung. Die Persönlichkeit und der Charakter Dantes, einige unausweichlich ergreifende Bilder aus der Hölle, und das kreis-öffnende und kreisschließende, aus der gebundenen Dreizahl eine bewegliche Reihe entwickelnde Versmaß der Terzine — das ist es was Goethe von dem fremden Wunder der Weltliteratur gewonnen wissen wollte und was ihm selbst lebendig, gegenwärtig oder fruchtbar geworden ist.

Er hat, in den Betrachtungen bei Schillers Schädel und im Erwachensmonolog des Faust II, die Terzine der deutschen Dichtung, als beseelte Ausdrucksform (nicht nur der deutschen Verskunst als neue Technik des Reimens) und damit ihren Schöpfer als einen formgebenden Geist der deutschen Weltliteratur eingeeignet. Daß er bei der Ausstattung des Himmels im Faust II so von Dantes Bildern mitbedingt war wie bei der Benutzung griechischer Mythen von Homer, ist kaum ein eigentlich literarischer Sonder-einfluß: hier wirkt Dante nicht als italienische Person, sondern als europäische Atmosphäre.



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