> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe ohne Datum (162)

2016-05-26

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe ohne Datum (162)



160. An Goethe ohne Datum

Diesmal also komm’ ich auf einem antiken Stier angeritten. Schreiben Sie mir, mein allerliebster Freund, ja sogleich, wie es eigentlich mit diesem Tiere beschaffen ist; denn so sehr ich mir’s anrechnen würde, wenn das Stück echt und trefflich wäre, so sollte mich’s ärgern, wenn ein modernes Vieh von uns hierzulande nicht wäre erkannt worden.

Ihr Brief vom 28. Februar traf mich in einer teuflisch wütenden Stimmung auf der Singakademie, wo ich alles zu zerschmeißen und zerreißen geneigt war, und hat augenblicklich zum Erstaunen aller Anwesenden wie Orpheisches Spiel gewirkt. Seitdem habe ich ihn wohl schon zwanzigmal gelesen, um mir die Wirkung zurückzurufen, und immer kommt mir’s vor, als ob ich ihn nun erst verstünde.

Das erste, was ich melden kann, ist, daß mein Geschreibe, worüber ich mich in meinem letzten Briefe so bitter beschwert habe, diesmal eine gute Wirkung gehabt hat. Man hat meinen Bericht interessant gefunden und bereits angeordnet, daß etwas geschehen solle; wieviel, wann, auf was Art, wo, sollen Sie auch erfahren.

Von Ihrer Aufführung des »Standhaften Prinzen« tönt hier jeder Mund wider. Sie soll trefflich gewesen sein. Ich habe ein ähnliches Werk vor, indem ich [in] der Singakademie eine alte, sehr tüchtige Musik aufführen will, wozu mich die Mitglieder veranlaßt haben. Dabei wollen sie aber ihr altes unzüchtiges Wesen auch haben, das will ich nicht leiden, und da gibt’s Zank und schwere Pein.

Daß Sie mir Undankbaren — den 13. Band Ihrer Werke senden wollen, ist eine schöne Sache; denn er wandert, sobald ich ihn habe, sogleich dahin, wo die zwölfe geblieben sind. Der Mann hat guten Willen, und ich will ihn warm halten.

Was Sie mir über die »Farbenlehre« und die Mathematiker geschrieben haben, macht mir den größten Spaß, den Gott nur schicken kann, indem ich diese Stelle schon mehrern vorgelesen habe, um sie wütend toll zu machen. Ein gewisser Weiß oder Weiße aus Leipzig ist jetzt hier, der sich, wie ich fast glaube, damit anzuschmieren gedenkt, indem er gegen die »Farbenlehre« loszieht. Ich kenne ihn nicht, aber ein anderer Mathematiker sagte mir vorgestern: der Weiße macht es zu arg. Könnte man ihnen allen aber den Tollwurm aufregen, das wäre mein größtes Vergnügen.

Endlich habe ich auch die neue gekrönte Pariser Oper (»Die Vestalin«) gesehn und gehört. Damit ist es ein rechter Weltspaß, und die Herren des Konservatoriums zu Paris, welche nicht einig werden konnten, welchem von zwei tüchtigen Leuten sie den Preis geben sollten, weil sie eigentlich gar kein Kriterium kennen und ihr ganzes Treiben auf Vogelpfeiferei richten, haben sehn müssen, daß der Kaiser sich in die Sache mischte und den Preis einem jungen Künstler zuerkannte, aus dem (wenn er über 25 Jahre alt ist) niemals was Ordentliches werden wird. Das Gedicht ist für eine Oper locker genug gelegt und hat Raum für Musik. Dies hat der Herr Spontini denn auch so genutzt, daß er wie ein Knabe, dem zum ersten Male die Hände aus dem Wickelbande losgelassen werden, überall mit beiden Fäusten so gewaltig drein patscht, daß einen die Stücke um die Ohren fliegen.

Bettine hat am Sonntage vor 8 Tagen Hochzeit machen wollen. Da hatten beide einige Kleinigkeiten zu besorgen vergessen, zum Exempel: sich aufbieten zu lassen, eine Wohnung zu mieten, ein Bette anzuschaffen und dergleichen. Darüber muß nun die Sache, ich glaube gar bis nach Fasten, in statu quo bleiben. Z.

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