> Gedichte und Zitate für alle: Gedichte v. G.K.Pfeffel: Das Bild des Todes (2)

2016-05-06

Gedichte v. G.K.Pfeffel: Das Bild des Todes (2)



Das Bild des Todes

Des großen Zoroasters Ruhm
War durch ganz Orient verbreitet.
Von Oromaz ins Heiligtum
Der himmlischen Magie geleitet,
Trat er auf Hermes lichte Spur
Und fand der plastischen Natur
Geheime Werkstatt aufgeriegelt,
Und las mit eines Sehers Blick
Der Nachwelt mystisches Geschick
In der Gestirne Lauf entsiegelt.
Von Vorwitz und von Mut beflügelt,
Kam einst ein Prinz vom Indusstrand
Nach Persien, die Wunderlehren
Des Philosophen anzuhören.
Er trat an seines Führers Hand
Mit raschen Schritten auf die Brücke
Des Geisterreichs. Die Scheidewand
Der Körperwelt zog sich zurücke,
Und manches neue Sylphenland
Lag aufgedeckt vor seinem Blicke.
Erfahrung macht den Schüler kühn;
Er wollte stets noch höher steigen
Und bat im Heldentaumel ihn,
Das Bild des Todes ihm zu zeigen.
Der Weise ziehet einen Kreis
Und schlägt mit seinem goldnen Stecken
Dreymal den Grund. Auf sein Geheiß
Erscheinet der Monarch der Schrecken.
Gott! rief der Prinz in kalten Schweiß
Getaucht, was seh ich? laß mich fliehen!
Ha! welch ein scheußliches Phantom,
Aus dessen Auge, wie ein Strom,
Des Orkus rote Blitze sprühen!
Mit Schlangen ist sein Haupt geschmückt
Und – seine Faust, o laß mich fliehen!
Hält einen Dolch auf mich gezückt.
Mein Sohn, versetzt der graue Weise
Und nahet lächelnd sich dem Kreise,
Ich sehe die Harpye nicht,
Vor welcher deine Seele bebet;
Ein Engel ists, der vor mir schwebet,
Gehüllt in heitres Sonnenlicht:
Sein Scheitel ist mit Mohn umkränzet,
Und wie ein Demantzepter glänzet
In seiner ausgestreckten Hand
Der Schlüssel zu der Himmelspforte.
Itzt sprach er drey geheime Worte
Und das erhabne Bild verschwand.
Der Jüngling weint am Hals des Alten:
Du siehst, fuhr dieser fort, mein Sohn,
Der Tod ist ein Chamäleon,
       Er borget immer die Gestalten
Der Seelen, denen er sich weist.

Und so, Geliebte, wird dein Geist
In ihm der Tugend Bild erblicken,
Das ich mit täuschendem Entzücken
Schon oft statt deines Bilds gegrüßt.
Entferne, Gott, die große Szene,
Bis mich ein Aschenkrug verschließt,
Und meiner Freundin stille Thräne
Auf meinen Staub geflossen ist.
alle Gedichte v. Pfeffel                                                                                                               weiter

Keine Kommentare: