> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Weltliteratur Seite 159

2016-04-06

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Weltliteratur Seite 159


Auf zwei verschiedene Gruppen wirkte es und veranlaßte sie zur Kenntnisnahme seines Werks: auf die jungen Dichter die eine buntere Stoffwelt und eine freiere Form suchten, die Romantiker um und nach Victor Hugo, und auf die jungen Denker die dem französischen Geiste eine universellere Gedankenbasis gründen wollten, eine solidere geschichtliche und philsophische Bildung, als die materialistisch-deistische Aufklärung oder deren katholische Reaktion: die Globisten, Ampere, Stapfer, Merimee u. a. Zu der deutschen Poesie und der deutschen Philosophie führten neue französische Wege und beide begegneten sich in Goethe. Die Poeten suchten mehr Farbe, Stimmung und Freiheit, die Denker mehr Tiefe, Fülle und Weisheit bei ihm. Dem einen war er ein Lockerer, dem ändern ein Leiter, beiden aber namentlich ein Neuerer, und wie das bei Franzosen üblich ist, ein Machtmittel für ihre eigenen Zwecke, das jederzeit beiseite geschoben werden mochte, wenn diese Zwecke erreicht waren. Was Goethe im Lauf des Jahrhunderts den Franzosen geworden ist gehört nicht hierher, nur seine erste unmittelbare weltliterarische Wirkung, soweit er sie erfahren und soweit sie seine eigene Haltung noch bestimmt hat.

Macht auszuüben freut jeden, selbst wenn er nicht danach strebt, und auch Goethe nahm mit Genügen und Aufmerksamkeit seinen Einfluß in Frankreich wahr, nicht ohne sofort, frei von selbstiger Eitelkeit, die Zeichen dieses Einflusses als schlechthin weltliterarische Tatsachen zu buchen. Er begrüßte die Huldigungen und Arbeiten der Globisten als Vorbotenschaft beginnender französischer Gründlichkeit, als Überwindung des französischen Mangels an „Fundament und Pietät“, er notierte eine plattskluge Tasso-kritik ohne Arger und mit Behagen als Zeichen der französischen Normalgesinnung, die nun doch wohl oder übel sich mit ihm auseinandersetzen mußte. Er nahm teil an den eigenen Werken der von ihm beeinflußten jungen romantischen Generation, zumal Victor Hugos, und freute sich durch die Gabe eines jungen Bildhauers die Persönlichkeiten dieses Kreises sich körperlich verdeutlichen zu können. Es war darunter freilich außer Victor Hugo selbst keine die ihm als literarische Gestalt, unabhängig von ihren persönlichen Beziehungen zu ihm, viel sagte.

Victor Hugo, der einst sein Nachfolger im europäischen (freilich Deutschland selbst nicht einschließenden) Dichterfürstentum werden sollte, fiel ihm auf durch die unerhörte pittoreske Gewalt seiner Phantasie. Eine solche Vereinigung von Maler und Rhetor, wie sie in den Odes et Ballades und in den Orientales sich kundgab, war in der Lyrik noch nicht dagewesen und mußte Goethe faszinieren. Denn Anschaulichkeit und Helle, Eindrücklichkeit der Motive ging ihm damals über alles und er wertete sie an Gedichten höher als „Innerlichkeit“ oder „Stimmung“. So sah er gern über Theatralik und sogar Verzerrungen hinweg. Die Meisterschaft des Ausdrucks, die in Hugo einen Gipfel nicht nur der französischen Dichtung erreicht, bewunderte er als Fachmann, ohne sich viel um die seelische Art des Ausgedrückten zu kümmern. Dagegen verdroß ihn, als den Wächter der europäischen Kräfte, der Raubbau den Victor Hugo mit seiner Phantasie zu treiben schien, die ehrgeizig rastlose Schriftstellerei — unverständlich für den einsam leisen Selbstbildner — und die nach Technik wie Inhalt brutale Schreckensmalerei, die fratzenhafte Gewaltsamkeit von Hugos großem Geschichtsroman Notre-dame de Paris. Der war freilich auf Nerven und Phantasie eines mehr reiz- als bildungshungrigen Geschlechts berechnet, und mußte Goethe nicht nur unschön sondern unedel, ja plebejisch Vorkommen. Von großen Franzosen des neunzehnten Jahrhunderts außer Hugo hat Goethe keinen mehr als eigene Gestalt gesehen, wenn er auch gelegentlich ahnungsvolle Blicke auf Werke von Stendhal, Merimee, Balzac und Delacroix warf.

Weniger eine weltliterarische als eine kulturgeschichtliche Gestalt war ihm der Meister des Chanson, Beranger, dessen anmutig dreiste vom Tag für den Tag lebende Gesänge ihn ergötzten, wie er wohlwollend dem Tun und Treiben des Volkes von seiner Höhe herab zusah, seinem Tanz und Gesang, seinen Bräuchen und sogar Unsitten worin Natur und Zivilisation sich kreuzen. Beranger war ihm sozusagen die Volksstimme, das Volkslied einer gebildeten, selbst überbildeten Stadtgesellschaft, die kindliche Selbstpersiflage und Selbstfeier einer altgewordenen Welt, die gute Laune, der gesunde und mit Grazie flache Menschenverstand, die genügsame Freiheit inmitten der geistig und sinnlich abgefeimten überreifen Großstadt.

Inzwischen war, ebenfalls durch den Werther vorbereitet, und wohl auf dem Weg über Frankreich, Goethes Ruhm und Wirkung auch nach England gedrungen und hatte dort zwei europäische Meister ergriffen die, weit mehr als irgendein lebender Franzose, durch Werk und Person ihn seines Einflusses froh werden ließen, und ihm auch abgesehen von seinem Einfluß den letzten großen Zuwachs seines literarischen Pantheon bedeuteten: Scott und Byron. Auch an Scott zogen ihn zunächst weniger seelisch-menschliche als technisch-artistische Tugenden an, und mehr der Leistung als der Persönlichkeit des ruhig festen, gründlich breiten, würdig klaren Fabulierers galt sein Beifall: der durchgearbeiteten Anschaulichkeit seiner Schilderungen, der soliden Führung seiner Geschehnisse und der sorgfältigen Begründung und Ründung seiner Charaktere — der behäbigen Herrschaft über einen weitschichtigen aus Historie und Erfahrung gesammelten, mit Herzensgüte durchwärmten, mit Menschenkenntnis und Weltverstand durchleuchteten Stoff. Was Goethes Götz von Berlichingen, unter Herders Lehre und Shakespeares Wirkung, begonnen: die gebildete Belebung heimischer Geschichte durch dichterische Phantasie, das hat sich in Scott gekreuzt mit den Traditionen des englischen Sittenromans und ein neues Gebild in die Weltliteratur gezeugt, den historischen Roman, der die romantische Ferne und Höhe der Vergangenheit vereint, oder auch vermengt, mit der aus Um» weit und Erlebnis geschöpften gegenwärtigen Menschen-und Sittenkunde. Die geschichtliche Bildung gibt Farben, Zustände und Handlungsmöglichkeiten die dem bloßen Zeitgenossenkreis, der bürgerlichen Welt, versagt sind. Aber die heutige Welt die man durchlebt und kennt, in die Vergangenheit psychologisch übertragen und allenfalls aufgehöht, unter der Voraussetzung daß die Menschen zu jeder Zeit gleich seien, gibt Leben und Wärme, wie sie nie aus bloßer Lektüre zu schöpfen ist. Der historische Roman ist nicht, wie Shakespeares Königsdramen, die Mythisierung einer noch lebendig fortwirkenden und als der Gegenwart gleichartig empfundenen und gedeuteten Vergangenheit, sondern, wie auch Goethes Götz, das Ergebnis einer bildungshaften, bereits literarischen, ja theoretischen Rückschau, die die Vergangenheit gerade als Vergangenheit, um ihrer Ferne, Höhe, „Romantik“ willen wiederbeleben (nicht die Gegenwart darin verewigen) möchte, und sich dazu notgedrungen der aus dem Heut geschöpften Seelenkunde bedienen muß. Weniger diese Tendenz als der Motivenreichtum, den Scott aus der Fusion seiner gründlichen Geschichtslektüre mit seiner reichen, englisch tüchtigen Weltkunde zog, sprach Goethe an, so daß er dabei gern die romantische Verfälschung der Geschichte übersah, die ihn ohnehin nicht interessierte, und die halbechte Maskerade der Menschen, die dadurch farbiger oder prägnanter erschienen.

Auf die Dauer langweilte ihn Scott freilich doch: denn seine Weltart, würdig und tüchtig wie sie ist, seinen Reichtum wie seine Technik lernt man aus einem oder zwei Werken so gut kennen wie aus zwanzigen, und wenn man auch am zehnten noch bewundern kann was man am ersten bewundert, so lernt man dabei doch nichts wesentlich Neues mehr über das Ewige, höchstens zufällig stofflich Neues über das Vergangene, und das war nicht Goethes Wunsch. Bei gleichbleibender Anerkennung der Meisterschaft vermißte er an Scott die sich entwickelnde, ich- und weltverwandelnde Schöpferkraft, die mit jedem Werk dem Chaos einen neuen Bezirk abringt, wie Shakespeare oder er selbst, die frischserfahrende zauberhafte Seele die über die abgeschlossene Kunstleistung hinausstrahlt und als eigenes Bild jenseits des Werks sich erhebt.

Diese, und gerade diese fand er an Lord Byron. Auch hier bewunderte er Werk um Werk, die freie, ja verwegene Verskunst, die mit Schwierigkeiten jonglierte, um in ihrer ganzen Schnell- und Spannkraft zu glänzen, die weltmännische Sicherheit und Anmut womit jedes beliebige Thema aufgenommen und fallengelassen wurde, die gewandte Beweglichkeit der Übergänge, die spielende Allgegenwart der Gleichnisse und Realien aus vielen Gebieten, besonders der „Gesellschaft“ (woran es den deutschen Genies gewöhnlich fehlte) die kühne und wache Phantasie die Lagen und Landschaften vorrief. Die Bildkraft und die Sprachkraft, der Reichtum an . „Welt“ und an Natur, die Freiheit und die Leichtigkeit, die Eleganz und die Energie seiner Dichtung waren für Goethe so erstaunlich, daß er ihn als einzigen Zeitgenossen neben sich gelten ließ, ihn neben, ja über seinen verehrten Schiller stellte, jedes neue Werk von ihm begrüßte, glossierte, einführte, mit Stolz jede Spur eignen Einflusses, besonders des Faust, darin feststellte, die Huldigung Byrons, wie keine andre, auf gleicher Höhe er widerte, und ihn als Meister ehrte wie sonst nur Unsterbliche der Vorwelt.

Doch wie sehr er auch die einzelnen Werke Byrons als Werke bewundern mochte, die ungestüme Gewalt seiner Lyrik, den himmelhohen und tiefen Schwung seiner Mysterien, worin Grübeleien Raum und Landschaft wurden, die sinnreiche Verwegenheit seiner Satiren, die Weltbreite und -buntheit seines Don Juan, die erfrischende Berg- und Meerluft seiner Erzählungen, und überhaupt das aug- und lungenerweiternde, erdnahe und erdkräftige Pleinair seiner Schilderungen — wofür er ihm sogar die herz-und hirnbeklemmende Dumpfheit seiner Probleme und die Eintönigkeit seiner Gestalten verzieh — wie sehr immer Goethe in Byrons Werken Genuß und Anregung fand: darüber hinaus und davon losgelöst erregte, ja berauschte und erschütterte ihn das Sein und Leben dieses Mannes, wie keines seit Napoleon.

Dies ist nicht selbstverständlich, und Goethes fachmännische Bewunderung für Byrons Meisterschaft erklärt keineswegs den Zauber den der Mensch Byron auf Goethe ausgeübt hat. Ja, dieser Zauber möchte eher die Ursache als die Folge jener Bewunderung sein, und wenngleich er, beim Mangel persönlichen Verkehrs, durch das Medium der Werke zu Goethe gelangen mußte, so ist er doch nicht in den Werken beschlossen und nicht aus ihnen allein faßbar. Was hat Goethe an Byrons Gestalt so verlockt, daß sie ihm zum Gedicht, ja zum Mythus werden konnte? Denn Byron war fast das Gegenteil dessen was der alte Goethe als Wunschbild menschlicher Haltung forderte, und Goethe war nicht blind dafür, deutete ihn nicht etwa nach seinem Wunschbild um, erkannte seine Mängel: die schrankenlose Subjektivität, die im All nur sich und ihr verschuldetes oder eingebildetes Leiden wiederfand, die unfruchtbare Selbstbespiegelung und Ichzergrübelung, die absichtlich und fast kokett schiefe, pflichtlose Stellung zur Welt, die unbeherrschte Maßlosigkeit des Temperaments und die kindliche, ja kindische Dumpfheit der Vernunft, der Mangel an philosophischem Sinn, wodurch ihm nur der inspirierte Ausdruck der Zustände, aber keine objektive Reflexion glückte. Gerade was Goethe nach seiner Selbsterziehung von sich und andren zumeist verlangte das fehlte dem Lord: Maß, Ordnung, Helle, Gleichgewicht zwischen Ich und Welt. Goethe hätte ihn, bei aller Bewunderung seines Talents, beurteilen können wie er Heinrich von Kleist beurteilt hat (und wie auch, gerade als Jünger und Verehrer Goethes und nach Goethischen Gründen und Maßen, Carlyle ihn beurteilt hat) als eine Verzerrung des runden Menschenbildes, als eine Störung der werkfroh frommen Welt. Goethe hat es nicht getan, er hat nicht nur seine Ichsucht, und seine Maßlosigkeit, sondern selbst seine Verneinungen (seine „verhaltenen Parlamentsreden“) entschuldigt. Warum, um welches belebenden Ja willen, das seine Grundsätze, selbst seine Forderungen auf hob vor diesem neuen Menschen? Byrons „inkommensurable“ Erscheinung durch» brach, wie die Napoleons, Goethes „Ratio“ und deren Fachwerk, und immer war Goethe nicht nur bereit auf den Trümmern fester Maßstäbe für ein neues Erlebnis umzulernen, sondern auch dem dankbar der ihn dazu nötigte.



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