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2016-05-21

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Zelter ohne Datum (143)



142 a. An Zelter ohne Datum

Der Meister 

Frisch! der Wein soll reichlich fließen,
Nichts Verdrießlichs weh’ uns an!
Sage, willst du mitgenießen?
Hast du deine Pflicht getan?

Einer

Zwei recht gute junge Leute 
Liebten sich nur gar zu sehr;
Gestern zärtlich, wütend heute, 
Morgen wär’ es noch viel mehr. 

Senkte hier Sie das Genicke,
Dort zerrauft’ Er sich das Haar;
Alles bracht’ ich ins Geschicke,
Und sie sind ein glücklich Paar.

Chor

Sollst uns nicht nach Weine lechzen! 
Gleich das volle Glas heran!
Denn das Ächzen und das Krächzen 
Hast du heut schon abgetan.

Ein anderer 

Warum weinst du, junge Waise? 
»Gott! ich wünschte mir das Grab! 
Denn mein Vormund, leise, leise, 
Bringt mich an den Bettelstab.«
Und ich kannte das Gelichter,
Zog den Schächer vor Gericht. 
Streng’ und brav sind unsre Richter, 
Und das Mädchen bettelt nicht.

Chor

Sollst uns nicht nach Weine lechzen! 
Gleich das volle Glas heran!
Denn das Ächzen und das Krächzen 
Hast du heut schon abgetan.

Ein dritter 

Einem armen kleinen Kegel,
Der sich nicht besonders regt,
Hatt’ ein ungeheurer Flegel 
Heute grob sich aufgelegt.

Und ich fühlte mich ein Mannsen, 
Ich gedachte meiner Pflicht,
Und ich hieb dem langen Hansen 
Gleich die Schmarre durchs Gesicht.

Chor

Sollst uns nicht nach Weine lechzen! 
Gleich das volle Glas heran!
Denn das Ächzen und das Krächzen 
Hast du heut schon abgetan.

Ein vierter 

Wenig hab’ ich nur zu sagen,
Denn ich habe nichts getan;
Ohne Sorgen, ohne Plagen 
Nahm ich mich der Wirtschaft an. 
Doch ich habe nichts vergessen,
Ich gedachte meiner Pflicht:
Alle wollten sie zu essen,
Und am Essen fehlt’ es nicht.

Chor

Sollst uns nicht nach Weine lechzen! 
Gleich das volle Glas heran!
Denn das Ächzen und das Krächzen 
Hast du heut schon abgetan.

Ein fünfter 

Einer wollte mich erneuen,
Macht’ es schlecht, verzeih’ mir Gott! 
Achzelzucken, Kümmereien!
Und er hieß ein Patriot.
Ich verfluchte das Gewäsche,
Rannte meinen alten Lauf.
Narre! wenn es brennt, so lösche, 
Hat’s gebrannt, bau wieder auf!

Chor

Sollst uns nicht nach Weine lechzen! 
Gleich das volle Glas heran!
Denn das Ächzen und das Krächzen 
Hast du heut schon abgetan.

Der Meister 

Jeder möge so verkünden,
Was ihm heute wohlgelang!
Das ist erst das rechte Zünden,
Daß entbrenne der Gesang.
Keinen Druckser hier zu leiden,
Sei ein ewiges Mandat.
Nur die Lumpen sind bescheiden, 
Brave freuen sich der Tat.

Chor

Keiner soll nach Weine lechzen! 
Schnell das volle Glas heran!
Denn das Ächzen und das Krächzen 
Haben wir nun abgetan.

Drei Stimmen 

Heiter trete jeder Sänger 
Hochwillkommen in den Saal:
Denn nur mit dem Grillenfänger 
Halten wir’s nicht liberal;
Fürchten hinter diesen Launen, 
Diesem ausstaffierten Schmerz, 
Diesen trüben Augenbraunen 
Leerheit oder schlechtes Herz.

Chor

Niemand soll nach Weine lechzen,
Doch kein Dichter soll heran,
Der das Ächzen und das Krächzen 
Nicht zuvor hat abgetan!

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